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​Domingo Villar

Wasserblaue Augen

Domingo Villar

Wasserblaue Augen

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Unionsverlag

metro – Spannungsliteratur im Unionsverlag,

begründet von Thomas Wörtche

Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel
Ojos de agua bei Ediciones Siruela, Madrid.

Deutsche Erstausgabe

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www.unionsverlag.com

© by Domingo Villar 2006

© by Unionsverlag 2009

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mail@unionsverlag.ch

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Peter Löffelholz

Umschlagfoto: Mike R. Manzano

Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-293-00399-6

Für Beatriz, die mich in ihren Augen ans Meer trägt

Dunkel

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​Die Lichter entlang der Küste, der Widerschein der Stadt in der Ferne, die weiße Gischt der Brandung … Selbst bei Dunkelheit, wenn Regen an die Scheiben schlug – wer zum ersten Mal bei ihm war, trat unweigerlich ans Fenster und sagte etwas über die Aussicht.

Luis Reigosa nahm eine CD aus dem Regal, schob sie in den CD-Player und brachte dann die Drinks, in großen Gläsern, deren Rand er zuvor mit Zitronenschale eingerieben hatte. Dass er zum letzten Mal Drinks servierte, hätte er sich nicht träumen lassen.

Sie hörten das Toben des Windes, als sie Arm in Arm ins Zimmer hinuntergingen. Hinter ihnen beschenkte Billie Holiday sie mit The Man I Love.

Someday he’ll come along

The man I love

And he’ll be big and strong

The man I love.

Erkennungsmelodie

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​»Polizei – Leo: drei zu null.«

Leo Caldas nahm den Kopfhörer ab, zündete sich eine Zigarette an und sah zum Fenster hinaus, erleichtert, dass der Druck auf den Ohren nachließ.

Im Park liefen Kinder hinter Tauben her. Ihre Mütter verfolgten sie mit wachsamen Blicken und unterhielten sich angeregt mit ihren Freundinnen; die Vögel warteten nicht weniger wachsam, bis die Kinder nahe an sie herankamen, und flogen dann rasch auf.

Eine Frau rief an, die sich über das Lokal unter ihrer Wohnung beschweren wollte, also setzte Leo den Kopfhörer wieder auf. Manchmal sei es so schlimm, dass sie die ganze Nacht nicht schlafen könne. Geschrei, Musik in voller Lautstärke, hupende Autos, die in zweiter Reihe hielten, Gesänge, Schlägereien, vollgepinkelte Hauswände, überall Glasscherben, für ihren Kleinen sei das gefährlich.

Caldas ließ die Frau reden, mehr als ein paar tröstliche Worte hatte er ohnehin nicht anzubieten, das wusste er jetzt schon.

»Ich gebe es ans Ordnungsamt weiter, die sollen mal die Lautstärke messen und kontrollieren, ob die Öffnungszeiten eingehalten werden«, sagte er und notierte sich die Adresse des Lokals.

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Darunter schrieb er: »Polizei – Leo: vier zu null.«

 Weiter ging es mit Musik, bis Rebeca wieder ein mit schwarzem Filzstift beschriebenes Schild an die Scheibe hängte. Leo Caldas zog hastig an seiner Zigarette und legte sie dann auf den Rand des Aschenbechers.

»Guten Abend, Ángel«, sagte der Sendeleiter Santiago Lo­sada zu dem Hörer am anderen Ende der Leitung.

»Denn dies ist die positive Seite der Versöhnung, die Verklärung aus dem Schmerz, die aus der Buße gewonnene Seligkeit, ein Gegenstand, der freilich leicht zu Abwegen verleitet«, sagte der Mann langsam und deutlich artikulierend.

»Wie bitte?«, fragte Losada, nicht weniger erstaunt als Leo Caldas.

»Die aus der Buße gewonnene Seligkeit«, sagte der Mann noch einmal, wieder ganz langsam und deutlich.

»Entschuldigen Sie, Ángel. Sie sind hier bei der Hörfunkstreife«, versetzte Losada. »Haben Sie eine Frage an Inspektor Caldas?«

Keine Antwort, am anderen Ende wurde aufgelegt. Losada fluchte leise. »Für manche Leute gibt es nichts Schöneres, als sich selbst im Radio zu hören«, sagte er zu seiner Verteidigung während der nächsten Werbepause.

Leo Caldas musste lächeln, dem eitlen Losada tat es nur gut, auch einmal etwas einzustecken.

»Von der Sorte kenne ich noch mehr«, murmelte er.

Der nächste Anrufer war ein alter Mann aus einem Viertel am Stadtrand. Er beschwerte sich darüber, dass die Fußgänger­ampel bei ihm in der Nähe viel zu schnell wieder auf Rot sprang, unmöglich, da rechtzeitig über die Straße zu kommen.

Leo schrieb sich die genaue Stelle auf. Er werde der Verkehrspolizei Bescheid geben.

»Fünf zu null, ohne den Anruf von dem Spinner.«

Das Display des vor ihm auf dem Tisch liegenden Handy leuchtete auf; es waren mehrere Anrufe eingegangen.

Insgesamt drei, wie sich herausstellte, alle von Estévez; er beschloss, nicht zurückzurufen. Er war müde und wollte keines­falls länger arbeiten als unbedingt nötig. Sie würden sich nachher auf dem Kommissariat treffen oder, besser noch, morgen.

Er zog noch einmal kräftig an der Zigarette, bis sie ganz heruntergebrannt war, drückte sie dann im Aschenbecher aus und zog sich den Kopfhörer über, um sich anzuhören, was Eva mitzuteilen hatte: Nacht für Nacht kam es bei ihr zu Hause zu Geistererscheinungen, Gestalten mit grässlichen Fratzen, auf jeden Fall ein übernatürliches Phänomen.

Leo fragte sich, ob Losada an einem neuen Programm bastelte, Bei uns im Irrenhaus, für die vielen Erleuchteten, die ständig in seinem Programm unterzukommen versuchten.

Er fühlte sich in seinem Verdacht bestätigt, als er sah, dass Losada Namen und Telefonnummer der Frau in seinem Notizbuch unterstrich. Noch ein paar Anrufe, und die einhundertachte Folge der Hörfunkstreife war überstanden. Leo Caldas warf einen Blick auf das Endergebnis in seinem schwarz eingebundenen Heft: »Polizei neun Punkte, Irre zwei Punkte, Leo null Punkte.«

Mehrdeutigkeit

Caldas betrat das Kommissariat und durchquerte den Gang, der von den beiden Tischreihen gebildet wurde. Schon des Öfteren hatte er, wenn er zwischen den in Reih und Glied aufgestellten Computern hindurchlief, das Gefühl gehabt, sich statt auf einem Polizeikommissariat in einer Zeitungsredaktion zu befinden.

Als Estévez ihn sah, erhob er sich zu seiner vollen Länge von reichlich einem Meter neunzig und ging hinter ihm her.

Caldas öffnete die Milchglastür seines Büros und warf einen Blick auf die Papierstapel, die sich auf dem Schreibtisch angesammelt hatten. Obwohl er wusste, dass es nicht ganz stimmte, brüstete er sich damit, in dem scheinbaren Chaos aus Notizzetteln und Aktenordnern jederzeit das Gewünschte ausfindig machen zu können. Müde von einem langen Arbeitstag ließ er sich in seinen schwarzen Lederstuhl sinken und seufzte, ohne zu wissen, welcher Sache er sich zuerst zuwenden solle.

Rafael Estévez befreite ihn von seinen Zweifeln. »Kommissar Soto hat angerufen. Wir sollen sofort hierhinfahren«, sagte er und schwenkte ein Blatt Papier. »Die von der Brigade sind schon da.«

»Dürfte ich mich vielleicht erst einmal hinsetzen, Señor Rafa? Du bist ja schlimmer als der Kommissar. Was ist denn überhaupt passiert?«

»Keine Ahnung. Ich habe ihm gesagt, dass Sie gerade beim Hörfunk sind. Als ich dann gesagt habe, ich könnte ja hinkommen, hat er gesagt, ich solle lieber auf Sie warten.«

»Zeig mal.«

Caldas las die Anschrift, zerknüllte das Papier und warf es auf den Tisch. »Kacke«, murmelte er, schloss die Augen und lehnte sich im Stuhl zurück.

»Was ist, wollen Sie etwa nicht hin?«, fragte Estévez.

Leo Caldas schnalzte mit der Zunge. »Immer mit der Ruhe, ja?«

»Gut, gut«, sagte Estévez, der sich noch immer nicht ganz an die Gewohnheiten seines Vorgesetzten gewöhnt hatte.

Rafael Estévez war erst wenige Monate zuvor in Galicien eingetroffen. Die Versetzung aus seiner Heimatstadt Zaragoza war wohl als Strafmaßnahme zu verstehen, wie im Kommissariat gemunkelt wurde. In Vigo arbeiten zu müssen, schien ihm nicht allzu viel auszumachen; manches benötigte allerdings eine längere Eingewöhnungszeit, als er erwartet hatte. Dazu gehörte erstens, dass man nie sagen konnte, wie am nächsten Tag das Wetter sein würde, zweitens, dass es ständig bergauf oder bergab ging, wenn man in dieser Stadt unterwegs war, und drittens, dass man nie genau wusste, woran man hier war. Ein Aragonese wie Rafael Estévez war es gewohnt, rasch eine Entscheidung zu treffen, da gab es nur die Wahl zwischen Ja oder Nein, entweder man tat etwas, oder man ließ es sein. Aber hier musste er jedes Mal herausfinden, was seine neuen Mitbürger mit dem, was sie sagten, eigentlich meinten. Das war ziemlich anstrengend.

Am dritten Tag nach seiner Ankunft hatte Estévez die ersten Erfahrungen mit dem typischen Verhalten der Einheimischen machen dürfen; das war, als Kommissar Soto ihm den Auftrag erteilte, einen jungen Mann zu verhören, den man dabei erwischt hatte, wie er seinen Mitschülern Marihuana verkaufen wollte.

»Name?«, hatte Estévez gefragt, entschlossen, die Sache schnell hinter sich zu bringen.

»Wie ich heiße?«, hatte der Junge zurückgefragt.

»Wie ich heiße, wirst du wohl kaum wissen, nehme ich an.«

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»Stimmt eigentlich …«

»Also, Name.«

»Francisco.«

Estévez gab den Namen ein. »Francisco was?«

»Nichts sonst. Francisco.«

»Nachnamen hast du keine, oder wie?«

»Ach so. Martín Fabeiro, Francisco Martín Fabeiro.«

Rafael Estévez gab auch die Nachnamen ein und steuerte dann mit dem Cursor das nächste Feld im Vernehmungsformular an.

»Wohnort?«

»Wo ich wohne?«, fragte der Junge.

Rafael Estévez hob den Blick vom Bildschirm. »Meinst du, ich will von dir wissen, wo ich wohne? Sind wir hier zum fröhlichen Rätselraten, oder was?«

»Nein, Señor.«

»Also, dann mal sehen, ob wir das schaffen. Wie ist deine Adresse?«

Estévez legte in Erwartung der Antwort des Jungen eine Pause ein. Doch der sah sich durch die Frage offenbar zu tiefem Nachdenken veranlasst.

»Meinen Sie, wo ich normalerweise wohne?«, fragte er schließlich.

»Verkaufst du Joints, oder rauchst du sie alle selbst, im Sechserpack? Natürlich meine ich die Adresse, wo du normalerweise wohnst. Damit wir wissen, wo wir dich finden können.«

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»Ach so, na ja, das kommt darauf an …«

»Was soll das heißen? Wie alle anderen auch wirst du ja wohl irgendwo wohnen. Außer du lebst auf der Straße, wie die Katzen.«

»Nein, nein, Señor. Ich wohne bei meinen Eltern.«

»Na also, und wie ist deren Adresse?«, fauchte Estévez.

»Die von meinen Eltern?«

»Pass mal auf, Kleiner, damit eins klar ist: Ich stell hier die Fragen. Kapiert?«

»Kapiert, Señor.«

»Gut, dann sagst du mir jetzt, wo du wohnst und wo deine Scheißfamilie wohnt. Hast du das kapiert?« Estévez war inzwischen rot im Gesicht.

Der Junge sah ihn ratlos an. Worüber regte der riesige Polizeibeamte sich bloß so auf?

»Ob du kapiert hast?« Estévez beugte sich bedrohlich zu ihm hin.

»Kapiert, Señor.«

»Also, dann erledigen wir das endlich. Ich hab nicht den ganzen Morgen Zeit. Wo wohnt ihr, verdammt? Und damit meine ich, wo ihr normalerweise wohnt, nicht die Adresse von dem Puff, wo dein Vater hingeht, wenn Zahltag ist.«

Nach kurzem Schweigen versuchte der Junge es mit einer neuen Frage: »Meinen Sie die Adresse hier oder auf dem Dorf?«

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»Hör mal, Kleiner …« Rafael Estévez musste sich zusammenreißen.

»Also das ist so«, erklärte der Verhaftete hastig, »von Montag bis Freitag sind wir hier, in der Stadt, aber am Freitagnachmittag laden wir den Wagen voll und fahren aufs Dorf. Ich kann Ihnen entweder die eine oder die andere Adresse geben.« Nach dieser Erklärung wartete der Junge auf weitere Anweisungen. Estévez sah ihn an, ohne zu blinzeln.

»Señor?«

Der Beamte schob den Computer zur Seite, packte den Jungen am Jackenaufschlag und hob ihn einen halben Meter in die Höhe. Dann griff er nach seiner Dienstwaffe und zielte damit auf den Mund des entsetzten Jungen.

»Siehst du das hier, Kleiner? Siehst du das, du Volltrottel?«

Der Junge nickte eingeschüchtert und baumelte mit den Füßen in der Luft, die Pistolenmündung zwei Zentimeter vor dem Gesicht.

»Entweder sagst du mir jetzt, wo du wohnst, verdammt noch mal, oder ich schlag dir hiermit sämtliche Zähne aus und steck sie dir Stück für Stück in deinen dämlichen Arsch. Kapiert?«

Der Kommissar, der hinter einer Glasscheibe mitverfolgt hatte, wie sich der Neuankömmling bei einem Verhör verhielt, kam herein und verhinderte, dass Estévez seine Drohung wahr machte. Was nichts daran änderte, dass im Kommissariat seither die verschiedensten Mutmaßungen über den ungestümen Charakter von Rafael Estévez kursierten wie auch über die möglichen Hintergründe seiner Versetzung nach Vigo.

Um den aufbrausenden Beamten unter strikter Kontrolle zu halten, hatte man ihn Leo Caldas zugewiesen. Trotz der Ruhe, die der Inspektor ausstrahlte, befand sich Estévez seitdem beständig im Alarmzustand. Etwas in seinem Inneren sträubte sich zu akzeptieren, dass die Galicier unfähig sein sollten, die Dinge kurz und bündig beim Namen zu nennen. Ihn irritierte das, als wären es schlechte Manieren. Dass die Leute hier einfach so waren, wollte ihm nicht in den Kopf.

Leo Caldas las noch einmal die Adresse auf dem Papier: »Doppelwohnung 17/18, Nordflügel, Torre de Toralla.«

»Los, bevor es dunkel wird«, sagte er und stand auf. »Ist ein schöner Ausflug, du wirst schon sehen.«

Spielmann

Beim Einsteigen pfiff Rafael Estévez eine Melodie, die ihm schon seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf wollte. Leo Caldas lehnte sich im Beifahrersitz zurück, ließ das Fenster ein paar Zentimeter hinunter und schloss die Augen.

»Richtung Strand, stimmts, Inspektor?«, fragte Estévez, der sich inzwischen einigermaßen mit den komplizierten Ortsverhältnissen auskannte, aber im dichten Stradtverkehr leicht den Überblick verlor.

Caldas schlug die Augen auf und sagte zur Erklärung: »Ja, die Insel liegt vor dem Hafen von Canido, das ist der erste nach dem Strand. Kann man eigentlich nicht verfehlen.«

»Ach so, die Insel mit dem großen Hochhaus. Ich weiß schon.«

»Na dann los«, sagte der Inspektor und schloss die Augen wieder.

Rechts von der langen Küstenstraße erstreckte sich der neue Fischereihafen. Er war auf einem Gelände angelegt worden, das man dem Meer abgerungen hatte, indem Stück für Stück die Ria aufgeschüttet worden war. Mehrere Schiffe kehrten zu ihren Anlegeplätzen zurück; über ihnen kreischten Hunderte von Möwen, die sich eine Sardine zum Abendbrot sichern wollten.

Links, auf der dem Meer abgewandten Seite, lag der alte Fischerhafen von Berbés. Die Bogengänge aus Granit, unter denen die Fischer einst ihren Fang abgeladen hatten, waren durch die ständigen Hafenerweiterungen inzwischen ein ziemliches Stück vom Meeresufer entfernt.

Es war Ebbe, und von dem nassen Schlick stieg ein durchdringender Geruch auf, der durch das Seitenfenster ins Wagen­innere gelangte. Estévez atmete tief ein. Er mochte den intensiven Duft, für ihn war das etwas Neues. Er ließ den Blick schweifen, das vielfach zerklüftete System der Rias hatte ihm von Anfang an gut gefallen. Das Meer, wie er es seit den fernen Sommern seiner Kindheit am Mittelmeer kannte, hatte sich vor seinen Augen bis zum Horizont ausgebreitet. In Galicien wurden zwischen grünen Landzungen die Rias sichtbar, deren Farbe sich ständig veränderte; schmale Inselstreifen aus weißem Sand schützten sie vor dem heranbrandenden Atlantik.

Der Straße folgend kamen sie an der Werft vorbei, wo sich die Umrisse künftiger Schiffe abzeichneten; anschließend nahmen sie die Umgehungsstraße, die so hieß, obwohl es hier überhaupt nichts zu umgehen gab, bis sie den Strand von Samil erreichten.

Es hatte mehrere Tage geregnet, doch jetzt lockte eine wohltuende Nachmittagssonne die Leute an die steinerne Promenade, die sich mit Hunden, Trainingsanzügen und Fahrrädern bevölkerte. Der Himmel über dem Meer nahm eine rötliche Färbung an, das erste Anzeichen der heraufziehenden Nacht.

Auf dem Fußballplatz des städtischen Sportzentrums am Strand kämpften zwei Kindermannschaften. Schreiend stürzten sich die Kleinen auf den Ball. Der Wagen fuhr an dem umzäunten Gelände entlang und bog mit einem entschlossenen Schwenker in die enge Kurve der Landstraße entlang der Mündung des Río Lagares. Sie fuhren zu schnell, sodass Caldas gegen den Fahrersitz geschleudert wurde. Er öffnete die Augen, setzte sich wieder zurecht und sah den Fußball spielenden Kindern zu, bis er sie in der nächsten Kurve aus den Augen verlor, weil er gegen die Wagentür geschleudert wurde.

»Verdammt, Rafael! «

»Was denn, Inspektor?«

»Kannst du nicht normal fahren?«

Rafael Estévez nahm den Fuß vom Gaspedal. Gleich darauf schrillte Caldas’ Handy. Im Display erschien der Name von Kommissar Soto. »Für Sie, Chef«, sagte Estévez, als er der Meinung war, es habe oft genug geläutet.

Caldas nahm den Anruf entgegen.

»Hast du die Nachricht bekommen, Leo?« Soto war so hektisch wie immer.

»Wir sind schon unterwegs«, gab Caldas zur Antwort.

»Ist Estévez auch dabei?«

»Ja«, bestätigte Caldas. »Hätte er nicht mitkommen sollen?«

»Er hätte nie zur Welt kommen sollen«, antwortete Kommissar Soto und beendete das Gespräch.

Die Straße schlängelte sich der Küste entlang. Sie passierten mehrere Siedlungen und erreichten schließlich den Strand von Vao. Gegenüber kam die Insel in Sicht.

Toralla war nicht besonders groß. Auf den zwanzig Hektar Land des teuersten Küstenstreifens der ganzen Ria standen eine Handvoll Einfamilienhäuser, davor Strände und unberührte Natur. Mitten in diesem kleinen Paradies ragte jedoch ein zwanzigstöckiges Hochhaus zum Himmel, das zur Hochzeit hemmungsloser Umweltverschandelung aus dem Boden gestampft worden war. Wäre es fünf Jahrhunderte früher errichtet worden, dachte Caldas jedes Mal, wenn er dort vorbeikam, hätte der bloße Anblick genügt, um Sir Francis Drake in die Flucht zu schlagen und samt seinen Freibeutern zur Rückkehr nach England zu bewegen.

Sie bogen von der Landstraße ab und fuhren auf die Zugangsbrücke zu. Estévez hielt vor der Auffahrt. »Müssen wir über die Brücke, Inspektor?«, fragte er.

»Schwimmen wäre mir eigentlich lieber«, antwortete Caldas, ohne die Augen aufzumachen.

Estévez murmelte etwas und lenkte den Wagen über die zweihundert Meter lange Brücke. Im Westen glitzerte das Meer golden im Gegenlicht, dass man fast die Augen zukneifen musste; das Ufer im Osten wurde dafür in allen Einzelheiten von einer Sonne ausgeleuchtet, die fast den Meeresspiegel berührte.

Sie passierten eine Eisentreppe, die zum Strand hinabführte. Die von der Ebbe freigelegten Felsen waren von einer grünen Algenschicht überzogen.

Ein Schlagbaum neben einem Wachhäuschen versperrte die Zufahrt zum Rest der Insel.

»Ist das Privatgelände, Inspektor?«, fragte Estévez.

»Bis hierher nicht«, antwortete Caldas.

Aus dem Häuschen kam ein Wachmann mit einem Notizbuch in der Hand und fragte, wohin sie wollten. Kaum hatte Estévez ihm die Dienstmarke gezeigt, kurbelte er den Schlagbaum hoch und ließ sie passieren.

Der Wagen fuhr eine kleine Straße entlang; auf der einen Seite standen mehrere Villen, auf der anderen war ein Kiefernwald, dessen frischer Duft sich in den Geruch des Meeres mischte. An einer Gabelung fuhren sie rechts weiter, immer den Wald entlang, bis sich vor ihnen der riesige Turm erhob, der Estévez einen bewundernden Pfiff entlockte.

»Hübsches Wolkenkratzerchen, Inspektor. Von Weitem sah der gar nicht so groß aus.«

»Hoffentlich sind die Fundamente entsprechend«, murmelte Caldas, der der Ansicht war, das Beste, was man unter seinen Sohlen haben könne, sei solider Erdboden.

Die meisten Apartments dieses Wunderwerks an schlechtem Geschmack wurden nur im Sommer bewohnt; der Parkplatz zu Füßen des riesigen Gebäudes war so gut wie leer. Caldas entdeckte unter den wenigen abgestellten Autos einen Transporter von der Spurensicherung. Wenn die immer noch da waren, musste es sich um etwas Ernsteres handeln. Estévez stieg aus und sah an dem Gebäude hinauf. Um es ganz in den Blick zu bekommen, musste er den Kopf weit ins Genick legen. Er pfiff noch einmal und folgte dann seinem Chef, der auf den Eingang zuging.

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Die zwanzig Stockwerke waren in drei Flügel aufgeteilt: einen Nord-, Süd- und Ostflügel. Jeder davon musste pro Stockwerk ungefähr zehn Wohnungen umfassen, schätzte Caldas. Sechshundert Wohnungen – einem Immobilienprojekt von solchen Ausmaßen konnte man die Baugenehmigung schlichtweg nicht verweigern, auch wenn es keinerlei Rücksicht auf die Umgebung nahm.

Er las erneut, was auf seinem Zettel stand: »Doppelwohnung 17/18, Nordflügel.«

Als sie aus dem Aufzug traten, erklomm der Inspektor schwungvoll mehrere Treppenstufen; Estévez tat es ihm nach, und der Boden dröhnte unter seinen Schritten.

Am Absperrband der Spurensicherung erkannten sie, welches die richtige Wohnungstür war. Caldas löste das Band am einen Ende ab und öffnete die Tür. Estévez betrat nach ihm die Wohnung; bevor er die Tür hinter sich zumachte, drückte er das Klebeband wieder an den Rahmen.

Sie standen in einem geräumigen Wohnzimmer, dessen gesamte Frontseite von einem riesigen Fenster ohne irgendeinen Vorhang eingenommen wurde. Die untergehende Sonne erfüllte den Raum mit schillernden Rottönen. Die Aussicht war überwältigend: Geradeaus präsentierten sich die Cíes-Inseln, zur Linken erstreckte sich das eine Ufer der Ria, zur Rechten das andere, das zur Halbinsel Morrazo gehörte, die wie ein riesiger steinerner Wasserspeier ins Meer vorstieß.

Rafael Estévez trat sofort ans Fenster, um das Panorama bestaunen zu können. Caldas musterte das Zimmer.

Zwischen zwei Sofas ein niedriger Glastisch. Wo üblicherweise der Fernseher stand, erhob sich eine nagelneue Musik­anlage. Bei den kleinen Metallwürfeln in den Ecken des Raums handelte es sich um Lautsprecher, wie Caldas feststellte. Eine ganze Wand wurde von einem Einbauregal voller CDs eingenommen.

In dem am weitesten vom Fenster entfernten Teil des Zimmers standen ein Esstisch und vier Stühle mit hohen Lehnen, auf dem Tisch ein Körbchen mit Trockenblumen. An der Wand zwei Drucke, auf dem einen war ein mit Liebesszenen dekorierter Krug abgebildet, auf dem anderen der Fries eines klassischen Gebäudes. Neben den Lithografien hingen in einer Reihe sechs Saxofone.

Clara Barcia von der Spurensicherung untersuchte gerade die Fingerabdrücke an einigen auf dem Glastisch stehen gebliebenen Gläsern.

»Hallo, Clara«, sagte Leo und ging auf sie zu.

»Guten Abend, Inspektor Caldas. Ich bin gleich mit den Fingerabdrücken fertig«, antwortete die junge Frau und wollte schon aufstehen.

»Bitte, bleib sitzen«, sagte Caldas mit einer Handbewegung. »Was gibts diesmal?«

»Mord, Inspektor. Ziemlich eklig.«

Caldas nickte. »Und du, kommst du gut voran?«

»Ich hab schon eine ganze Menge zusammen«, sagte Clara und wies auf einige durchsichtige Plastikbeutel, die sie nebeneinander an der Wand deponiert hatte. »Kann aber noch mehr werden.«

»Bist du allein?«

»Nein, wir sind zu viert gekommen.« Das hieß, das komplette Team der Spurensicherung. »Aber jetzt sind nur noch Doktor Barrio und ich hier. Er ist unten, im Schlafzimmer. Da lang.«

Sie stellte das Glas, das sie gerade untersuchte, auf den Tisch zurück und ging zu einer Wendeltreppe. Caldas machte sich hinter ihr an den Abstieg.

»Kommen Sie nicht mit?«, fragte Clara, an Estévez gewandt, zwischen den Stufen hindurch. Caldas drehte sich um und stellte fest, dass sein Assistent immer noch in den Anblick des Panoramas versunken war. Wider Erwarten war der Mann nicht nur imstande, die härtesten Verbrechertypen in Angst und Schrecken zu versetzen, er konnte auch staunend wie ein Kind vor einer Landschaft stehen.

Mit drei flinken Sprüngen war Estévez bei seinem Vorgesetzten. Die Polizistin hielt Caldas und seinem riesenhaften Begleiter zwei Paar Latexhandschuhe hin.

»Wo ist die Leiche?«, fragte Caldas.

»Hier, im Bett«, antwortete Clara Barcia und öffnete die Tür zu dem einzigen Zimmer des unteren Apartments.

Rafael Estévez, der immer noch zugange war, sich die widerspenstigen Handschuhe über seine Pranken zu zerren, öffnete zum ersten Mal seit Betreten der Wohnung den Mund.

»Scheiße, das gibts doch nicht!«

Fund

Das schreckverzerrte Gesicht des Mannes zeigte, wie sehr er hatte leiden müssen. Man hatte ihm mit einem weißen Stück Stoff die Hände ans Kopfende des Bettes gefesselt; sein nackter Körper war zu einer unnatürlichen Position verdreht. Von der Hüfte bis zu den Füßen bedeckte ihn ein Laken.

Leo Caldas verzog reflexartig das Gesicht und verschloss die Nasenlöcher, um die Attacke des Verwesungsgeruchs abzuwehren. Als er erkannte, dass der Leichnam noch viel zu frisch war, um nach Tod zu riechen, entspannte er die Gesichtsmuskeln wieder.

Der Rechtsmediziner Guzmán Barrio, der gerade dabei war, den Körper zu untersuchen, drehte sich um, als er merkte, dass sie ins Zimmer kamen.

»Ich hab schon mal ohne euch angefangen, Leo«, sagte er und deutete auf die Uhr, deren Umrisse sich unter seinem Latexhandschuh abzeichneten.

»Tut mir leid, Guzmán«, entschuldigte sich der Inspektor. »Ich musste erst noch die Sendung zu Ende bringen. Kennst du Rafael Estévez?«, fragte er und wandte sich zu seinem Assistenten um.

»Wir sind uns im Kommissariat schon mal über den Weg gelaufen.«

»Und, kommen Sie gut voran?«, fragte Estévez.

»Geht so.«

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»Verstehe«, sagte Estévez. Und leiser: »Danke für die Auskunft – wie immer: klar und deutlich.«

Inspektor Caldas trat ans Bett und musterte aufmerksam die Hände des Toten. Das Tuch, mit dem sie gefesselt worden waren, war fest verknotet. Die Hände waren groß, aber zart und schimmerten bläulich, anders als die Arme, die ganz weiß waren, weil kein Blut mehr in den Venen floss. An den tiefen Druckstellen an den Gelenken war zu erkennen, dass der Mann bis zuletzt mit aller Kraft versucht hatte, sich zu befreien.

»Weiß man, wer das ist?«, fragte er.

Clara Barcia antwortete: »Luis Reigosa, vierunddreißig Jahre alt. Geboren in Bueu. Berufsmusiker. Saxofonist. Gab Konzerte, Unterricht, alles, was dazugehört. Er lebte allein, die Wohnung hat er seit zwei Jahren gemietet.«

Während der knappen Beschreibung spürte Caldas einen altbekannten Schauder.

Der einzige Leichnam, den er vor seinem Eintritt in den Polizeidienst aus der Nähe zu sehen bekommen hatte, war der seiner Mutter im Sarg gewesen. Er hatte nicht darum gebeten, sie noch einmal sehen zu dürfen, aber als jemand den Vorschlag machte, von ihr Abschied zu nehmen, hatte er keine Einwände erhoben. Plötzlich war der Boden unter seinen Füßen verschwunden, und er fand sich in den Armen eines anderen wieder, dabei hatte er das Gefühl, er schwebe in der Luft, auf der Höhe des dunklen Holzsargs, in dem der reglose Körper seiner Mutter im Totenkleid lag. Verwirrt hatte er das mit einer wachsartigen Schicht überzogene Gesicht seiner Mutter angestarrt, bis einige Tränen von ihm auf der Glasplatte zersprangen, die den Sarg bedeckte. Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden, die ihm aber in der Erinnerung wie eine Ewigkeit vorkamen. Die Augen seiner Mutter waren ge­schlossen und tief in den Höhlen versunken, die bleichen Lippen hoben sich kaum vom Rest des Gesichtes ab, nichts war mehr geblieben von dem kräftigen Rot, mit dem sie sich noch während der letzten Tage ihrer Krankheit geschminkt hatte.

Jahrelang war ihm dieses wächserne Bild im Traum erschienen. Und dazu die Erinnerung an seinen Vater, der mit vom Schmerz zerstörtem Gesicht in der Zimmerecke saß, aber nicht eine Träne vergoss.

Später, während der Ausbildung an der Polizeiakademie, hatte man ihn immer wieder davor gewarnt, wie hart es sein könne, unmittelbar vor dem Opfer einer Gewalttat zu stehen. Leo Caldas hatte ängstlich und neugierig zugleich seiner ersten Begegnung mit dem Tod entgegengesehen, ohne sich vorstellen zu können, wie er reagieren werde.

Schon bald bekam er Gelegenheit, es auszuprobieren. Bei einem seiner ersten Nachtdienste musste er einen alterfahrenen Kollegen zu einem Park begleiten, wo ein Obdachloser erstochen aufgefunden worden war. Zu seiner nicht geringen Überraschung stellte er fest, dass ihn die Begegnung mit der Leiche des Unbekannten in keiner Weise beeindruckte. Ohne zu zögern, näherte er sich dem Toten. Seit damals waren für Caldas anonyme Leichen wenig mehr als herrenlose Gegenstände. Mühelos konnte er am Tatort ausblenden, dass die vor ihm liegenden menschlichen Überreste einmal von lebendigem Atem beseelt gewesen waren; dabei spielte keine Rolle, ob die Leiche bereits in Verwesung übergegangen oder noch warm war. Nur eines zählte jetzt: Indizien zu suchen und herauszufinden, wie es zu dem Tod gekommen war, indem er die verstreuten Teile des Puzzles zu einem Ganzen zusammenfügte.

In dem Augenblick jedoch, wo die Identität des Toten enthüllt wurde, durchfuhr ihn jedes Mal ein Schauer. Als würde die Nennung eines Namens und einer noch so summarischen Biografie deren Besitzer in Fleisch und Blut neben dem Gegenstand seiner kriminologischen Untersuchung auferstehen lassen.

»Er hat allein gelebt, sagst du?«, fragte Caldas.

Clara Barcia nickte.

»Wie haben wir von seinem Tod erfahren?«, fragte er weiter, verwundert darüber, dass man die Leiche so schnell aufgefunden hatte.

»Der Wachmann hat Bescheid gegeben«, antwortete Clara. »Die Putzfrau hat die Leiche entdeckt. Sie kommt zweimal die Woche. Die Ärmste tauchte total geschockt in seinem Wachhäuschen auf, der Anblick war ein bisschen viel für sie gewesen. Sie mussten ihr erst einmal ein Beruhigungsmittel spritzen, vor morgen können wir nicht mit ihr sprechen. Ferro hat den Vorfall aufgenommen, wahrscheinlich sitzt er schon im Kommissariat und schreibt den Bericht.«

Caldas nickte. Er ärgerte sich, dass er so spät gekommen war, umso mehr, weil es wegen dieser Sendung gewesen war.

»Wann, glaubst du, ist er ermordet worden?«, fragte er.

»Gestern Nacht«, versicherte Guzmán Barrio, »wenn man nach der Körpertemperatur geht, gestern Nacht zwischen sieben und zwölf. Genaueres kann ich aber erst nach der Autopsie sagen.«

»Wenn ich hier nicht mehr gebraucht werde, mache ich oben weiter«, sagte Clara und stieg wieder die Wendeltreppe hinauf.

Leo Caldas stand immer noch vor dem Toten. Er konnte den Blick nicht von dessen Augen lösen. Sie waren ungewöhnlich hellblau, standen weit offen und schienen ihn entsetzt anzustarren.

»Weiß man schon, wie er gestorben ist?«, fragte Estévez den Rechtsmediziner.

»Reigosa?«, fragte Guzmán Barrio zurück.

»Nein, Lady Di«, versetzte Estévez barsch.

»Mach dir nichts daraus, Guzmán, Rafael kann nicht anders.« Leo Caldas ging dazwischen und bedachte seinen Assistenten mit einem missbilligenden Blick. »Weißt du schon, wie er gestorben ist?«

»Die genaue Todesursache muss ich erst noch bestimmen. Das hier hat auf jeden Fall eine Menge damit zu tun gehabt«, sagte er und schlug die Decke zurück, die bis jetzt über dem Unterleib des Toten gelegen hatte. »Mehr kann ich im Moment aber nicht sagen.«

»Verdammte Scheiße! Was hat der denn da?«, rief Estévez, fasste sich mit beiden Händen an den Hodensack und trat einen Schritt zurück.

»Damit war ich gerade beschäftigt, als ihr reingekommen seid«, sagte der Arzt. »Ich weiß selbst noch nicht, was das eigent­lich ist.«

Die Leiche wies eine riesige Schwellung auf. Das Hämatom begann in der Mitte des Unterleibs und setzte sich an beiden Beinen fort. Eins davon war schauerlich schwarz bis hinab zum Knie.

Das war keine menschliche Haut mehr, für Caldas sah es aus wie ein Stück frisch gegerbtes Leder. So etwas hatte er noch nie gesehen. Doktor Barrio offenbar auch nicht, der Verblüffung nach zu urteilen, mit der er die völlig verrunzelte Hautpartie betrachtete.

»Entschuldigung, Doktor, der Tote heißt Reigosa, haben Sie gesagt, ja?«, fragte Estévez, der sich wieder herangewagt hatte, um besser sehen zu können.

»Sieht so aus«, räumte der Arzt ein.

»Und wo, bitte, hat der den Pimmel, dieser Señor Reigosa, wenn man fragen darf?«

Barrio berührte mit seiner Chirurgenzange einen kleinen Wulst inmitten des dantesken Hämatoms. »Was, glaubst du, ist dieses schwarze Etwas da?«

Estévez beugte sich über die Stelle. »Das da?«, fragte er verwundert.

Der Arzt nickte, und Estévez sah ungläubig zu seinem Vorgesetzten hinüber. »Haben Sie das gesehen, Herr Inspektor? Der konnte ohne Zange nicht mal pinkeln.«

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Auch Leo Caldas kam näher, um den Leichnam genauer in Augenschein zu nehmen. Der Körper war in dem betroffenen Bereich stark angeschwollen – aber wenn das auch für das Geschlecht des Toten galt, wie hatte man sich Reigosas Penis dann im ursprünglichen Zustand vorzustellen? Er erinnerte ihn an die leere Schale einer kleinen Entenmuschel: dunkel und schartig. Ebenso schwarz wie alles drum herum waren die Hoden des Saxofonisten. Sie sahen aus – und waren auch so klein – wie zwei Rosinen. Mit fragendem Blick wandte er sich an den Arzt.

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»Keine Ahnung, womit die die so kleingekriegt haben, ich komme wirklich nicht darauf. Feuer vielleicht oder sonst irgendwas mit Hitze – aber die Haut ist ja nirgendwo verbrannt, das seht ihr selbst.« Der Arzt bewegte Reigosas winziges Glied hin und her. »Komisch, total rissig und aufgesprungen, aber nirgends ist eine Wunde oder Blut. Vielleicht haben sie ihm irgendeine Säure drübergekippt.«

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»Es muss jedenfalls wahnsinnig wehgetan haben«, sagte Caldas und stellte sich schaudernd die Szene vor. »Hat denn niemand etwas mitbekommen? Auch wenn um diese Jahreszeit kaum Mieter hier sind – irgendwer müsste doch die Schreie gehört haben.«

Barrio deutete auf ein Stück Klebeband und eine feuchte weiße Kugel auf dem Nachttisch. »Als wir ihn gefunden haben, war sein Mund damit verstopft«, erklärte er. »Den Wattebausch haben sie ihm bis fast in den Rachen geschoben und dann mit dem Band die Lippen versiegelt. Unmöglich, auf diese Weise auch nur ein Wort hervorzubringen.«

Schweigend blickten sie auf den toten Saxofonisten.

»Es muss schrecklich gewesen sein. Habt ihr seine Augen gesehen?«, sagte Barrio schließlich.

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Leo Caldas nickte. Von Nahem sahen die Augen noch furcht­erregender aus. Was Reigosa hatte durchmachen müssen, stand überdeutlich darin geschrieben; und er hatte sich nicht einmal durch einen Schrei Erleichterung verschaffen können. Caldas fiel ein Satz von Camus ein, den er irgendwo gelesen hatte – der Mensch werde geboren, lebe unglücklich und sterbe dann, oder so ähnlich.

»Noch nie habe ich solche Augen gesehen«, sagte der Inspektor und deutete auf Reigosas Gesicht. »Als ob sie künstlich wären, findest du nicht?«

»Stimmt«, sagte Barrio, »zuerst habe ich gedacht, er trägt Kontaktlinsen. Aber er hatte wirklich solche Augen, wie aus Wasser.«

Reigosas Schlafzimmer war groß und hell, natürlich auch mit einer spektakulären Aussicht durch die Fensterfront; im Moment war es wie die übrige Wohnung in rötliches Licht getaucht. Über dem Kopfende des Bettes hing ein gerahmter Kunstdruck, eine Reproduktion von Edward Hoppers Hotelzimmer. Caldas hatte das Original einmal zusammen mit Alba in der Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid gesehen. Die Einsamkeit der auf dem Bett sitzenden Frau, ihre gelassene Schönheit und ihr trauriger Gesichtsausdruck hatten ihn tief beeindruckt. Vor diesem Kunstdruck hatte Caldas wieder das Gefühl, der Maler habe die Intimsphäre der Frau verletzt, indem er sie einfach so, im rosa Nachthemd neben dem halb ausgepackten Koffer, dargestellt hatte. Er fragte sich, ob sie Reigosas Intimsphäre nicht gerade auf ganz ähnliche Weise verletzten.

Auf dem Nachttisch auf der anderen Bettseite stand ein gerahmtes Foto des Toten mit einem Saxofon in den Händen.

Neben dem Foto lagen übereinander zwei Bücher. In dem oberen steckte ein Lesezeichen; der Titel lautete Vorlesungen über die Ästhetik. Caldas nahm es in seine behandschuhten Hän­de und las die Angaben zum Autor auf dem Buchrücken: »Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Stuttgart 1770–Berlin 1831«.

Von hinten näherte sich Estévez. »Vorlesungen über die Ästhetik. Da muss einer aber ziemliche Einschlafschwierigkeiten haben, um bei der Bettlektüre wach zu bleiben, glauben Sie nicht, Inspektor?«

»Gerade deshalb hat er das Buch vielleicht gehabt«, antwortete Caldas gleichmütig.

Erneut betrachtete er den Leichnam, der mitsamt seinen entblößten, grauenvoll verstümmelten Geschlechtsteilen ans Bett gefesselt dalag. Kein würdiger Tod für einen musikalischen Philosophieliebhaber, wie er fand. Er legte den Band Hegel zurück auf den Nachttisch und griff nach dem anderen Buch. Der Hund aus Terracotta von Andrea Camilleri.

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Es gab noch mehr Lesestoff im Zimmer, mehrere Regalbretter randvoll mit Büchern. Caldas fiel wieder ein, was sein Vater immer gesagt hatte: Nichts sagt so viel über einen Menschen aus wie das, was er trinkt und was er liest. Zu seiner Überraschung bestand die Bibliothek des Musikers fast ausschließlich aus Kriminalromanen: Bücher von Vázquez Mont­albán, Ellroy, Chandler, Hammett …

»Es kann eigentlich nur so abgelaufen sein.« Guzmán Barrio dachte laut nach, während er weiter Luis Reigosas leblosen Körper untersuchte. »Ein paar Drinks im Wohnzimmer, dann runter ins Schlafzimmer, ein bisschen Sex, aber nicht zu wild, bis der Typ seinem Besuch so sehr vertraut, dass er sich ans Bett fesseln lässt, worauf der ihn außerdem noch knebelt und dann kaltmacht. Aber warum verdammt noch mal diese komplizierte Methode, um ihn umzubringen? Was auch immer mit ihm angestellt wurde«, er zeigte auf Reigosas verunstalteten Unterleib, »es muss ganz schön aufwendig gewesen sein.«

»Damit soll er gevögelt haben, sagen Sie?«, mischte sich Rafael Estévez ein und wies mit der Hand auf den winzigen Penis.

»Tu mir den Gefallen, Rafa, und sieh dich ein bisschen oben im Wohnzimmer um, vielleicht findest du ja was«, sagte Caldas und deutete Richtung Tür.

Sobald Estévez auf der Wendeltreppe verschwunden war, wandte der Inspektor sich an den Arzt. »Glaubst du wirklich, er war mit jemandem im Bett?«, fragte er; ihm war klar, dass dies die Untersuchungen in eine bestimmte Richtung drängen würde.

Der Arzt schüttelte vage den Kopf, eine Bewegung, die ebenso gut Nein wie Ja bedeuten konnte.

»Sicher bin ich mir im Moment nicht, aber möglich ist es schon. Ausschließen würde ich es jedenfalls nicht, selbst wenn sein Glied nicht danach aussieht. Wie auch immer, ich muss jetzt erst einmal eine richtige Autopsie durchführen, im rechtsmedizinischen Institut. Wenn du Lust hast, komm doch morgen mal dort vorbei. Mehr kann ich heute einfach nicht sagen.«

Außer im Genitalbereich und an den Handgelenken waren zunächst keine weiteren Anzeichen von Gewaltanwendung zu entdecken. Nur die Ersteren schienen vom Täter zu stammen, die Scheuerstellen an den Gelenken mussten durch Reigosas eigene verzweifelte Befreiungsversuche entstanden sein. Nirgendwo im Zimmer gab es irgendwelche Spuren eines Kampfes, alles lag ordentlich an seinem Platz, umso wahrscheinlicher schien es, dass der Tote nicht gewaltsam gefesselt worden war: Reigosa musste den Mörder also gekannt oder ihm zumindest vertraut haben.

Der Inspektor trat an den Nachttisch und sah sich das Foto genauer an. Dann nahm er es aus dem Rahmen. Auf dem Bild streichelte Reigosa lächelnd sein Saxofon, er wirkte wie ein Teenager, der seine Freundin im Arm hält. Die fast durchsichtigen blauen Augen des Musikers waren auf dem SchwarzWeiß-Foto hellgrau.

»Das nehme ich mit«, sagte der Inspektor zu Barrio und steckte das Foto in die Innentasche seiner Jacke.

Er warf einen Blick ins Badezimmer. Es war mit weißem Marmor ausgelegt, hatte Designerarmaturen und eine große Badewanne mit Masssagedusche. Frische weiße Handtücher waren aufgehängt. Nicht schlecht für einen simplen Clubmusiker, dachte Caldas und machte sich auf den Weg zurück ins Wohnzimmer. Irgendwelche Haare, Urinreste in der Toilette oder sonstige Indizien, die ihnen bei der Identifizierung des Mörders behilflich sein konnten, würden der methodischen Arbeit der Kollegen von der Spurensicherung keinesfalls entgehen.

Zurück im Wohnzimmer, fand er Estévez wieder am Fenster stehend vor. Clara Barcia arbeitete währenddessen am Teppich. Sie hatte sämtliche Lichter eingeschaltet und die Fläche des Teppichs mit Fäden in Quadrate eingeteilt. Alles, was ihr aufbewahrenswert erschien, wanderte in sorgfältig beschriftete Tütchen.

Caldas richtete den Blick auf die Gläser auf dem niedrigen Glastisch. Ein weiterer Beweis dafür, dass Luis Reigosa sich in Gesellschaft von Bekannten befunden hatte oder zumindest von seinem Besuch nicht überrascht worden war. Er schnupperte an einem der Gläser und sog einen trockenen, durchdringenden Gin-Geruch ein. Am Rand des Glases waren leichte karminrote Lippenstiftspuren.

»Hast du nachgesehen, ob an den Flaschen auch Spuren sind?«, fragte er die Kollegin.

»Die stehen in der Küche, Inspektor.«

Leo Caldas sah sich vergeblich nach einer Küche um.

»Hier«, sagte Clara Barcia, stand auf und zog eine Schiebe­tür zur Seite, die Leo für den Teil eines Schranks gehalten hatte. Dahinter erschien eine kleine Küche. »Wenn man nicht allzu oft kocht, sind die gar nicht so schlecht. Man spart eine Menge Platz.«

Caldas kam näher, aber Clara Barcia hielt ihn zurück.

»Entschuldigung, Inspektor, in der Küche sind ziemlich viele Spuren, die ich noch nicht habe untersuchen können.«

»Natürlich«, sagte Caldas und trat einen Schritt zurück, damit Clara die Tür wieder zuziehen konnte. Dass eine ihm unterstellte Beamtin seine Neugier in die Schranken wies, machte ihm nichts aus. Im Gegenteil, er war froh über eine so engagierte Helferin. Ihre genaue Beobachtungsgabe und schier grenzenlose Geduld, der nicht das geringste Indiz zu entgehen schien, wusste er sehr zu schätzen.

Er ging zu den Saxofonen an der Wand. Das älteste davon war offensichtlich dasjenige, das Luis Reigosa auf dem Foto in den Händen hielt. Caldas strich mit dem Handrücken über das kalte Metall, als wollte er ihm sein Beileid aussprechen.

Im Wandregal reihten sich Hunderte von CDs aneinander, fast ausschließlich Jazz, verteilt über fünf Etagen. Das oberste Fach war für Sängerinnen reserviert, die darunterliegenden drei beherbergten eine beeindruckende Sammlung von Saxo­fonisten. Neben vielen unbekannten Namen entdeckte der Inspektor einige alte Bekannte, darunter Sonny Rollins, Lester Young und Charlie Parker.

Im untersten Fach lagen Notenhefte. Caldas zog eines aus dem Stapel, es war Stella by Starlight für Tenorsaxofon, von Victor Young. Er kannte das Stück, zu Hause hatte er eine Aufnahme davon, gespielt von Stan Getz.

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Space before Hyphen There is a space character before this hyphen.'hatte – »Zeit' This should probably be a non-breaking space, otherwise there might be a linebreak rendered before.

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Obwohl er nicht Noten lesen konnte, blätterte er die abgegriffenen Seiten durch und betrachtete die über die Notenlinien verstreuten Zeichen; dabei summte er leise die Melodie vor sich hin. Sehnsüchtig dachte er an die Sonntagnachmittage, die er in Gesellschaft der hier versammelten Musiker zugebracht hatte – »Zeit zum Lesen und Musikhören« hatte Alba diese Stunden genannt, während derer sie sich neben­ei­nan­der im Pyjama auf dem Sofa räkelten.

»Haben Sie diese CDs gesehen, Chef?«, sagte Estévez, der immer noch am Fenster stand.

Caldas nickte.

»Unser Freund mit dem gegrillten Minipimmel war schwul, stimmts?«

»Was soll denn das jetzt?«

»Ich meine ja bloß. Mir ist es egal, wer mit wem ins Bett steigt, wir leben in einem freien Land.«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, meinte der Inspektor, was den anderen nur dazu ermunterte, weiterzu­reden.

»Schauen Sie sich bloß die ganzen komischen CDs an oder die Bilder da drüben, und erst recht das über dem Bett, da merkt doch jeder, dass bei dem was nicht stimmte.«

Caldas legte die Noten ins Regal zurück. »Na ja, also wenn es bloß das ist …«

»Bloß das?«, unterbrach ihn Estévez. »Was haben Sie denn erwartet, Inspektor, ein Poster mit einem nackten Schönling drauf?«

Offensichtlich waren seinem Assistenten die Lippenstiftspuren an den Gläsern entgangen, aber als er sah, dass Clara Barcia Estévez aus den Augenwinkeln beobachtete, entgegnete er lieber nichts auf dessen letzte Bemerkung.

»Hör auf damit, Rafa«, murmelte er, in dem sicheren Gefühl, dass es bei den Kollegen nur zu neuerlichen Kommentaren über Estévez’ Charakter führen werde, wenn er diesen seine Gedankengänge noch weiter ausführen ließ.

Clara Barcia beendete die Arbeit an einem ihrer Faden­quad­rate und wandte sich dem nächsten Teppichstück zu, das an die Musikanlage grenzte. Als sie in die Hocke ging, berührte sie aus Versehen den Startknopf. Aus allen vier Zimmerecken erklang eine warme Frauenstimme.

Day in, day out.

That same old voodoo follows me about.

Vergeblich suchte die junge Frau nach dem Knopf zum Ausschalten. »Entschuldigung, tut mir wirklich leid«, sagte sie rot vor Scham.

»Von mir aus kannst dus ruhig anlassen«, sagte Caldas, als käme es nicht darauf an.

»Was ist denn das?«, schnaufte Estévez.

»Billie Holiday«, sagte der Inspektor, ging zum CD-Player und stellte lauter. Clara lächelte und ging wieder vor ihrem Quadrat auf die Knie nieder.

That same old pounding in my heart,

Whenever I think of you.

And baby I think of you

Day in and day out.

Estévez trat wieder ans Fenster und betrachtete die Landschaft, um nicht mehr an die Geschlechtsteile des Toten denken zu müssen.

»Wissen Sie, was mir an diesem Turm am besten gefällt, Inspektor?«

»Dass man von hier aus den Turm nicht sieht?«, antwortete Caldas, ohne ans Fenster zu treten.

Estévez sagte nichts mehr, und Billie Holiday weinte weiter.

When there it is, day in, day out.

Taverne

Caldas ging die Calle del Príncipe entlang. Vom hektischen Betrieb einige Stunden zuvor war nichts mehr zu spüren. Die Läden hatten geschlossen, und es waren nur noch wenige Fußgänger unterwegs. Die meisten zogen es vor, die wunderschöne Mainacht auf einem Spaziergang am Meer zu genießen, weswegen dieser Teil der Stadt wie verlassen dalag.

Der Inspektor befand sich auf dem Rückweg vom Rathaus. Er hatte in dem dort untergebrachten Kommissariat der Städtischen Polizei dem diensthabenden Beamten eine Liste übergeben. Darauf waren die Beschwerden und die Adressen und Telefonnummern all der Leute verzeichnet, die während der Sendung angerufen hatten. Zu Estévez hatte er gesagt, er solle mit dem Wagen nicht auf ihn warten. Er wollte lieber zu Fuß gehen.

Er mochte die Stadt bei Nacht, das rhythmische Geräusch seiner Schritte, den Duft der Bäume, der sich endlich gegen den Gestank der Autos durchsetzen konnte. Er nutzte die Ruhe, um in Gedanken noch einmal den Besuch auf der Isla de Toralla durchzugehen. Seit er Reigosas Wohnung verlassen hatte, wurde er das Gefühl nicht los, irgendeine Kleinigkeit übersehen zu haben. Aber was es war, wollte ihm nicht einfallen. Die Straße machte eine Biegung nach rechts, und er stand auf einem kleinen Platz, dessen Abschluss ein einstöckiges Steingebäude bildete.

Auf der Fassade war ein galicischer Auswanderer dargestellt, einer von den vielen, die die Armut ins Exil getrieben hatte, eine Figur, die von dem Karikaturisten Daniel Alfonso Rod­ríguez Castelao hätte stammen können. Darunter ein Zitat ebenjenes Castelao: »Wenn Galicien frei ist, komme ich zurück.« Don Daniel Alfonso war in Buenos Aires ge­storben.

Die Tür und die beiden Fenster waren grün gestrichen. Schmiedeeiserne Buchstaben bildeten an der Wand einen kindlich wirkenden Schriftzug: »Eligio«.

Leo Caldas stieß die Tür auf.

Vor Jahrzehnten hatte dieser Eligio das Lokal übernommen, und seither flüchtete sich die Crème de la Crème der Stadt regelmäßig in den Schutz seiner grob behauenen Steinmauern. Die Redaktion der Tageszeitung Pueblo Gallego war nur wenige Schritte entfernt, was dafür sorgte, dass das Lokal immer randvoll mit Journalisten war, die vom guten Wein des Hauses angelockt wurden. In ihrem Gefolge kamen die Juristen, Intellektuellen, Politiker, Dichter und Maler, um sich an seinem Eisenofen zu wärmen.

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Space before Hyphen There is a space character before this hyphen.'Kollegen – deren' 'waren – Spure' This should probably be a non-breaking space, otherwise there might be a linebreak rendered before.

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Lugrís hatte die Marmorplatte seines Stammtisches mit Quallen, Seepferdchen und versunkenen Schiffen verziert. An den Wänden hatte so mancher seiner Kollegen – deren überschäumende Talente gegen die ständige Ebbe in ihren Brieftaschen machtlos waren – Spuren hinterlassen und das Lokal in einen herausragenden Zeugen der galicischen Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts verwandelt. In einigen Fällen handelte es sich um Freundschaftsbeweise; öfter noch wurde auf diesem Weg Speis und Trank abgegolten.

Neben den Eichenfässern, die sich auf dem unebenen Boden stapelten, hatten Álvaro Cunqueiro, Castroviejo, Blanco Amor und andere Berühmtheiten ihre Gedanken ausgetauscht. Ihre weinseligen Unterhaltungen hatten dem Grau der wuchern­den Industriestadt, die damals Gestalt annahm, einige Glanzlichter aufgesetzt.

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Space before Hyphen There is a space character before this hyphen.'Lieferanten – worau' This should probably be a non-breaking space, otherwise there might be a linebreak rendered before.

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Borobó schilderte in einer seiner berühmten Chroniken auch das Ende dieser Epoche: Ihm zufolge beschloss der Herrgott eines Tages, angesichts der Tatsache, dass es keine Lachse in den Flüssen Galiciens mehr gab, Álvaro Cunqueiro zu sich an die himmlische Tafel zu berufen. Im Glauben, die Bewirtung dort sei gratis, waren die Übrigen dem Schriftsteller gefolgt. Oben angekommen bestellten sie den Wein weiterhin bei ihrem bisherigen Lieferanten – worauf Eligio keine andere Wahl hatte: Nachdem alle seine Freunde sich in die Höhe verzogen hatten, begab er sich ebenfalls dorthin, um ihnen weiter zu Diensten sein zu können. Die Chronik sagt nichts darüber, und Eligio kehrte nie mehr zurück, um selbst Auskunft zu erteilen, aber besonders begeistert hat er sich offensichtlich nicht auf den Weg gemacht.

Nach Eligios Himmelfahrt ging das Lokal in die treuen Hände seines Schwiegersohnes Carlos über, dem es gelang, sowohl den Geist seines dahingegangenen Schwiegervaters als auch das illustre Ambiente, für das dieser gesorgt hatte, zu bewahren.

Mit dem Wein ließ sich zwar keine Grippe mehr kurieren, doch das war vor allem den Winzern der Umgebung zuzuschreiben, das Lokal selbst hatte sich seine Unschuld weitgehend bewahrt. Getrunken wurde immer noch aus weißen Steingutschalen, und die Bänke waren unverändert aus solidem Holz. Und kleine vernietete Namensschildchen markierten weiterhin die Plätze, an denen sich einst die berühmtesten Stammgäste niederzulassen pflegten.

Es war schon nach zwölf, als der Inspektor den ersten Blick auf das Display seines Handys warf. Dass zu dieser Stunde ein Anruf kam, der ihn dazu brachte, überstürzt aufzubrechen und in die kalte Nacht hinauszustürmen, war schon ziemlich lange nicht mehr vorgekommen, dachte er und bestellte noch eine Schale Wein.

Rückzug

Helles Morgenlicht strömte durchs Fenster in das Büro im Kommissariat. Dieser 13. Mai sollte offensichtlich den Sommer einläuten.

Rafael Estévez warf erneut einen Blick auf die Papiere in seiner Hand. Die ihm gegenüber am Tisch sitzende Frau sah ihm schweigend dabei zu.

»María de Castro Raposo, wohnhaft in Canido, Vigo, verwitwet, vierundsechzig Jahre alt.«

»Nicht ganz vierundsechzig«, korrigierte die Frau.

»Heißt das, älter oder jünger als vierundsechzig?«, fragte Estévez.

Inspektor Caldas, der in der Nähe stand und in einem Aktenordner las, sprang der Frau zur Seite: »Bitte, Rafael, kümmere dich lieber um die Aussage.«

Der riesenhafte Assistent gehorchte seufzend.

»María, Sie haben ausgesagt, dass Sie gestern, am 12. Mai, wie jeden Tag gegen fünfzehn Uhr in Don Luis Reigosas Wohnung gekommen sind. Die Tür haben Sie mit Ihrem Wohnungsschlüssel geöffnet. Wie Sie ebenfalls ausgesagt haben, hat Ihnen Herr Reigosa diesen Schlüssel vor ungefähr zwei Jahren, also zu dem Zeitpunkt, zu dem Sie für ihn zu arbeiten begonnen haben, persönlich ausgehändigt.«

Estévez machte eine Pause und warf der Frau einen fragenden Blick zu. Sie reagierte mit einer Kopfbewegung, die der Beamte als Zustimmung aufnahm.

»Sie sind zunächst ins obere Stockwerk gegangen, wo Sie immer mit dem Putzen anfangen«, las Estévez weiter aus dem Aussageprotokoll vor. »Stimmt das?«

»Kommt drauf an. Manchmal ja, manchmal nein.«

Estévez sah die Frau mit festem Blick an. »Aber normalerweise putzen Sie zuerst im oberen Stockwerk?«

»Ja, meistens.«

Estévez wurde es warm unter seinem Hemd. »Damit wir uns verstehen, Señora: An dem Tag, an dem Sie Luis Reigosa tot in seiner Wohnung aufgefunden haben, haben Sie da oben mit dem Putzen angefangen, ja oder nein?«

»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt: Ja. Außerdem verstehe ich Sie sehr gut, Sie brauchen gar nicht so laut zu reden«, fügte die Frau hinzu und hielt sich eine Hand ans Ohr.

»Habe ich etwa laut geredet?« Estévez warf dem Inspektor einen fragenden Blick zu.

Leo Caldas machte seinem Assistenten ein Zeichen, sich zu mäßigen. Immer wieder überraschte es ihn, zu erleben, wie leicht sich sein Kollege, schon beim kleinsten Anlass, aus der Fassung bringen ließ.

»Also gut, weiter.« Estévez wandte sich wieder seinen Papieren zu. »Eine halbe Stunde nach Betreten der Woh­nung öffneten Sie die Tür des Schlafzimmers, um auch dort sauber zu machen, und stießen auf den verstorbenen Herrn Reigosa, geknebelt und an das Kopfende seines Bettes gefesselt. Gleich darauf verließen Sie die Wohnung, um Hilfe zu holen.«

Der Beamte unterbrach sich erneut und sah die Frau Zustimmung heischend an.»Richtig?«, fragte er.

María de Castro schien sich mehr für den Fußboden zu interessieren, auf den sie den Blick gerichtet hielt, als für die Frage, die der Polizist ihr gerade gestellt hatte.

»Richtig?«, fragte Estévez erneut, diesmal lauter.

Die Frau sah ihn schweigend an.

»Ob es so war?«, insistierte Estévez, fest entschlossen, so lange nachzuhaken, bis er eine eindeutige Antwort bekommen würde.

»Mehr oder weniger«, antwortete María de Castro.

»Was heißt hier, ›mehr oder weniger‹? Ist es so gewesen, wie ich gesagt habe, oder nicht?« Estévez ließ nicht locker.

»Es muss ungefähr so gewesen sein, wie Sie sagen«, sagte María de Castro schließlich.

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Space before Hyphen There is a space character before this hyphen. This should probably be a non-breaking space, otherwise there might be a linebreak rendered before.

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»Wieso ›ungefähr so, wie Sie sagen‹ – das haben Sie selbst ausgesagt!« Estévez deutete wütend auf den obersten Absatz auf dem Blatt vor sich und begann, vorzulesen: »Sind Sie María de Castro Raposo, wohnhaft in Canido, Vigo, verwitwet, vierundsechzig Jahre alt?«

»Hör mal, Kollege …«, ermahnte ihn Caldas.

»Inspektor, ich möchte bloß, dass die Frau mir sagt, ob es so war, wie ich gesagt habe, verdammt. Als ob ich ihr Fangfragen stellen würde!«

»Schon gut, schon gut. Es war ungefähr so, wie Sie dort schreiben«, sagte María.

»Dann sagen Sie das doch, verflucht noch mal, mehr verlange ich gar nicht.«

Die Frau zuckte die Achseln.

»Sie bestätigen also auch, dass Sie auf der Suche nach dem Hausmeister die Wohnung verlassen haben und, als Sie diesen nicht finden konnten, zu dem Wachhäuschen an der Zufahrt zur Insel gegangen sind, um den Aufseher zu benachrichtigen«, las Estévez weiter vor und ließ die Papiere am Ende auf den Tisch sinken. »Richtig?«

Ein leichtes Kopfschütteln war die einzige Antwort, aber der Polizeibeamte fasste es als Zustimmung auf und ging zur nächsten Frage über. »Ist Ihnen in der Wohnung irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen, María?«

»Etwas Ungewöhnliches?«

»Ganz genau, etwas Ungewöhnliches«, wiederholte Estévez gereizt. »Abgesehen von der Leiche von Herrn Reigosa natürlich. Ist Ihnen in der Wohnung etwas Ungewohntes, Seltsames, Komisches, Merkwürdiges aufgefallen, irgendetwas, was aus dem Rahmen fiel? Haben Sie etwas in der Art gesehen?«

»Keine Ahnung«, sagte María de Castro unschlüssig. »Also ungewöhnlich, richtig ungewöhnlich … ich glaube, eigentlich nicht.«

Rafael Estévez wandte sich seinem Vorgesetzten zu, der immer noch mit dem Rücken an der am weitesten vom Tisch entfernten Wand lehnte. »Inspektor, wenn diese Frau sagt, ›ich glaube, eigentlich nicht‹, dann heißt das ›nein‹, ja?«

»Ganz genau«, sagte die Frau.

Estévez sah sie wieder an, worauf sie für einen kurzen Moment seinem Blick standhielt und dann verächtlich zum Fenster blickte.

»Ich glaube, es ist besser, Sie machen weiter, Chef.« Estévez gab sich geschlagen und stand auf.

Der Inspektor nickte und ging einige Schritte durchs Zimmer, in der einen Hand den Aktenordner, in der anderen die zweite Zigarette dieses Morgens. Da die Frau ihn ignorierte, näherte er sich dem Fenster und stellte sich schließlich zwischen die Frau und das von draußen einfallende Tageslicht.

»Das hier ist der daktyloskopische Bericht, María«, sagte er langsam und hielt den Ordner in die Höhe.

»Der was?«

»Der Bericht über die Fingerabdrücke. Er informiert dar­über, was für Spuren an einem bestimmten Ort gefunden worden sind.«

Marías Gesichtsausdruck ließ erkennen, dass diese Erklärung nicht ausreichend gewesen war.

»Sie wissen doch noch, dass man gestern Ihre Fingerabdrücke genommen hat.«

»Irgend so was war da«, sagte die Frau.

»Jeder Mensch hat unverwechselbare Fingerabdrücke. Deshalb kann man daran auch ganz genau erkennen, wer alles in einem Raum gewesen ist und was jeder angefasst hat.«

»Und?« María de Castro schien überzeugt, dass das Ganze nicht das Geringste mit ihr zu tun hatte.

»Und Ihre Fingerabdrücke sind an mehreren Stellen in der Wohnung gefunden worden«, verkündete Leo Caldas.

»Meine?«, fragte die Frau erstaunt.

»Ihre Fingerabdrücke, María, wurden in der Wohnung des verstorbenen Luis Reigosa gefunden«, sagte der Inspektor und bewegte zur Erklärung die eigenen Finger.

»Ich arbeite dort«, sagte die Frau, »vielleicht hat das ja etwas damit zu tun …«

Caldas ging lieber nicht auf die Antwort ein. »Jedenfalls waren an den Gläsern viele Fingerabdrücke von Ihnen, María«, sagte er sanft.

»An den Gläsern?«

»Sie wissen doch, welche Gläser ich meine?«, fragte der Inspektor zurück.

»Also Gläser gibt es dort viele«, antwortete María ausweichend.

»Ich meine die Gläser, die auf dem Tisch im Wohnzimmer von Herrn Reigosa standen«, sagte Caldas. »Wissen Sie jetzt, von welchen Gläsern ich rede?«

Die Frau strich sich nachdenklich übers Kinn. »Also, diese Gläser … Keine Ahnung.«

Der Inspektor trat auf sie zu. »Die Gin-Gläser, auf denen unverkennbar Ihre Fingerabdrücke waren, María«, sagte er mit nur leicht erhobener Stimme. »Und diese Fingerabdrücke haben alle anderen Fingerabdrücke versaut, die wir dort finden konnten.«

María de Castro zuckte zusammen. »Ach die Gläser!«, fiel es ihr plötzlich wieder ein. »Ich habe einen kleinen Schluck daraus getrunken, auf den Schreck brauchte ich einfach etwas, um mich ein bisschen zu beruhigen. Señorito Luis in diesem Zustand vorzufinden, war schließlich kein Vergnügen, das können Sie sich vorstellen. Sie haben doch vorhin gehört, wie Ihr Kollege gesagt hat, dass ich die Leiche entdeckt habe?«

»María, Sie werden wohl nicht so bald noch einmal in solch eine Lage geraten, aber für den unwahrscheinlichen Fall, dass es trotzdem passieren sollte: Bitte nichts anrühren! Wenn Sie was zu trinken brauchen, gehen Sie in die nächste Bar. Aber für alles, was um eine Leiche herumliegt, gilt: Finger weg!«

»Ich wollte ja bloß …«

Caldas ließ keine Entschuldigung gelten. »Sie haben die einzigen verwendbaren Spuren vernichtet, die die Person, die zuletzt mit Reigosa zusammen war, hinterlassen hat. Ist Ihnen klar, was für Folgen das haben kann?« Er blickte wieder auf den Bericht, während María de Castro Raposo auf ihrem Stuhl nach hinten rutschte, bis sie die Sicherheit der Lehne im Rücken spürte.

Bei der Durchsuchung von Luis Reigosas Wohnung waren ziemlich viele Fingerabdrücke entdeckt worden, dem dak­ty­los­kopischen Bericht zufolge stammte der Großteil jedoch entweder von der Hand des Toten oder aber von María de Castro Raposo.

Der einzige sich davon unterscheidende Abdruck wurde am Fuß eines der Gläser auf dem Wohnzimmertisch gefunden. Leider hatten die Hände der Frau, die sie in diesem Augenblick befragten, den Abdruck zum größten Teil unbrauchbar gemacht, und das Stück, das sie hatten retten können, war zu klein, um es mit den im Zentralarchiv der Polizei gespeicherten Proben abzugleichen. Die dazugehörige Software funktionierte nur mit kompletten Abdrücken. Das hatte sie mit Rafael Estévez gemein: Sie bestand auf eindeutigen Aussagen, alles oder nichts, halbe Sachen waren mit ihr nicht zu machen.

Sollte es irgendwann einen Tatverdächtigen geben, würden sie seine Fingerabdrücke also Linie für Linie mit dem kleinen Überrest vom Fuß des Glases vergleichen müssen, immer vo­raus­gesetzt, sie erhielten eine richterliche Genehmigung dafür, dem- oder derjenigen Fingerabdrücke abzunehmen.

Am meisten wunderte den Inspektor, dass dem Bericht nach im Schlafzimmer kein einziger Fingerabdruck zu finden gewesen war, was bewies, dass der Mörder sich die Mühe gemacht hatte, vor seinem Verschwinden sämtliche Spuren zu beseitigen: Dass jemand imstande gewesen war, in aller Ruhe das Zimmer zu säubern, während Luis Reigosa neben ihm noch lebend geknebelt und gefesselt im Bett lag, war für ihn nur schwer vorstellbar. Wie abgebrüht musste man sein, um sich von dem gequälten Blick aus den wasserblauen Augen des Sterbenden nicht einschüchtern zu lassen?

»Werde ich jetzt angeklagt, bloß weil ich ein paar lächerliche Schlückchen stibitzt habe?«, fragte María de Castro.

Caldas schüttelte den Kopf und legte den Bericht auf dem Tisch ab.

»Dann kann ich also gehen?«, sagte sie erleichtert. Sie griff nach der Handtasche, die neben ihrem Stuhl auf dem Boden stand, und legte sie vor sich auf den Tisch; dabei sah sie den Inspektor erwartungsvoll an. Bevor er sie dazu aufforderte, den Raum zu verlassen, unternahm sie den Versuch, ihr ramponiertes Ansehen aufzupolieren: »Außerdem habe ich bloß den Rest aus einem von den Gläsern getrunken.«

»Sagen Sie ihr bitte, dass an zwei Gläsern Fingerabdrücke von ihr gefunden wurden«, sagte Estévez zu seinem Chef.

»Kann sein, dass ich aus beiden getrunken habe. Ich erinnere mich nicht mehr so genau, ich bin immerhin schon fast vierundsechzig«, sagte sie zur Entschuldigung.

»Schon gut«, sagte Caldas, für den die Sache erledigt war, weshalb er die Frau anwies, den Raum zu verlassen.

Rafael Estévez dagegen, in dessen Erbgut das galicische Geduldsgen seines Vorgesetzten fehlte, konnte und wollte die Angelegenheit nicht einfach auf sich beruhen lassen. »Ihre Fingerabdrücke waren auch an der Gin-Flasche und an allen anderen Schnapsflaschen in der Küche.«

»Ich bin hier die Putzfrau. Meine Aufgabe ist es, alles einzusammeln und sauber zu machen«, antwortete María de Cast­ro gekränkt. »Haben Sie schon mal versucht, etwas sauber zu machen, ohne es anzufassen?«

Der riesige Beamte kam dem Tisch, an dem die Frau immer noch saß, gefährlich nahe. »Von Ihnen lasse ich mich nicht verarschen, Señora«, sagte er und bedrohte sie mit ausgestrecktem Zeigefinger.

Caldas schob seinen Assistenten zur Seite und forderte die verängstigte Frau auf, zu gehen. Er musste ihr beim Aufstehen helfen, denn vor Schreck war sie so in sich zusammengeschrumpft, dass sie fast unter dem Tisch verschwand.

Sobald sie auf ihren zwei Beinen stand, kam María de Cast­ro der Aufforderung des Inspektors unverzüglich nach und schoss aus dem Raum, ohne den Polizeibeamten Estévez auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

»Hast du sie noch alle?«, sagte Caldas, sobald sich die Tür hinter der Frau geschlossen hatte. »Willst du, dass wir beide eine Abmahnung bekommen?«

»Wenn man der Alten nicht rechtzeitig klarmacht, wie der Hase läuft, redet die uns noch ein, sie ist Abstinenzlerin«, versuchte Estévez sich zu rechtfertigen.

»Lass gut sein, Rafa. Der kannst du noch so sehr zusetzen, die Fingerabdrücke werden davon nicht wieder ganz. Wie wäre es, endlich mal ein bisschen zielbewusster vorzugehen? Das Einzige, was hier interessierte, war, dass die Frau ihre Aussage bestätigt.«

»Und, hat sie sie bestätigt oder nicht, was meinen Sie?«

»In gewisser Weise schon«, sagte der Inspektor.

»In gewisser Weise?«

»Auf ihre Weise, Rafa«, sagte Leo Caldas trocken. »Man muss eben zuhören können.«

Der Inspektor drückte seine Zigarette aus, griff nach dem Bericht und machte sich auf den Weg in sein Büro; Estévez ließ er allein zurück. Unterwegs klingelte sein Handy. Guzmán Barrio war zu einem ersten Ergebnis gekommen.

Gift

»Formaldehyd?«, fragte Caldas.

»Ja, Formaldehyd. Auch bekannt als Formol.«

»Formol? Aber das ist doch ein Konservierungsmittel.«

»Stimmt, meistens benutzt man es zum Konservieren, in ungefähr siebenunddreißigprozentiger Verdünnung mit Wasser. In noch stärkeren Verdünnungen benutzt man es außerdem als Desinfektionsmittel.«

»Und was heißt das für uns?«, fragte Caldas, der nicht verstand, was die Erklärungen Guzmán Barrios mit dem Mord an dem Musiker zu tun haben sollten.

»Formol«, setzte der Rechtsmediziner seine Ausführungen fort, »ist ein sehr gefährliches Produkt, ein hochgiftiges Gas mit enormer Reizwirkung. Es kann Allergien und sogar Krebserkrankungen auslösen.«

»Wollen Sie damit sagen, die haben ihm die Eier in Formol eingelegt, damit er Hodenkrebs bekommt?«, fragte Estévez un­gläubig.

»Nein«, sagte Guzmán Barrio, »niemand redet davon, dass irgendwer irgendetwas in Formol eingelegt hat.«

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Caldas schien seinerseits nicht restlos überzeugt von den Ausführungen des Mediziners. »Entschuldige, Guzmán, aber ich weiß nicht, worauf du hinauswillst. Sie haben also kein Formol über ihm ausgeschüttet – aber was haben sie dann gemacht?«

»Sie haben es ihm injiziert«, sagte der Mediziner.

»Wie bitte?« Caldas glaubte, nicht richtig gehört zu haben.

»Jemand hat Reigosa im Genitalbereich Formol injiziert, siebenunddreißigprozentiges Formol.«

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»Herr im Himmel – und so was soll gehen?«, rief Estévez.

»Genau hier.« Guzmán Barrio trat an den Seziertisch, auf dem Reigosas Leichnam lag, schlug das Laken zur Seite, das seinen nackten Körper verdeckte, und dehnte die Haut am Penis des Toten. »Hier ist die Einstichstelle, seht ihr das kleine Loch da?«

»Nichts sehe ich, und ich hab verdammt noch mal auch keine Lust, irgendwas zu sehen«, donnerte Estévez und machte sich vornübergebeugt auf den Weg zum Ausgang. »Haben Sie was dagegen, wenn ich ein bisschen frische Luft schnappen gehe? Der Inspektor kann mir ja nachher alles erklären.«

Als er verschwunden war, trat Caldas näher an den Seziertisch und besah sich die Stelle, auf die Barrio gedeutet hatte. Bei dem neuerlichen Anblick des grauenhaft entstellten Gliedes des Saxofonisten fühlte er sich ausgesprochen unwohl.

»Das verstehe ich nicht, Guzmán. Hattest du nicht gesagt, Formol ist ein Konservierungsmittel?«

»Formol trocknet das Gewebe aus, Leo. Wenn du einen Körper in Formol legst, bleibt der ewig erhalten, verstehst du? Wenn du aber umgekehrt das Formol ins Innere eines Körpers bringst, absorbiert es sämtliche Flüssigkeiten dieses Körpers.« Der Arzt sog heftig die Luft ein: »Üüüüüitt!«

»Scheiße«, flüsterte Caldas erschaudernd.

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»Nach dem Injizieren ist alles eingeschrumpft. Sobald das Zeug im Körper ist, trocknet es ihn komplett aus, die Gefäße, das Gewebe … alles. Vergiss nicht, unser Körper besteht zu fast achtzig Prozent aus Wasser. Und hier unten« – er zeigte auf die Geschlechtsteile des Musikers – »ist kein einziger Knochen, der diese Wirkung auch nur ein bisschen aufhalten könnte.«

Leo Caldas betrachtete eine Weile schweigend die seltsamen Auswirkungen des Formaldehyds auf Luis Reigosas Unterleib.

»Wusste der, der das getan hat, dass er ihn damit umbringen würde, Guzmán?«

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Space before Hyphen There is a space character before this hyphen.'Barrio – auf G' This should probably be a non-breaking space, otherwise there might be a linebreak rendered before.

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»Was glaubst du?«, antwortete Barrio – auf Galicisch hieß das so viel wie Ja.

»Könnte es nicht sein, dass dem Betreffenden die Sache irgendwie aus dem Ruder gelaufen ist?«, fragte der Inspektor, der sich einfach nicht vorstellen konnte, wie jemand auf eine derartige Tötungsart gekommen sein sollte.

»Nein«, versicherte Barrio kopfschüttelnd. »Meiner Meinung nach hatte er zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, was pasieren würde. Wer auf diese Weise die Giftspritze ansetzt, muss so viel von Medizin verstehen, dass er auch weiß, dass kein Körper derartige Zerstörungen an seinen wichtigsten Gefäßen übersteht. Eine Exekution, wie sie sich kein Caligula grausamer hätte ausdenken können.«

Caldas folgte verwundert den Erklärungen Guzmán Barrios. Dass der Musiker auf diese Art und Weise förmlich hingerichtet worden war, legte den Gedanken an ein Verbrechen aus Eifersucht nahe, andererseits schien Caldas das Ganze aber selbst für eine persönliche Abrechnung viel zu grausam.

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Space before Hyphen There is a space character before this hyphen.'stoppt – nach ' 'Geschlechtsteile – dort ' This should probably be a non-breaking space, otherwise there might be a linebreak rendered before.

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»Eine der Wirkungen des Formols ist, dass es die Durchblutung behindert oder sogar stoppt – nach dem Injizieren muss es wahnsinnige Schmerzen verursacht haben.« Dokotor Barrio schien selbst beeindruckt von seinen Folgerungen. »Ungefähr so wie bei einem Diabetiker, dem der Fuß abstirbt, ein septischer Schock, der eine Riesenmenge Gift freisetzt. Und das in einem so stark durchbluteten Bereich wie dem der männlichen Geschlechtsteile – dort strömt so viel Blut zusammen, dass sie ihren Umfang verdreifachen können. Ich glaube, das sollte ganz bewusst eine besonders grausame Folter sein.«

Caldas wollte sich die Szene lieber nicht so genau vorstellen, weswegen er Barrios Ausführungen auch bloß mit halbem Ohr folgte.

»Hätten wir ihn noch lebend vorgefunden, hätten wir ihm auf jeden Fall Hoden und Penis amputieren müssen. Der Ärmste hätte den Rest seiner Tage durch einen künstlichen Harnleiter pinkeln müssen, oder schlimmer noch, durch einen Katheter, den man direkt an den Nieren implantiert.«

Barrio machte eine Pause und besah sich erneut das riesige Hämatom, das sich über fast ein Drittel von Reigosas Körperoberfläche ausbreitete.

»Ich glaube, selbst wenn wir schon eine Minute nach der Injektion da gewesen wären, hätten wir ihn nicht retten können, Leo. Die Schlagader ist viel zu nahe bei der Einstichstelle, und sieh dir nur mal die Beine an. Selbst sofort danach hätten wir für ihn bloß beten können und ihm dabei zusehen, wie er sich vor Schmerzen krümmt. Nein, wir hätten ihm auf keinen Fall helfen können.«

Leo dachte lieber nicht mehr über die Erklärungen des Mediziners nach. Er wuste aus Erfahrung, dass allzu große persönliche Anteilnahme die Ermittlungen beeinträchtigte und den Erfolg seiner Jagdbemühungen in Gefahr brachte. Besser konzentrierte er sich darauf, den roten Faden zu finden, mit dessen Hilfe er einen Weg durch das Labyrinth finden konnte, in das sich die Angelegenheit zusehends verwandelte.

»Was ist mit dem Todeszeitpunkt?«

»Vorletzte Nacht, irgendwann zwischen zehn und zwölf Uhr, so viel ist sicher.«

Caldas sah wieder auf den leblosen Körper von Luis Reigosa mit seinem grauenvoll schwarzen Unterleib. Die seltsame Methode, mit der man ihn ermordet hatte, ließ ihm keine Ruhe.

»Guzmán, wie kommt man in den Besitz von Formol? Beziehungsweise wer?«

»In einem Krankenhaus, meinst du? Na ja, die Ärzte, die Krankenschwestern, der Pförtner, Studenten …« Barrio ließ die geöffneten Hände in den Gelenken kreisen, um zu verdeutlichen, dass mehr oder weniger jeder, der mit einem Krankenhaus zu tun hatte, infrage kam.

Caldas schien es unbegreiflich, dass etwas, was Dinge bewirken konnte, wie sie am Körper des Saxofonisten zu sehen waren, für jedermann frei zugänglich sein sollte.

»Wenn das Zeug so giftig ist, wie du sagst, müsste die Anwendung doch wenigstens streng überwacht werden.«

»Glaube ich nicht. Es ist nicht schwer zu bekommen, und wir sprechen jetzt bloß von Krankenhäusern. Wenn ich mich nicht täusche, benützt man es noch für viele andere Dinge, nicht nur als Konservierungsmittel.«

Guzmán Barrio ging aus dem Raum, um gleich darauf mit einem Handbuch für chemikalische Anwendungen zurückzukehren.

»Hier: ›Formaldehyd: Verwendung auch bei der industriellen Herstellung von Düngemitteln, Farben und Lacken, Klebstoffen, Schleifmitteln …‹« Er klappte das Buch zu. »Wie du siehst, ist der Gebrauch weitverbreitet.«

Leo erinnerte sich an eine Szene aus einem Film, den er einige Zeit zuvor gesehen hatte. Die Hauptfigur war eine fette Krankenschwester, die einen Schriftsteller entführt und in eine tief verschneite Berghütte verschleppt hatte. Dort zwang sie ihn, nach ihren Anweisungen ein Buch zu schreiben. Jedes­ Mal wenn sie die Hütte verließ, um Proviant zu besorgen, fesselte sie den Schriftsteller ans Bett, um zu verhindern, dass er während ihrer Abwesenheit die Flucht ergriff. Einmal kam sie früher als gewohnt zurück und erwischte den Schriftsteller dabei, wie er versuchte, sich von den Fesseln zu befreien. Zur Strafe und um weitere Fluchtversuche auszuschließen, brach sie ihm den Knöchel, indem sie mit einer Holzkeule einen gezielten Schlag darauf landen ließ.

»Woran denkst du?«, fragte Guzmán Barrio.

Caldas kehrte mit den Gedanken in die Gegenwart zurück. »Dass ich nicht glaube, dass jemand, der Klebstoffe oder Farben herstellt, eine Ahnung davon hat, was passiert, wenn man einem anderen Formaldehyd in den Penis spritzt.«

»Ich auch nicht. Im Gegenteil, ich konnte mir zuerst selbst nicht recht vorstellen, was es bewirkt, wenn Formaldehyd ins Innere eines lebenden Körpers gelangt«, räumte Guzmán Barrio ein. »Ich würde auch sagen, es muss jemand mit ziemlich guten medizinischen Kenntnissen gewesen sein.«

»Ein Krankenpfleger vielleicht?«

Barrio wiegte den Kopf hin und her, um zu verstehen zu geben, dass er nicht ganz Leos Meinung war. »Die meisten Pfleger oder Schwestern oder sonstiges Personal in einem Krankenhaus dürften nicht die geringste Vorstellung von den Auswirkungen einer Formaldehydinjektion haben. Ich würde eher an einen Spezialisten denken, jemand, der ständig mit dem Zeug zu tun hat. Andererseits, wenn ich es mir überlege, muss ich zugeben, dass es in einem Krankenhaus jede Menge Spinner gibt.«

»Dann bin ich ja beruhigt«, sagte Leo Caldas und dachte wieder an die sadistische Krankenschwester aus dem Film.

»Im Ernst. Wenn die Leute wüssten, wie es um die Psyche mancher Kollegen von mir bestellt ist, würden sie zu dem Schluss kommen, dass sie genauso gut zum Schlachthof gehen können, um sich behandeln zu lassen.«

»Bestimmt gibt es da solche und solche.«

»Glaub das nicht!«

»Ist ja gut.« Das brachte ihn nicht weiter. Trotzdem wollte der Inspektor den Autopsiesaal nicht ohne einen Hinweis verlassen, in welcher Richtung er weitersuchen könnte. »Weißt du, woher ihr eures bekommt?«

»Unser Formaldehyd?«

Caldas nickte und musste an Estévez denken, der auf diese Antwort des Arztes sicherlich wieder irgendetwas Unmögliches erwidert hätte.

»Wir bestellen unser Formaldehyd bei Riofarma, einfach weil es die nächstgelegene Firma ist.«

»Das Zeug wird hier hergestellt?«, fragte Caldas erstaunt. Der Name Riofarma kam ihm bekannt vor.

»So ist es. Aber Formaldehyd wird von vielen Laboratorien produziert. Ich habe dir ja schon gesagt, der Gebrauch ist ziemlich weit verbreitet. Einen besonderen Unterschied gibt es zwischen den verschiedenen Angeboten nicht, deshalb bestelle ich es lieber hier bei uns in der Gegend, da sind außerdem die Lieferkosten günstiger. So machen es eigentlich mehr oder weniger alle.«

Das war doch immerhin besser als nichts, fand Leo Caldas.

»Vielen Dank für die Information«, sagte er zum Abschied. »Wann machst du eigentlich heute Schluss?«

»Die Autopsie ist fertig, würde ich sagen. Ich muss nur noch die Berichte für das Gericht und für die Polizei ab­schicken und der Familie Bescheid geben, dass sie die Leiche abholen können. Ich glaube, sie wollten ihn noch heute be­erdigen.«

»Weißt du, wo?«

Barrio verneinte. »Soll ich fragen und dich dann auf deinem Handy anrufen und dir Bescheid sagen?«

»Ja, danke. Und wenn es sonst noch etwas Neues gibt, lass es mich bitte wissen.«

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Space before Hyphen There is a space character before this hyphen.'Krankenschwester – sie l' This should probably be a non-breaking space, otherwise there might be a linebreak rendered before.

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Leo Caldas ging zur Tür. Als er in den Gang hinaustrat, erinnerte er sich an eine andere Szene aus dem Film mit der dicken Krankenschwester – sie lief mit einer riesigen Spritze in der Hand durch einen Flur.

»Leo, Moment, warte mal!« Hinter ihm erschien Guzmán Barrio in der Tür zum Autopsieraum.

»Was ist denn?«, fragte Caldas und drehte sich zu ihm um.

»Entschuldige, bei dem ganzen Gerede über Formaldehyd habe ich alles andere vergessen. Da ist noch etwas, und wenn ich mich nicht irre, könnte es bei deiner Untersuchung eine Rolle spielen«, sagte er verheißungsvoll. »Weißt du noch, dass ich gestern gesagt habe, dass Reigosa womöglich Geschlechtsverkehr hatte, bevor er ermordet wurde?«

Der Inspektor nickte und sah den Arzt erwartungsvoll an.

»Also irgendwelche konkreten Spuren davon habe ich nicht entdecken können. Aber trotzdem wollte ich dich etwas fragen: Hast du eine Ahnung, ob er homosexuell war?«

»Reigosa?«

»Bei der Untersuchung habe ich hierfür nämlich sehr wohl Anzeichen entdeckt.«

»Bist du sicher?«, fragte Leo Caldas und sah vor seinem inneren Auge, wie er die Krankenschwester mit der Spritze von der Verdächtigenliste strich.

»Ich sage nur, dass einiges dafür spricht, Leo. Du weißt ja: Der Einfältige behauptet, der Weise aber zweifelt und überlegt.«

Beim Hinausgehen musste der Inspektor an Estévez’ Kommentar über die sexuelle Orientierung des Saxofonisten aus dem achtzehnten Stockwerk der Torre Toralla denken.

Manchmal hatte der Einfältige einfach recht mit seinen Behauptungen.

Flüssig

Luis Reigosa war Jazzsaxofonist, ledig und lebte allein. Seine Mutter wohnte in einem kleinen Haus am Ufer der nahe gelegenen Ria de Pontevedra, in dem Fischerdorf Bueu, wo der Tote auch zur Welt gekommen war. Über seinen Vater oder irgendwelche Geschwister war nichts bekannt. Nach Aussage der Wachmänner vom Kontrollpunkt an der Zufahrt zur Insel Toralla arbeitete er zwar nachts, führte aber trotzdem ein ruhiges Leben. Vier Abende pro Woche spielte er mit seiner Band im Grial, einer Kneipe am Rand der Altstadt. Die Band bestand aus drei Personen, Reigosa selbst, einem irischen Bassisten mit Namen Arthur O’Neal und der Pianistin Iria Ledo. Daneben gab Reigosa Saxofonunterricht an der städtischen Musikschule von Vigo, hatte dort aber keine feste Stelle.

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Space before Hyphen There is a space character before this hyphen.'Regen – jeden' This should probably be a non-breaking space, otherwise there might be a linebreak rendered before.

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Estévez fuhr schweigend dahin. Es war ein schöner Tag, hell und rein, am blauen Himmel nicht eine einzige Wolke. Caldas ging den Bericht durch, den der Kollege Ferro von der Spurensicherung abgefasst hatte. Die zusammengehefteten Seiten enthielten einige Vorüberlegungen, die Aussagen diverser Nachbarn, des Pförtners, María de Castros und des Wachmanns vom Kontrollpunkt, der in der Mordnacht Dienst gehabt hatte. Der Mann erinnerte sich daran, dass Reigosas Wagen vom Festland kommend sein Wachhäuschen passiert hatte. Reigosa hatte am Steuer gesessen; ob sich noch jemand in dem Auto befunden hatte, wusste er nicht mehr. In jedem Fall gehörte es auch nicht unbedingt zu seinen Aufgaben, auf die Besucher der Inselbewohner zu achten. Einige Stunden später, am frühen Morgen, war der Wagen erneut an ihm vorbeigefahren, in Gegenrichtung. Der Wachmann schob die Schuld auf die Dunkelheit und den Regen – jedenfalls war er davon ausgegangen, dass wiederum Reigosa am Steuer saß.

Der Wagen war noch nicht aufgetaucht.

Der Bericht enthielt außerdem die daktylografische Analyse und die Ergebnisse der Wohnungsdurchsuchung. In dem Bericht des Rechtsmediziners wurde ausgeschlossen, dass Reigosa erst nach seinem Tod gefesselt und geknebelt worden sein könnte; die Tat war am 11. Mai gegen elf Uhr nachts ausgeführt worden. Caldas hatte schon ausführlichere Unter­suchungs­berichte in der Hand gehalten, viel Neues stand für ihn jedenfalls nicht darin, aber es war besser als nichts. Was noch fehlte, waren die Schlussfolgerungen Clara Barcias; hie­rauf würde er noch ein paar Tage warten müssen. Leo vertraute darauf, dass Claras Gründlichkeit ihm die eine oder andere zusätzliche Information verschaffen würde, im Moment musste er jedoch mit dem wenigen zurechtkommen, was ihm zur Verfügung stand. Dazu gehörten: ein nur teilweise erhaltener Fingerabdruck, der sich nicht mit denen aus dem Polizeiarchiv abgleichen ließ, eine weitverbreitete chemische Substanz, mit deren Hilfe der Mord ausgeführt worden war, und die Gewissheit, dass der Mörder über ziemlich genaue medizinische Fachkenntnisse verfügen musste. Außerdem handelte es sich wahrscheinlich um einen Mann. Um einen homosexuellen Mann.

Caldas zog das Bild aus seiner Jackentasche, das er in Reigosas Schlafzimmer eingesteckt hatte. Wieder kam es ihm so vor, als würde er irgendetwas Wichtiges übersehen. Was genau, konnte er nicht angeben, aber ein Gefühl sagte ihm, dass da etwas nicht zusammenpasste. Er kannte dieses Gefühl, und für gewöhnlich traute er seinem Instinkt. Er war überzeugt, dass, was auch immer sich im Moment noch seinem Bewusstsein entzog, früher oder später aus seinem Versteck kommen würde.

Er steckte das Foto wieder in die Jackentasche, legte den Kopf zurück und schloss die Augen.

Porriño lag in dem Tal, das der Río Louro auf seiner Suche nach dem Vater Miño bildet. Ein kleiner Ort, zehn Kilometer landeinwärts von Vigo. Hier gabelte sich die Autobahn und führte in südlicher Richtung nach Portugal, in östlicher nach Madrid. Das Städtchen wuchs ebenso schnell, wie die Granitberge in seiner Umgebung verschwanden.

Im Windschatten der kräftigen wirtschaftlichen Entwicklung der Steinbrüche hatte man vor einigen Jahren in dieser Gegend ein großes Industriegebiet angelegt. Die günstigen Grundstückspreise, die gute Verkehrsanbindung und die nachlässige Steuerpolitik der örtlichen Verwaltung hatten zahlreiche Firmen aus Vigo hierhergelockt.

Sie verließen die Autobahn und fuhren an mehreren Werkhallen vorbei. Eine Landstraße führte sie bis vor ein hohes Eisentor, das die Zufahrt zu einem mehrere Hektar großen Gelände sicherte. Über der Durchfahrt stand in nüchternen Buchstaben: Riofarma.

Das Gebäude, in dem das Laboratorium untergebracht war, hatte die Ausstrahlung alter Industriearchitektur; es hätte aber auch ein Ministerium beherbergen können. Es war aus solidem, vornehmem Stein errichtet worden, anders als die umliegenden modernen Hallenkonstruktionen.

Die Firma war immer noch im Besitz der Familie Ríos, Lisardo Ríos hatte sie Jahrzehnte zuvor gegründet.

»Guten Tag«, sagte der Wachmann durchs offene Wagenfenster. Estévez wendete sich Hilfe suchend seinem Mitfahrer zu.

»Don Ramiro Ríos erwartet uns schon. Ich bin Inspektor Caldas von der Kriminalpolizei Vigo.«

»Inspektor Leo Caldas?«

»Ja.«

»Sie sind Inspektor Leo Caldas, von der Hörfunkstreife

»Höchstpersönlich«, bestätigte Estévez lautstark.

»Leo Caldas … Das ist ja unglaublich. Ich lasse mir keine Ihrer Sendungen entgehen! Ich hab das Radio immer auf Onda Vigo eingestellt.« Der Wachmann zwängte sich mit dem Oberkörper durchs Wagenfenster und streckte Caldas die Hand entgegen. »Da sehen Sie mal, was für ein falsches Bild man sich durchs Radio macht, Inspektor. Ihrer Stimme nach hätte ich Sie viel älter geschätzt.«

»Tut mir leid«, sagte Caldas und drückte ihm die Hand. Er konnte einfach nicht begreifen, dass es Leute gab, denen die Sendung gefiel.

»Macht überhaupt nichts«, sagte der Wachmann und hielt weiter Leos Hand umklammert. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Inspektor Caldas.«

»Dürfen wir durchfahren?«, fragte Caldas, als er das Gefühl hatte, sein Arm sei lange genug geschüttelt worden.

»Aber bitte doch, Inspektor, das wäre ja noch schöner«, sagte der andere und ließ seine Hand los. Er öffnete das Tor, und vor ihnen erschien eine schöne Gartenanlage, die sich rings um das Laboratoriumsgebäude erstreckte.

»Hat mich wirklich sehr gefreut«, rief der Mann begeistert, als sie ihn hinter sich zurückließen.

»Frohes Schaffen«, gab Caldas mit einem gezwungenen Lächeln zurück.

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»Da sieht man doch mal, was es ausmacht, wenn einen die Leute kennen – Sie sind eben eine richtige Berühmtheit, Chef«, kommentierte Estévez im Weiterfahren.

»Was heißt hier berühmt?«

»Jetzt spielen Sie mal nicht den Bescheidenen. Sie haben es doch selbst gesehen: Sobald er Sie erkannt hat, hat er uns sofort durchgelassen.«

»So bekannt bin ich nun auch wieder nicht. Und dass man die Polizei durchlässt, ohne langes Theater, ist auch nur normal.«

»Quatsch, Inspektor, Sie können doch nicht abstreiten, dass Sie völlig anders behandelt werden, einfach weil die Leute Sie vom Radio kennen. Wenn wir in Zivil unterwegs sind, oder wenn ich allein irgendwo hinkomme, machen alle bloß ein angeödetes Gesicht. Aber wenn Sie den Leuten sagen, dass Sie der von der Hörfunkstreife sind, so wie gerade eben, sind sie auf einmal total freundlich.«

»Erstens habe ich überhaupt nicht gesagt, dass ich auch beim Radio arbeite. Und zweitens: Wenn du dich mit den Leuten ständig ohne Grund anlegst, benehmen sie sich auch entsprechend.«

»Ich brauche keine Benimmstunden, Inspektor«, verteidigte sich Estévez. »Jeder hat eben seine Methoden. Sie wissen doch, wie nützlich Ihre Bekanntheit für Sie ist. Da brauchen Sie mir gegenüber nicht den Ahnungslosen zu spielen.«

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Space before Hyphen There is a space character before this hyphen.'einbildete – wenn ' This should probably be a non-breaking space, otherwise there might be a linebreak rendered before.

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»Lass gut sein, Rafa«, sagte Caldas, der ahnte, dass sein Kollege recht haben könnte. So wenig er sich auf seine Mitarbeit bei dem Programm einbildete – wenn ihn jemand erkannte, hatte das nur mit der absurden Radiosendung zu tun, auf keinen Fall damit, dass er seit Jahren als Polizist im Dienst seiner Mitbürger stand.

Sie stiegen aus und gingen zum Eingang des Gebäudes. Ramón Ríos erwartete sie an der Tür.

Ramón Ríos und Leo Caldas waren in derselben Schulklasse gewesen. Beide hatten sie gelernt, dass es eine Sünde gibt, die schlimmer als alle anderen ist, dass ein Tor, das im Anschluss an einen Elfmeter fällt, gilt und dass die Ableitung einer Funktion an einer Stelle x die Steigung der Tangente an den Funktionsgrafen an ebendieser Stelle angibt. Außerdem hatte Don José seinen zehnjährigen Schülern von der Höhe seines Lehrerpultes aus beigebracht, wie man sich in extremen Entscheidungssituationen zu verhalten hat: Bedroht ein Terrorist die Familie eines Kindes mit seiner Maschinenpistole und verlangt von dem Kind, einen heiligen Gegenstand mit Füßen zu treten, um so das Leben seiner Lieben zu retten, braucht das Kind dem Befehl nicht Folge zu leisten, denn für den Fall, dass der Terrorist seine Drohung wahr machen und schießen sollte, wird die Familie des Kindes als selige Gruppe heiliger Märtyrer geschlossen zum Himmel auffahren. Solange Alba mit dazugerechnet wurde, hatte Caldas Don Josés nicht gerade orthodoxer Theorie zugestimmt. Andernfalls nicht.

»Außer dir ist wohl niemand so verrückt und kommt extra hier raus ins Labor, nur weil er mich treffen möchte«, begrüßte ihn Ramón Ríos.

»Wie du siehst, gibt es Leute für alles«, entgegnete Caldas.

Sie umarmten sich. Obwohl sie sich schon lange nicht mehr regelmäßig sahen, hatte sich etwas von der engen Bezie­hung aus Kindertagen erhalten; damals hatten sie sich ange­freundet, weil es beiden, aus unterschiedlichen Gründen, schwergefallen war, mit den übrigen Kindern klar­zu­kommen.

»Diesmal komme ich aber nicht aus einem persönlichen Grund. Dafür hat es etwas mit deiner Arbeit zu tun«, sagte Caldas.

»Meiner was? Du bist wohl nicht ganz bei Trost!«

»Das nennt man doch Arbeit, wenn man regelmäßig kommt und Geld dafür kriegt?«, fragte Leo.

»Die beschäftigen mich bloß, weil sie es zu Hause nicht mit mir aushalten«, erwiderte Ramón und warf einen Blick auf die teure Armbanduhr an seinem linken Handgelenk. »Aber bei diesem Wetter bin ich spätestens in einer halben Stunde draußen auf dem Boot.«

»Du Glücklicher«, sagte der Inspektor.

Ramón Ríos deutete auf Estévez, der mit offenem Mund zusah, wie vier junge Männer in weißen Kitteln sich an einer dampfenden grünen Flüssigkeit zu schaffen machten. »Hast du dir einen Bodyguard zugelegt?«, fragte Ramón seinen alten Klassenkameraden leise.

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»Das ist Rafael Estévez, mein neuer Assistent. Er ist erst seit ein paar Monaten in der Stadt. – Rafael!«, rief er.

»Ein Monster. Um deine Sicherheit brauchst du dir jedenfalls keine Sorgen mehr zu machen«, murmelte Ramón und zwinkerte Leo schelmisch zu, ganz wie in früheren Zeiten. »Ich habe schon gehört, dass jeder Radiostar heutzutage einen Leibwächter braucht.«

»Sieht ganz so aus«, sagte Caldas lakonisch.

Estévez kam zu ihnen und grüßte: »Hallo, wie gehts?«

»Von Tag zu Tag kahler. Ansonsten kann ich nicht klagen.«

»Schön, Sie kennenzulernen«, sagte Estévez und zeigte auf die Männer in den weißen Kitteln: »Was machen die da?«

»Die mit der grünen Dampfwolke?«, fragte Ríos.

Rafael Estévez nickte.

»Keine Ahnung«, sagte Ríos, als wäre das die normalste Sache der Welt. »Ich kenne mich nur in meinem Bereich aus, und das auch nicht allzu gut, mach dir da bloß keine falschen Vorstellungen. Der Einzige in unserer Familie, der wirklich was von der Sache verstanden hat, war mein Großvater Lisardo. Er hat die Fabrik hier hochgezogen. Alle anderen tun bloß so, als ob sie Ahnung hätten, das heißt, außer mir noch mein Bruder, meine Cousine und unser Kater. Und die, die du hier rumlaufen siehst, haben auch nicht allzu viel drauf.« Er deutete auf eine Gruppe von Angestellten, die den Flur entlangkamen. »Die schlausten Köpfe wandern zur Konkurrenz ab. Seit Zeltia an die Börse gegangen ist, zahlen die wesentlich besser als wir, das merkt man. Außerdem bekomme ich hier ständig Allergien. Deshalb bin ich auch so wenig wie möglich da. Manchmal juckt es mich am ganzen Körper, dann hilft bloß noch ein Bad im Meer und eine tüchtige Brise. Das hat bestimmt damit zu tun, dass sich der Wein, den ich trinke, und irgendeine der Substanzen, die hier hergestellt werden, nicht vertragen. Möchtest du sonst noch etwas wissen?«, sagte er und sah Estévez an.

»Nein, vielen Dank.« Angesichts der wilden Assoziationsketten, die Ríos umstandslos auf sein Gegenüber niedergehen ließ, zog er es vor, keine weiteren Fragen zu stellen.

»Leo hat mir gesagt, dass du von auswärts bist.«

»Ja«, gestand Estévez widerstrebend ein. »Aus Zaragoza. Waren Sie schon mal da?«

»Siezt du mich, weil ich so wenig Haare habe?«

»Wie bitte?«, fragte Estévez zurück.

»Du sollst mich duzen, Mann, ich bin zwar hässlich, aber nicht alt. Siehst du?« Er riss weit den Mund auf. »Auf dieser Seite habe ich noch alle Zähne.«

»Bemühe dich nicht, Moncho«, mischte sich Caldas ins Gespräch. »Ich habe es schon seit Wochen aufgegeben. Du kannst ihn noch so oft darum bitten, er duzt einen bestenfalls zwei Sätze lang.«

»Wie du meinst. Aber irgendwann lernt man schließlich alles, denk nur an die einhändigen Liegestützen in der Schule.« Moncho Ríos betrat den langen Gang, der sich an einer Seite des Empfangsraums öffnete. »Kommt bitte«, sagte er zu seinen Besuchern, »wir reden auf dem Tennisplatz weiter.«

Estévez blieb wie angewurzelt stehen und sah den Inspektor an.

»Er meint sein Büro«, sagte Caldas und ging hinter Ríos her.

Das Büro von Ramón Ríos war ein riesiger, mit Nussholz getäfelter Raum. Den Boden bedeckte ein kaum weniger riesiger Perserteppich. Auf der einen Seite standen acht Lederstühle um einen großen Konferenztisch, in dessen Mitte eine moderne Telefonanlage prangte. Am Fenster stand ein alter Sekretär, der als Schreibtisch diente. Ausgebreitet darauf lag eine Sportzeitung.

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»Nicht schlecht – dafür, dass du eigentlich gar nicht arbeitest«, scherzte Caldas.

»Ist alles bloß Show«, gestand Ramón Ríos ein.

Leo Caldas hatte oftmals miterlebt, mit wie viel Neid die Klassenkameraden reagierten, wenn Ramón freimütig davon erzählte, in welchem Wohlstand er zu Hause lebte. Leo hatte derlei Gefühle nie empfunden, im Gegenteil, er schätzte Ramóns großzügige und treue Freundschaft. Wenn er Moncho Ríos um etwas beneidete, dann war es dessen unbekümmerte Offenherzigkeit, die so meilenweit von seiner eigenen Schüchternheit entfernt war.

»Bitte setzt euch und erzählt mir, welche wundersame Fügung euch hierhergeführt hat«, sagte Ríos.

Die beiden Polizisten machten es sich auf den Stühlen bequem, die um den Konferenztisch standen, und warteten schwei­gend, bis sich auch ihr Gastgeber niedergelassen hatte.

»Formol«, sagte Caldas schließlich.

»Formol? Was soll das?«, fragte Ramón. »Mensch, wovon redest du, Leo?«

»Riofarma produziert unter anderem Formol, und wir möch­ten wissen, wen aus der Stadt ihr damit beliefert.«

Ríos sah Caldas an, als hätte der ihn gerade in einer ihm unbekannten Sprache angeredet. »Da werden wir wohl mal fragen müssen«, sagte er, als er sich schließlich davon überzeugt hatte, dass sein ehemaliger Schulkamerad es ernst meinte und wirklich des Formols wegen hergekommen war.

»Übrigens, wie geht es eigentlich deinem Vater, Leo?«, fragte Ramón, während er den Telefonapparat am Kabel zu sich herzog.

»So wie immer, völlig abgetaucht in seine Welt. Morgen sind wir zum Mittagessen verabredet, aber ansonsten sehen wir uns in letzter Zeit ziemlich selten. Er kommt morgen bloß deshalb nach Vigo, weil er dort irgendeinen Papierkram erledigen muss. Wenn es nach ihm ginge, brächten ihn keine zehn Pferde aus seinem Weinkeller hinaus.«

»Kann ich gut verstehen. Wie ist denn der Wein dieses Jahr?«

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»Offenbar erstklassig, aber er jammert trotzdem, sagt, es sei viel verloren gegangen, weil es zur falschen Zeit geregnet hat. Keine Ahnung, was das heißen soll. Ich glaube, in Wirklichkeit jammert er einfach gern – wenn man bedenkt, dass er jetzt, im Mai, schon mehr als die halbe Ernte verkauft hat.«

»Er verkauft viel zu gut«, gab ihm Moncho Ríos recht. »Letztes Jahr wollte ich ihm ein paar Kisten abkaufen, aber es war nichts mehr übrig. Und im Jahr davor habe ich auch keinen Tropfen abbekommen.«

Als wollte er seinen Vater entschuldigen, entgegnete Leo: »Du weißt ja, er verscherbelt jedes Mal alles an den Erstbesten, der zu ihm kommt.«

Ríos nickte. »Wenn du ihn das nächste Mal siehst, sag ihm, dass ich von diesem Jahrgang unbedingt ein paar Flaschen probieren will. Er soll mir so viele wie möglich zurücklegen. Falls nötig, erinnere ihn daran, dass ich durchaus dafür bezahlen kann.«

Caldas lächelte und deutete auf das Telefon. »Um den Wein kümmere ich mich, dafür bist du jetzt mit dem Anrufen dran.«

Ríos schaltete den Lautsprecher des Apparates ein, damit seine beiden Besucher das Gespräch mithören konnten. Das Rufsignal tönte laut vernehmlich durch den Raum.

Er musste es an verschiedenen Stellen versuchen. Zunächst, um in Erfahrung zu bringen, ob in dem Laboratorium seiner Familie tatsächlich, wie von seinem Freund Leo Caldas behauptet, Formol hergestellt wurde. Dann, um zu der Ab­teilung zu gelangen, die dafür zuständig war. Als er endlich zur richtigen Nummer vorgedrungen war, meldete sich am anderen Ende eine weibliche Stimme.

»Abteilung Lösungen und Konzentrate, was kann ich für Sie tun?«

»Guten Tag, hier spricht Ramón Ríos.«

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»Don Ramón, na so was.« Aufgeregt bemühte sich die Frau, den Lapsus, der ihr soeben unterlaufen war, zu korrigieren: »Entschuldigen Sie, Don Ramón, ich meine natürlich …«

»Keine Sorge, komisch wäre es gewesen, wenn Sie sich nicht gewundert hätten«, sagte Moncho beschwichtigend und zwinkerte dem Inspektor zu. »Mit wem spreche ich, bitte?«

»Mein Name ist Carmen Iglesias.«

»Hallo, Carmen, ich hätte da eine kleine Frage zu einem Ihrer Produkte. Hätten Sie vielleicht einen Moment Zeit?«

»Dafür sind wir doch da, Don Ramón«, sagte die Frau bemüht freundlich.

»Produzieren wir auch Formol?«, fragte Ramón.

»Wie, ob wir auch Formol produzieren?«

»Wenn ich richtig informiert bin, wird in Ihrer Abteilung Formol hergestellt.«

»Also selber herstellen tun wir es nicht, Don Ramón, aber wir arbeiten hier mit Formol, das stimmt. Wir kaufen es beim Hersteller, und hier, in unserer Abteilung für Lösungen und Konzentrate, behandeln wir es dann und füllen es ab, je nachdem, was unsere Kunden damit vorhaben«, sagte Carmen.

»Sehen Sie, ich habe hier gerade ein paar Freunde zu Besuch, die gerne ein bisschen mehr über die Sache erfahren wür­den. Ob Sie Ihnen wohl einen Moment helfen könnten, mir zuliebe?«

»Aber selbstverständlich, Don Ramón.«

»Ich stelle Sie gleich durch, Carmen, aber lassen Sie mich davor noch sagen, dass Ihre Stimme wirklich …« Er suchte nach dem passenden Wort. »… wirklich sehr anziehend ist.«

»Danke schön, Don Ramón«, sagte die Frau amüsiert.

Caldas beugte sich näher zum Apparat. »Guten Tag, Carmen, hier spricht Inspektor Leo Caldas.«

»Der vom Radio?« Carmens Aufregung war unüberhörbar.

»Da haben Sies«, konnte Estévez gerade noch sagen, bevor ihn Leo Caldas’ vernichtender Blick traf.

Leo nahm die Gratulation der Frau entgegen, die ihm versicherte, niemand aus der Abteilung für Lösungen und Konzentrate lasse sich auch nur eine seiner Sendungen entgehen.

Sobald es möglich war, kam Caldas auf das Thema zurück, das ihn eigentlich hergeführt hatte: »Carmen, wäre es möglich, eine Liste mit den Namen der Personen zu bekommen, die bei Ihnen Formol kaufen?«

»In allen Konzentrationen?«, fragte Carmen.

»Konzentrationen?«, fragte Caldas zurück und sah Hilfe suchend Ramón Ríos an.

Der zuckte die Achseln. »Carmen, könnten Sie Inspektor Caldas und mir bitte erklären, was hier mit Konzentrationen gemeint ist?«

»Ganz einfach, Don Ramón, je nach Bedarf wird das Formaldehyd in unterschiedlichen Konzentrationsgraden angeboten. Papierfabriken oder Gerbereien zum Beispiel benötigen Formaldehyd in achtprozentiger Verdünnung, Krankenhäuser dagegen bekommen siebenunddreißigprozentiges Form­aldehyd, und …«

»Genau danach suche ich, Carmen«, fiel ihr Leo Caldas ins Wort. »Könnten Sie in Erfahrung bringen, welche Krankenhäuser siebenunddreißigprozentiges Formol von Ihnen geliefert bekommen? Vor allem in Vigo.«

»Natürlich, Inspektor«, sagte Carmen. »Am besten sprechen Sie direkt mit Isidro Freire. Er ist der zuständige Vertreter. Er kümmert sich um unsere Kunden in Vigo, egal, was sie bestellen, auch Formaldehyd.«

»Wäre es zu viel verlangt, wenn ich Sie bitte, mich zu Herrn Freire durchzustellen?«, fragte Caldas.

»Überhaupt nicht, Inspektor Caldas, aber Isidro Freire hat einen Termin, auswärts, ich habe gerade gesehen, wie er weggegangen ist. Er kann allerdings noch nicht bei seinem Auto angekommen sein. Soll ich ihn auf seinem Handy anrufen und ihn bitten, einen Moment zu warten?«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht …«

»Ich bitte Sie, Herr Inspektor! Ich rufe ihn sofort an. Wenn Sie erlauben, lege ich jetzt auf und rufe Herrn Freire an, nicht dass er uns davonfährt.«

»Nur eins noch, Carmen«, schaltete sich Moncho Ríos ein, der nicht zögerte, eine Gelegenheit wie diese beim Schopf zu ergreifen, auch wenn sich sein eigener zusehends lichtete.

»Bitte, Don Ramón.«

»Ich frage mich, wie alt wohl die Besitzerin dieser reizenden Stimme sein mag.«

»Danke, Don Ramón. Ich werde bald siebenundzwanzig.«

An dem honigsüßen Klang ihrer Stimme erkannte Caldas, dass die Frau nicht das Geringste an der Interessenbekundung seines Freundes auszusetzen hatte.

Moncho Ríos winkte die beiden Polizisten hinaus, schaltete den Lautsprecher aus und griff nach dem Hörer. »Jetzt hätte ich doch noch eine Frage, Carmen: Segeln Sie gerne?«

Hartnäckig

Als die beiden Polizisten aus dem Gebäude von Riofarma kamen, war es fast ein Uhr, und es war sehr heiß. Von dem Rasen, der das Gebäude umgab, stieg ein intensiver Geruch nach frisch geschnittenem Gras auf. Mehrere Rasensprenger drehten sich im Kreis oder bewegten sich langsam hin und her.

Caldas und Estévez gingen um das Laboratorium herum zum Parkplatz. Es hatte geheißen, Isidro Freire erwarte sie dort.

Als sie um die Ecke des Gebäudes bogen, erblickten sie einen Mann, der mit einem kleinen schwarzen Hund spielte. Das Fell des Tieres hatte sich zu langen Locken verdreht, was ihm das Aussehen eines Rastafari verlieh. Der Hund lief auf sie zu, schüttelte seine Mähne und stürzte sich dann auf die Füße von Estévez.

»Verfluchter Dreckköter, mach, dass du wegkommst.« Estévez versetzte dem Hund einen Tritt, und eine krause schwarze Kugel flog durch die Luft.

»Jetzt übertreib mal nicht, Rafael, das ist doch bloß ein kleines Hündchen.«

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»Was heißt hier Hündchen, Chef, haben die etwa keine Zähne?«, antwortete Estévez im Brustton der Überzeugung. Offensichtlich fühlte er sich völlig im Recht. »Ich möchte mal wissen, warum diese Scheißviecher es immer ausgerechnet auf mich abgesehen haben«, fügte er hinzu. »Ich kann mitten in einer Masse von Demonstranten stehen – falls im selben Moment irgendwo einer von diesen stinkenden Vierbeinern unterwegs ist, kommt er garantiert zu mir.«

»Damit, wie du sie behandelst, hat es bestimmt nichts zu tun«, murmelte Caldas.

Kaum stand der Hund wieder auf seinen vier Beinen, leitete er eine neuerliche Attacke auf die Schuhe des Polizisten ein.

»Sehen Sie, was ich meine, Inspektor? Und da soll ich nicht um mich treten?«

»Jetzt beruhig dich bitte, Rafa, da kommt das Herrchen«, sagte Caldas, während der Mann eilig auf sie zugelaufen kam.

»Das Mistvieh macht mir noch die neuen Schuhe kaputt«, sagte Estévez mürrisch, ließ den Hund jetzt aber an seinen Füßen herumknabbern.

»Pipo, hierher, aber schnell!«, rief der Mann. »Los, Pipo, komm zu Herrchen.«

Estévez half mit dem Fuß nach, und der Hund flog einige Meter in Richtung seines Besitzers.

»Entschuldigen Sie«, sagte der Mann. »Pipo war den ganzen Morgen im Auto eingesperrt. Wenn ich ihn dann rauslasse, gibt es erst mal kein Halten mehr. Aber sobald das Adrenalin abgebaut ist, wird er wieder brav und folgt.«

Caldas fand, ganz egal, ob vollgepumpt mit Adrenalin oder mit irgendeinem Beruhigungsmittel, dieser Hund sah nicht so aus, als ob er jemals hören würde.

Der Mann hob den Hund auf und nahm ihn in den Arm. »Sind Sie die Leute vom Radio? Die Freunde von Don Ramón?«

Rafael Estévez musste lachen, während Caldas versuchte, die Situation zu erklären.

»Ich glaube, da hat man Ihnen etwas nicht ganz richtig erzählt. Wir sind Freunde von Don Ramón, das stimmt, aber vom Radio sind wir eigentlich nicht. Wir arbeiten für die Polizei von Vigo. Ich bin Inspektor Caldas, und der Liebling Ihres Hundes ist mein Assistent Estévez.«

»Von der Polizei? Ist etwas passiert?«

Caldas merkte, dass der Mann beim Sprechen leise zitterte. Im Roman Der Bienenkorb von Camilo José Cela heißt es an einer Stelle, ein leichtes Zucken der Unterlippe sei ein Zeichen für Angst. Seit Caldas das Buch vor vielen Jahren gelesen hatte, hatte er sich mehrfach davon überzeugen können, dass der galicische Nobelpreisträger mit seiner Beobachtung recht hatte.

»Keine Angst, Señor Freire, mit Ihnen hat das nichts zu tun. Wenigstens nicht mit Ihnen persönlich.«

Isidro Freire atmete erleichtert auf.

»Wir bräuchten bloß eine Liste Ihrer Kunden aus Vigo, genauer, von allen, die mit siebenunddreißigprozentigem Formol beliefert werden. Dafür sollten wir uns an Sie wenden, hat man uns gesagt.«

»Ganz richtig. Vigo gehört zu meinem Verkaufsgebiet, und eines der Produkte, die ich vertreibe, ist Formol.« Freire dachte einen Augenblick lang nach. »Medizinisches Formaldehyd bekommen zwar nicht besonders viele, aber für alle Fälle würde ich lieber noch einmal in meinem Adressbuch nachsehen. Macht es Ihnen etwas aus, mich kurz zu meinem Auto zu begleiten? Dort habe ich meine Unterlagen.« Er deutete in Richtung des Parkplatzes und setzte seinen zotteligen Begleiter auf dem Boden ab.

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Isidro Freire war gut dreißig Jahre alt, braun gebrannt und trug das Haar kurz geschnitten und akkurat gescheitelt – nicht die kleinste Strähne tanzte aus der Reihe. Er war größer als Caldas, trug eine dunkle Hose, ein hellblaues Hemd und schwarze Lederhalbschuhe. Die Krawatte und das Jackett hatte er offensichtlich im Auto gelassen, heiß genug war es ohnehin, doch auch so machte er einen eleganten und stattlichen Eindruck. Der Typ Mann, der Erfolg bei den Frauen hat, dachte Caldas.

Ein paar Schritte hinter ihnen setzte Pipo seine Angriffe auf Estévez’ Knöchel fort. Dieser unterdrückte nur mühsam den Drang, dem Tier erneut einen heftigen Tritt zu verpassen. Caldas merkte, dass Gefahr im Verzug war, was er dem Besitzer des Hundes mit einer leichten Kopfbewegung nach hinten zu verstehen gab.

»Pipo, aus, lass den Mann in Ruhe!«, befahl Isidro Freire. Er ging in die Hocke und drängte den hartnäckigen Hund zur Seite. Dann hob er ihn hoch, redete ihm eine Weile gut zu und ließ ihn anschließend sanft zur Erde plumpsen. Der Hund machte sich davon.

»Ich habe noch nie einen Hund mit so langen Locken gesehen«, sagte Caldas. »Was für eine Rasse ist das denn?«

»Pipo? Ein Puli, Inspektor.«

»Aha.« Leo hatte nicht die geringste Ahnung, was das sein sollte.

»Ein Schäferhund«, sagte Freire zur Erklärung. »Ein ungarischer Schäferhund.«

Pipo lief offenbar ziellos in der Gegend herum, bis er sich einen der Rasensprenger zum neuen Angriffsobjekt erkor.

»Pipo, hierher, du wirst doch ganz nass«, befahl Isidro Freire, offensichtlich überzeugt, dass das Tier seine Worte mühe­los verstehen konnte.

Der Hund gehorchte erst, als er vollkommen durchnässt war. Dann kam er schwanzwedelnd durchs Gras gelaufen. In der schwarzen Schnauze dieses in einen Hund verzauberten Bob Marley glänzte eine Reihe makellos weißer Zähnchen. Dazwischen hing ein dunkler Gegenstand.

»Pipo, was hast du da im Maul?«, fragte sein Herrchen.

Von hinten gab Rafael Estévez die Antwort. »Ist bloß mein dämlicher Schnürsenkel.«

Schweiß

Rafael Estévez leckte sich die Fingerspitzen und nahm noch eine. Für Leo Caldas waren es die ersten Sardinen der Saison, für Estévez die ersten seines Lebens.

Eigentlich hatten sie nicht vorgehabt, dort zu essen, doch nachdem Guzmán angerufen hatte, um mitzuteilen, wann die Beerdigung stattfinden werde, sahen sie sich gezwungen, ihre Pläne zu ändern. Sie beschlossen, nicht nach Vigo zurückzukehren, sondern unterwegs etwas zu sich zu nehmen und dann direkt zur Bestattung des Musikers zu gehen.

Ramón Ríos hatte ihnen das Restaurant in Porriño empfohlen, seinerseits aber vorgezogen, selbst auf Fischfang zu gehen, statt sich der Sardinenprobe anzuschließen. Weil Estévez es so wollte, aßen sie trotz der Hitze draußen unter der mit Wein bewachsenen Pergola, neben sich den Grill, über dessen Glut aus Maisstielen langsam die Fische und die ungeschälten Kartoffeln garten.

»Schmeckt super, Chef.« Estévez sprach mit vollem Mund. »Einen Fisch einfach so mit den Fingern anzufassen, finde ich zwar eigentlich ein bisschen eklig, aber es schmeckt besser so, da haben Sie recht.«

»Sage ich doch.«

Rafael legte die abgenagte Gräte in die Schüssel und nahm sich die nächste Sardine vor. »Sind die nicht ein bisschen klein, Inspektor?«

»Sardinen und Frauen, nur den kleinen ist zu trauen, heißt es bei uns.«

»Also ich weiß nicht, so ganz überzeugt mich das nicht.«

»Hätte mich auch gewundert«, murmelte Caldas, nahm ein Stück Kartoffel aus der Schüssel und legte eine Sardine darauf, damit das Fett und das Salz sich mit der Kartoffel verbanden.

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Er wischte sich mit einer Papierserviette die Hände ab, griff nach dem eisgekühlten Tonkrug mit Weißwein und schenkte sich nochmals ein. Er fand den Tischwein eigentlich ein wenig sauer, aber dafür angenehm erfrischend. Dann packte er die Sardine mit der einen Hand am Kopfende und mit der anderen am Schwanz, näherte sie seinem Mund und biss genüsslich in das salzige Fischfleisch. Den halb abgegessenen Fisch legte er auf den Teller zurück und zerdrückte anschließend das Stück Kartoffel, auf dem er zuvor die Sardine abgelegt hatte, mit der Gabel. Die Kartoffelmasse gab er auf eine Scheibe Maisbrot und biss davon ab. Dann kam die andere Hälfte der Sardine an die Reihe. Er schlug die Zähne hinein – schon seit fast einem Jahr hatte er keine Sardinen mehr gegessen, es schmeckte göttlich.

Als sie sich genug Sardinen einverleibt hatten, beendeten sie das Mahl mit einer Portion Hausmacherkäse. Anschließend rückte Rafael Estévez die Bank, auf der er saß, an eine der Steinsäulen, die die Pergola trugen, und lehnte sich zurück. Obwohl die Weinblätter sie vor den Sonnenstrahlen schützten, lief der Schweiß nur so an ihm herunter.

»Ein Glück, dass es in Galicien nicht so heiß ist …«, sagte er unzufrieden und fächelte sich mit der Hand Luft zu.

»Drinnen ist es kühler«, erwiderte Caldas, der nicht vergessen hatte, von wem der Vorschlag, draußen zu essen, gekommen war.

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»Sie wollen doch nicht behaupten, dass man hier im Schatten nicht wunderbar sitzen kann«, verteidigte der andere seine Entscheidung. »Wenn ich schwitze, dann weil ich ein paar Kilo zu viel draufhabe … Das Einzige, was hier fehlt, ist ein kühles Lüftchen.«

Er sah zu den Weinranken hinauf und fragte, um das Thema zu wechseln: »Muss man erst mal draufkommen, die Tische hier drunterzustellen. Was sind das eigentlich für Kügelchen?«

»Die da oben?«

»Geht das jetzt schon wieder los, Inspektor? Wenn ich hochschaue und was von Kügelchen sage, meine ich ja wohl die Kügelchen, die wir da oben sehen, nicht meine eigenen …«

»Weiße Trauben.«

»Woher wissen Sie, dass die weiß sind? Für mich sind sie dunkelgrün.«

»In den Reben ist noch viel Chlorophyll. Am Anfang sind alle Trauben grün. Später, beim Farbwechsel, werden die weißen Trauben gelb und die roten eher rötlich.«

»Warum weiß man dann jetzt, dass es weiße Trauben sind?«

»Darum. Erstens wächst hier fast nur Weißwein. Und zweitens wegen der Pflanze: Es sind Treixadura-Weinstöcke. Siehst du die Blätter?«

»Ist das wieder eine von Ihren rhetorischen Fragen, oder glauben Sie, ich bin blind geworden, weil ich zu viel Sardinen gegessen habe?«

»Egal. Jedenfalls sind es weiße Trauben, wenn dus nicht glaubst, komm wieder, wenn geerntet wird, und überzeuge dich selbst.«

Wegen ihres Gesprächs über den Wein musste Caldas an seinen Vater denken. Dieser konnte sich kaum noch dazu aufraffen, auch nur für einen Tag seine Welt voller Weinstöcke hinter sich zu lassen und in die Stadt zu kommen. Er hatte ihn schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Als der Vater anrief, um sich mit ihm zu verabreden, hatte er einfach nicht Nein sagen können. Ob er tatsächlich Lust auf das Essen mit ihm am nächsten Tag hatte, wusste er allerdings selbst nicht. Er würde schon wieder allein erscheinen müssen. Ohne Alba und ohne eine Erklärung.

Geleit

Eine schwarz gekleidete Frau schluchzte heftig. Zwei andere Frauen, ebenfalls in Trauerkleidung, hielten sie, damit sie nicht zu Boden fiel, verzichteten aber darauf, ihr Trost zuzusprechen. Eine Gruppe von Kindern sah Reigosas Mutter betroffen von der Seite an.

Der kleine Friedhof grenzte an eine romanische Einsiedelei. Er lag auf einer ringsum von blühendem Ginster gelb gesprenkelten Anhöhe, von wo aus man eine herrliche Sicht auf die Rias von Pontevedra und Aldán hatte. Es war Ebbe, der nasse Sand glänzte in der Sonne.

»Schön«, hatte Estévez bei der Ankunft gesagt.

»Ja, und das Wetter ist auch schön.«

»Ich meine den Friedhof, sehr schön ist der.«

»Der Friedhof?«

»Ja, wie alle Friedhöfe hier. Ich weiß auch nicht, wieso … Vielleicht liegt es an dem Moos auf den Steinen oder an den Kreuzen oder was weiß ich, bei uns sind die Friedhöfe jedenfalls anders.«

Caldas sah sich um. Auf den Gedanken, dass ein Friedhof schön sein könne, war er noch nicht gekommen. Was sollte man dort schon vorfinden außer traurigen Erinnerungen, aber er musste zugeben, dass Estévez recht hatte: Dieser hier war schön.

In der Mitte erhoben sich zwei große Familiengräber mit eigenen Kapellen. Um sie herum gab es etwa dreißig Grabsteine und dazu eine größere Anzahl von Nischengräbern. Wie die Waben eines Bienenkorbes verteilten sich diese über vier Etagen entlang den Seitenmauern. Die meisten waren mit Blumen geschmückt, teils frisch, teils schon verwelkt, und vor manchen brannte eine Kerze. Auf einer Seite waren noch alle Nischen leer, so als wollte man den Besuchern ins Gedächtnis rufen, was sie dereinst erwartete.

Die Polizisten blieben bei einer der Grabkapellen stehen, sie wollten nicht allzu nahe herankommen. Sie hörten die verzweifelten Schluchzer der Mutter, während der Totengräber mit Zement die Nische zuspachtelte. Er stand auf einer Leiter und strich mit seiner Kelle immer wieder die Füllmasse glatt, so als wollte er allen Anwesenden vorführen, wie gut er sein Handwerk beherrschte. Bei jeder Kelle Zement schluchzte die Mutter aufs Neue los; sie konnte und wollte sich nicht damit abfinden, ihren Sohn allein dort zurückzulassen. Caldas hätte dem Mann auf der Leiter, der kein Ende zu finden schien, am liebsten laut zugerufen, er solle es bitte gut sein lassen. Er fragte sich, ob er bei Regen ebenso hartnäckig gewesen wäre.

Es waren nicht übermäßig viele Trauergäste erschienen. Caldas kam bei einer oberflächlichen Zählung auf nicht mehr als vierzig Personen. Mehrere Männer aus dem Dorf, die während der Einsegnung rauchend vor der Kirche gewartet hatten, näherten sich jetzt dem Grab. Bei den Kindern handelte es sich um die Schüler Luis Reigosas. Der Inspektor hatte vor dem Friedhofseingang einen Kleinbus mit der Aufschrift Conservatorio de Música de Vigo gesehen.

Ebenfalls nicht von hier war eine Gruppe leger gekleideter Männer und Frauen. Unter ihnen befanden sich wahrscheinlich auch die Bandmitglieder des Verstorbenen. Man merkte sofort, dass es sich um Stadtmenschen handelte. Überragt wurden sie von einem rothaarigen Mann, der es an Größe mit Estévez aufnehmen konnte. Caldas hatte sich die Namen der Musiker auf einem Zettel notiert: Arthur O’Neal, Iria Ledo. Der Rothaarige musste O’Neal sein.

Ebenso wenig aus dem Dorf war offenbar ein einzelner Mann mit weißem Haar. Er trug einen perfekt sitzenden dunklen Anzug und hielt sich ein wenig abseits, fast so wie die beiden Polizisten. Er hatte den Kopf gesenkt und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Die Sonne glänzte auf seinem weißen Haar. Es machte den Eindruck, als weinte der Mann. Irgendwie passten die Tränen nicht zu der kräftigen Frühlingssonne, dachte Caldas.

Das Haar des Mannes war wirklich ungewöhnlich weiß. Meistens zeigte sich irgendwo eine graue oder auch blonde Strähne. Hier nicht.

Rafael Estévez stand weiter hinten, im kühlen Schatten der Grabkapelle. Er rief Caldas leise zu sich. »Was ist, was willst du?«, flüsterte Caldas.

»Sehen Sie mal, was da auf dem Grab steht, Inspektor.« Estévez deutete auf eine Steinplatte in seiner Nähe.

In den Marmor gemeißelt hieß es dort: »Hier ruht Andrés Lema Couto, gestorben am 23. Juli auf hoher See. Die See gab ihn mir zurück. Hier durfte ich ihn am 4. August 1981 bestatten. Deine dankbare Gattin wird immer bei dir sein.«

»Sie bedankt sich beim Meer dafür, dass es ihr den Mann weggenommen hat?«

»Nein, sie bedankt sich dafür, dass sie ihn wiederbekommen hat.«

»Aber da war er tot«, sagte Estévez verwirrt.

»Wer zur See fährt, weiß, wie gefährlich das ist, Rafa. Alle wissen, dass sie dort jederzeit sterben können. Schlimm ist aber nicht, wenn einer im Meer stirbt, schlimm ist, wenn man keinen Leichnam hat, den man beerdigen kann. Wenn ein Schiff untergeht und die Leichen tauchen nicht irgendwann an der Oberfläche auf, haben die Familien an Land ein Gespenst zu betrauern. Die Frau dieses Mannes hat ihren Gatten, auch wenn er jetzt hier auf dem Friedhof liegt. Die Frauen von Verschwundenen aber werden zu weißen Witwen, die jeden Morgen ans Meer gehen, um es nach ihren Männern zu befragen. Tag für Tag, und nie bekommen sie eine Antwort.«

»Tja, wenn das so ist …«

Inspektor Caldas kehrte wieder an seinen Beobachtungsposten zurück. Der Totengräber hatte die Arbeit mit der Kelle beendet und stieg, zufrieden darüber, dem Bestattungsritual Genüge getan zu haben, von der Leiter. Die Steinplatte würde erst in ein paar Tagen eingefügt werden, der Steinmetz hatte noch nicht geliefert, aber der Sarg war jetzt in Sicherheit, die Mutter konnte nach Hause gehen.

Davor nahm die Frau noch die Beileidsbekundungen der Anwesenden entgegen. Die Kinder hatten sich hintereinander aufgestellt und küssten sie der Reihe nach auf die Wange. Einem der Kleinen gelang es, der Mutter mit seinen Worten ein kurzes Lächeln zu entlocken.

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Die Polizisten sahen zu, wie sie, von einer der Frauen aus dem Ort am Ellbogen gehalten, mit versteinertem Gesicht davonging. Der Schmerz schien sie förmlich von innen her aufzufressen – Leo Caldas hoffte, wenigstens die genaueren Todesumstände ihres Sohnes werde sie nie erfahren.

Er sah sich nach dem Mann mit dem weißen Haar um. Er konnte ihn nirgends entdecken. Während ihres philosophischen Dialogs über den Tod und das Meer hatte er sich davongemacht. Vor der Grabnische standen jetzt nur noch die Leute, die sie für die Musiker hielten.

»Und jetzt, Inspektor?«, fragte Estévez bedrückt.

»Erst mal abwarten, aber draußen«, sagte Caldas und zündete sich eine Zigarette an.

Als schließlich die Musiker durchs schmiedeeiserne Friedhofstor kamen, zog Caldas den Notizzettel mit den Namen aus der Tasche und trat auf den Iren zu.

»Arthur O’Neal?«

Der Mann antwortete mit einem deutlich ausländischen Akzent. »Das bin ich.«

»Könnten wir uns einen Moment unterhalten? Es dauert nicht lange.«

Caldas zog noch einmal an der Zigarette, bevor er sie auf die Erde warf und austrat. Die beiden Männer entfernten sich ein Stück von der Gruppe, und der Inspektor stellte sich mit leiser Stimme vor.

»Tut mir leid, Sie an einem solchen Tag belästigen zu müssen, aber es ist wichtig. Ich bin Inspektor Leo Caldas von der Kriminalpolizei Vigo, ich wollte …«

»Der vom Radio?«, unterbrach ihn der Musiker.

»Genau, der vom Radio.« Caldas traute seinen Ohren nicht, selbst der Ire kannte die Hörfunkstreife. »Ich wollte fragen, wann ich wohl einmal mit Ihnen sprechen könnte, mit den Mitspielern von Reigosas Band?«

»Einen Moment.« O’Neal wandte sich an seine Begleiter. »Iria, kannst du mal kommen?«

Die Augen der kleinen Frau, die auf sie zutrat, waren vom Weinen verquollen. Die dunklen Ringe darunter stachen aus ihrer bleichen Gesichtsfarbe hervor.

Caldas entschuldigte sich erneut für den unpassenden Mo­ment, aber Iria erklärte sich sofort bereit, zusammen mit ihrem Kollegen alles zu tun, was zur Aufklärung von Reigosas Tod beitragen könne. Sie verabredeten sich in Vigo. Das Konzert an diesem Abend im Grial sollte dem Gedenken an Luis Reigosa gewidmet sein. Danach könnten sie sich in Ruhe unterhalten.

Leo Caldas fand es eine schöne Idee, sich ohne weiteres Zeremoniell, nur mit Musik, von dem Toten zu verabschieden.

»The show must go on, Sie kennen das ja«, sagte Arthur O’Neal zum Abschied mit traurigem Gesicht, als könnte er seine Gedanken lesen.

Wild

Obwohl er seit seiner Kindheit nicht mehr dort gewesen war, erinnerte sich Leo Caldas noch genau an die Bäume am Strand von Lapamán. Und an den feinen, ungewöhnlich weißen Sand und die an Land gezogenen dornas. Der Geruch nach Farbe, Meer und Holz, der von diesen kleinen Booten ausging, war in seinem Gedächtnis noch ganz lebendig. Ob sich die Gegend seither wohl verändert hatte? Schließlich breitete sich schon seit Jahrzehnten eine Flut von Geschmacklosigkeiten unaufhaltsam entlang der Küste aus. Da sie ganz in der Nähe waren, beschloss Caldas, es auf einen Versuch ankommen zu lassen, und schlug seinem Assistenten einen Abstecher dorthin vor.

Die Küstenstraße verlief zwischen Kiefern und Eukalyptusbäumen. Rafael fuhr langsam, Caldas war sich nämlich nicht ganz sicher, wann genau die Abzweigung kam. Nach nicht einmal zwei Kilometern sahen sie ein Hinweisschild. Dass dort ein Schild stand, hielt der Inspektor für kein gutes Zeichen, die Straße zum Strand war zum Glück aber schmal und endete an einer Stelle, wo bestenfalls eine Handvoll Autos Platz zum Parken fanden.

Sie stellten den Wagen ab und stiegen eine Steintreppe hinunter, an deren Ende der Sand unter ihren Sohlen knirschte. Der Strand war menschenleer, bis auf eine junge Frau, die mit ihren zwei kleinen Kindern in der Sonne lag; eine zweite Frau war damit beschäftigt, am Ufer Algen zu sammeln.

Nahe beim Strand standen einige Steinhäuser, an die Leo sich nicht erinnern konnte, vielleicht waren sie aber auch schon da gewesen. Dornas waren keine zu sehen.

Sie setzten sich unter die Bäume, die immer noch genau so am Rand des Meeres in die Höhe ragten wie in Leos Erinnerung. Er nahm eine Handvoll Sand und ließ ihn zwischen den Fingern durchrieseln: ganz wie früher, fein und weiß.

»Nicht schlecht, der Strand, Inspektor«, sagte Estévez und sah sich um. »Und fast für uns allein. Das reinste Paradies. Ist das hier immer so?«

»Na ja, im Sommer sind mehr Leute da, aber überfüllt ist es nie.«

Estévez, der an das Mittelmeer gewohnt war, staunte, wie viel Strand die Ebbe hier freigelegt hatte. Er zog die Strümpfe aus und spazierte bis ans Wasser.

Der Inspektor streckte sich auf dem Sand aus, schloss die Augen und ging in Gedanken noch einmal den Fall durch, so wie er sich bis jetzt präsentierte. Sollte bei der Unterhaltung an diesem Abend mit den Jazzmusikern nichts von Bedeutung herauskommen, konzentrierte er sich bei der Untersuchung am besten auf die Frage nach der Herkunft des Formaldehyds. Die Anwendung von medizinischem Formaldehyd war weitverbreitet, dennoch hatte Barrio darauf hingewiesen, dass eigentlich nur Spezialisten wissen konnten, was passiert, wenn man diesen Stoff injiziert. Das ließ an einen Fachmann für pathologische Anatomie denken oder an Hilfskräfte aus den entsprechenden Krankenhausabteilungen. Wenigstens eine einigermaßen überschaubare Berufsgruppe, versuchte Caldas sich Mut zu machen. Und natürlich war es ausgeschlossen, jeden Einzelnen nach seiner sexuellen Orientierung zu befragen, aber inzwischen sahen sich Homosexuelle ja auch nicht mehr gezwungen, ihre Neigungen geheim zu halten. Isidro Freire hatte ihm eine Liste der von Riofarma belieferten Krankenhäuser gegeben. Dazu gehörten das Hospital General, die Poliklinik und die Fundación Zuriaga. Riofarma war zwar nicht die einzige Firma, die Formaldehyd vertrieb, aber doch eine der wichtigsten, und irgendwo musste er schließlich anfangen. Dann war da noch die Frage von Reigosas Auto. Früher oder später würde es bestimmt auftauchen.

Als er die Augen öffnete, ging gerade die Algensammlerin an ihm vorbei. Auf dem Kopf balancierte sie einen bis zum Rand mit frischer Ernte gefüllten Korb. Caldas blieb liegen, ließ sich den Meereswind ins Gesicht blasen und sah in die Blätter der Bäume hinauf, die sich über ihm bewegten. Neben ihm spielte die Mutter mit den zwei Kindern. Er musste an Alba denken. Er konnte verstehen, dass sie sich wünschte, Kinder zu bekommen; leider konnte sie ihrerseits nicht verstehen, dass man von dieser Vorstellung überzeugt sein musste. Der Wunsch, ein Kind zu haben, durfte schließlich keine bloße Laune sein. Und in jedem Fall musste man sich in Dingen, die beide betrafen, einig sein. Irgendwo hatte er gelesen, dass Kinder der wichtigste Grund für Spannungen in einer Beziehung seien. Wie richtig das war, erlebte er gerade am eigenen Leib, obwohl die dazugehörigen Kinder bislang eine bloße Idee waren.

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»Ganz schön kalt«, sagte Estévez, als er mit nassen Füßen vom Meer zurückkam. »Obwohl, bei der Hitze könnte eine kleine Erfrischung bestimmt nicht schaden. Sie wären wahrscheinlich nicht gerade begeistert, wenn ich mal schnell in der Unterhose …«

»Mir reicht es, wenn wir pünktlich zu dem Konzert heute Abend wieder in der Stadt sind«, erwiderte Caldas, ohne ihn anzusehen.

Estévez riss sich in Windeseile die Kleider vom Leib und stürmte, nach allen Richtungen den Sand aufwirbelnd, davon.

Als Caldas sich aufrichtete, um seine Kleider abzuschütteln, sah er, wie sich die einhundertdreißig Kilo seines nackten Assistenten in rasender Geschwindigkeit über die Weite des nassen Strands von Lapamán auf das Wasser zubewegten. Als es aufspritzte wie von einem wild galoppierenden Pferd, fielen Caldas die Petermännchen ein.

Fluchend tauchte Estévez aus dem Wasser auf und versuchte, sich auf einem Bein im Gleichgewicht zu halten. Das andere Bein hielten seine beiden Hände umklammert.

Missklänge

Von außen hätte man das Grial für einen britischen Pub halten können. Dunkle Holzbalken fassten die weiße Fassade, die Tür- und die Fensterrahmen ein. Den Eingang beschirmte ein kleines schiefergedecktes Satteldach.

Das Innere war geräumig, rechts befand sich eine lange Theke, und über den Raum verteilt standen ein Dutzend Tische. Fast alle waren besetzt. An den Wänden hingen Porträts zahlreicher großer Jazzmusiker. Aus den Lautsprechern kam Musik von Cole Porter. Im Hintergrund sah man die Bühne. Der Ire saß auf einer kleinen Bank und stimmte sein Instrument. Neben ihm stand ein schwarzes Klavier, darauf lag ein Mikrofon.

Caldas trat an die Theke. Sobald es ihm gelang, sich zwischen den vielen Gästen Gehör zu verschaffen, bestellte er Wein.

Er sah sich um und entdeckte Iria Ledo, die einige Meter von ihm entfernt ebenfalls an der Theke stand. Trotz der Schminke waren ihre Augenringe nicht zu übersehen. Er zündete sich eine Zigarette an und ging zu ihr.

»Guten Abend.«

»Inspektor Caldas.« Sie erkannte ihn sofort. »Wir haben gedacht, Sie kommen erst nach dem Konzert.«

»Ich habe gedacht, ein bisschen gute Musik kann nicht schaden«, sagte der Inspektor wie zur Entschuldigung.

»Da hat es schon bessere Gelegenheiten gegeben«, sagte Iria Ledo.

»Stimmt. Das mit Ihrem Freund tut mir leid.«

Iria bedankte sich mit einem Kopfnicken.

»Heute ohne Reigosa auf die Bühne zu gehen und zu spielen, ist wahrscheinlich nicht gerade einfach.«

»Sie sagen es, Inspektor.«

Iria nahm die beiden Gläser, die der Kellner ihr hingestellt hatte, und wechselte das Thema. »Mögen Sie Jazz?«

Caldas nickte.

»Hier habe ich Sie aber noch nie gesehen.«

»Ich gehe fast immer an dieselben Orte«, verteidigte sich Caldas. »Musik höre ich normalerweise zu Hause. Im Grial war ich erst einmal.«

»Für das zweite Mal haben Sie sich den schlechtestmöglichen Tag ausgesucht.«

Caldas nickte, nahm Irias Äußerung aber nicht als Vorwurf, sondern als ehrlichen Ausdruck ihrer Trauer.

»Ja«, antwortete er.

»Nachher unterhalten wir uns, Inspektor. Ich muss jetzt auf die Bühne.« Sie drehte sich um und ging, ein Glas in jeder Hand, zwischen den Tischen davon. Leo sah ihr hinterher. Auf der Bühne angekommen, übergab sie eins der Gläser Arthur O’Neal, nahm einen Schluck aus dem anderen Glas, stellte es auf dem Boden ab und setzte sich ans Klavier.

Die Hintergrundmusik hörte auf, und die Beleuchtung wurde heruntergedreht, bis es fast dunkel war. Nur der schwache Lichtschein von der Theke und die Kerzen auf den Tischen sorgten für einen Rest Helligkeit.

Der gedämpfte Ton des Kontrabasses unterbrach die erwartungsvolle Stille. Ein Spot richtete sich auf Iria, die bleich an dem schwarzen Klavier saß. Mit geschlossenen Augen ließ sie die Hände auf die Tasten sinken. Leo kannte das Stück: Embrace­able You von den Gershwin Brothers. Ernst, gesetzt. Wenn man das spielte, kam es aufs Gefühl an, und Iria hatte mehr als genug davon.

Als sie fertig waren und der Applaus verklungen war, leerte Iria in einem Zug ihr Glas, griff zum Mikrofon und sagte in die Stille hinein: »Luis Reigosa spielt nicht mehr mit uns.« Leo hatte den Eindruck, dass die meisten der Anwesenden schon alles wussten. Mit belegter Stimme erklärte Iria, dieser Abend werde eine Hommage an Reigosa sein. Sie bat um Entschuldigung für den Fall, dass ihre Aufgewühltheit und Trauer sich allzu deutlich bemerkbar machen sollten.

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Sie spielten mehrere Stücke, die Caldas nicht erkannte. Womöglich lag es daran, dachte er, dass sie genau so spielten, als stünde Reigosa mit auf der Bühne – nur war die Saxofonstimme nicht zu hören.

Später erschien ein gewisser Germán Díaz mit einer zanfoña auf der Bühne. Caldas hatte schon von Versuchen gehört, auf traditionellen galicischen Instrumenten Jazz zu spielen. An diesem Abend hörte er das Ergebnis dieser Mischung zum ersten Mal live und war überrrascht. Sie spielten Laura von Charlie Parker. Das alte keltische Saiteninstrument verfügte nicht über das gleiche Register wie ein Saxofon, aber beim Klang der knarrenden Drehleier hatte man den Eindruck, eine weinende Stimme zu vernehmen. Nur weinte sie nicht um Laura, wie einst Charlie Parker, sondern um Reigosa.

Das letzte Stück widmete Iria nochmals ausdrücklich Reigosa: Angel Eyes.

Caldas sah vor sich die wässrige Farbe der Augen des Toten und fand den Titel mehr als passend.

And why my angel eyes ain’t here

Oh, where is my angel eyes.

Excuse me while I disappear

Angel eyes, angel eyes.

Nach der Vorstellung ließen sich Leo Caldas, Iria Ledo und Arthur O’Neal an dem am weitesten von der Theke entfernten Tisch nieder. Die beiden Musiker begannen von Reigosa zu erzählen. Er sei nicht bloß ein hervorragender Musiker, sondern auch ein selten warmherziger Mensch gewesen, der ganz für seine Musik lebte. Die Nachmittage habe er im Konservatorium und die Abende hier im Grial zugebracht. Eine Weile ging das Gespräch so hin und her, bis Caldas unvermittelt fragte:

»Wissen Sie, ob Reigosa homosexuell war?«

»Das war ja wohl nicht zu übersehen«, antwortete Iria, und Caldas spürte, dass er errötete. »Wir haben uns fast täglich getroffen. Luis hat kein Geheimnis daraus gemacht. Er hat es auch nicht extra zur Schau gestellt, aber wenn ihn jemand danach fragte, hat er ganz offen darüber gesprochen. Haben Sie seine Augen gesehen? Männer und Frauen waren jedes Mal wie magnetisch davon angezogen, auf Dauer hätte er niemandem etwas vormachen können. Spielt es eine Rolle, mit wem er ins Bett gegangen ist?«

»Er ist im Bett ermordet worden«, sagte Caldas.

»Davon hat uns niemand was gesagt.«

Für Arthur blieb es völlig rätselhaft, was den Anlass zu dem Verbrechen gegeben haben könnte: »Luis war ein total normaler Mensch«, bekräftigte er mit seinem starken Akzent. »Er hat sich nie mit jemandem angelegt, und niemand hatte einen Grund, sich mit ihm anzulegen.«

»Trotzdem ist es passiert.«

»Klar. Wir haben ja selbst die Leiche identifiziert.« Irias Stimme klang düster. »Man konnte seinem Gesicht ansehen, wie sehr er hat leiden müssen.«

Zum Glück hatten sie nur das Gesicht zu sehen bekommen, dachte Caldas.

»Sie haben ihn identifiziert?«

»Ja, sonst hätte seine Mutter das machen müssen«, sagte die Pianistin. »Die Ärmste, auf dem Friedhof hatte ich Angst, sie stirbt gleich mit ihm.«

O’Neals Miene verfinsterte sich, als er an die Szene zurückdachte. »Luis wollte eigentlich verbrannt werden«, sagte er vor­wurfsvoll.

»Reigosa hat also über seinen Tod gesprochen?«

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»Wir sind Musiker, vergessen Sie das nicht, Inspektor. Wir haben viele Abende zusammen hier in dieser Bar verbracht, Art, Luis und ich. Man trinkt, redet, fantasiert. Einfach so, ohne Hintergedanken. Hochzeiten, Reisen, Beerdigungen … was einem durch den Kopf geht. Luis hat mal gesagt, wenn er tot ist, will er verbrannt werden, und seine Asche sollen wir ins Meer streuen, und dazu soll Musik von Bird zu hören sein, also von Charlie Parker G↓11G11
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«

Caldas nickte. »Und warum haben Sie das nicht so gemacht?«, fragte er nach einer Weile.

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»Das hätten Sie mal seiner Mutter erzählen sollen. Luis ist G↓13G13
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«, Iria verbesserte sich sofort, »Luis war ihr einziges Kind. Schon dass er damals fortgegangen und nach Vigo gezogen ist, war schlimm genug für sie. Er ist ohne Vater aufgewachsen, verstehen Sie …«

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Der Inspektor nickte. Es war weder eine Seltenheit in Galicien, noch wurde es als besonders schlimm angesehen, wenn eine nicht mehr ganz junge Frau auf dem Dorf alleine Kinder großzog – alte Frauen ohne Nachkommen waren fast unweigerlich zum Betteln verurteilt, sofern sie irgendwann ihr Land nicht mehr selbst bearbeiten konnten. Da verstand es sich von selbst, dass sie sich ein Kind zulegten, das ihnen später würde helfen können. Trotzdem war Reigosa von zu Hause weg­gezogen.

»Hatte er einen festen Partner?«, fragte Caldas und sah die bleiche Pianistin an.

»Luis? Nicht dass ich wüsste.« Offenbar ein wenig überrascht, suchte Iria Ledo den Blick des Iren, der seinerseits den Kopf schüttelte.

»Luis hat immer so viel von sich erzählt, wie er für richtig hielt, und wir haben ihn nicht weiter ausgefragt. Vielleicht gab es jemanden, mit dem er sich öfter getroffen hat, aber wenn diese Person wirklich wichtig für ihn gewesen wäre, hätte er es uns wissen lassen, glaubst du nicht?«

Arthur O’Neal nickte zustimmend. Die Kerze in der Mitte des Tisches rief merkwürdige Reflexe auf seinem rötlichen Haar hervor.

Die Frau sprach weiter: »Wir wussten, dass er manchmal nach dem Spielen in einen Pub in der Calle Arenal ging. Den Namen habe ich vergessen. Weißt du, welchen ich meine, Art?«

»El Idílico?«

»Genau, El Idílico. Vielleicht finden Sie da jemanden, der Ihnen weiterhelfen kann. Aber dass Luis Reigosa ein Doppelleben geführt haben soll, kann ich mir nicht vorstellen, Inspektor. Sein Leben war ja ganz ausgefüllt.«

Der Ire, der im Lauf der Unterhaltung zwei große Bierkrüge geleert hatte, entschuldigte sich und verschwand in Richtung Toiletten. Leo blieb neben der Frau sitzen und zündete sich an der Kerze eine neue Zigarette an.

»Noch etwas: Ich wundere mich über Reigosas Wohnung. Verdient man mit Musik so viel Geld?«

»So viel Geld? Man kommt einigermaßen zurecht, würde ich sagen.«

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»Aber das, was er hier verdient hat, und dazu sein Gehalt vom Konservatorium – reicht das wirklich für ein Doppel­apartment in der Torre Toralla?«

»Luis brauchte nichts zurückzulegen, Inspektor Caldas. Schließlich hatte er nicht vor, eine Familie zu gründen.«

Stimmt, dachte der Inspektor, als Iria auf einmal zum Eingang des Lokals deutete: »Ihr Freund.«

»Wie bitte?«

»Der große Typ da an der Tür. War der nicht zusammen mit Ihnen auf der Beerdigung?«

Caldas sah, wie Estévez sich hinkend zur Theke schleppte.

»Sie haben ein gutes Gedächtnis.«

Bevor sie sich verabschiedeten, fragte er die Pianistin noch: »Ist Ihnen bei der Beerdigung ein sehr eleganter Mann aufgefallen? Er hatte weiße Haare.«

»Ja, ganz weiße Haare und einen Anzug vom besten Schneider. Wer war das?«

»Keine Ahnung.« Caldas bedauerte es erneut, dass er das Gesicht des Mannes nicht hatte sehen können. »Ich wollte ihn ansprechen, aber als wir aus dem Friedhof kamen, war er nicht mehr da.«

Sie standen auf, und im Licht eines fluoreszierenden Strahlers wurde die bleiche Haut der Pianistin blau. Sie gaben sich die Hand.

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»Danke, Iria. Und glauben Sie bitte nicht, dass es mir Spaß macht, Sie über all diese traurigen Dinge auszufragen.« Er übergab ihr seine Visitenkarte. »Falls Ihnen noch irgendetwas einfallen sollte, rufen Sie bitte an. Manchmal hält man etwas für nicht so wichtig, und dann …«

Sie hielt die Karte, ohne sie zu lesen. »Wann war das erste Mal?«, fragte sie.

»Was meinen Sie damit?«

»Bevor wir gespielt haben, haben Sie gesagt, Sie seien schon einmal im Grial gewesen. Wem haben Sie damals die Ehre erwiesen, Inspektor Caldas?«

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»Einem amerikanischen Pianisten … Ich glaube, er hieß Bill Garner. Angeblich ein Sohn von Errol Garner. Wissen Sie, wen ich meine?«

»Natürlich, Apollo.«

»Apollo?«

»Bill Garner, Spitzname Apollo. Wessen Sohn er ist, weiß ich nicht. Er selbst hält sich für den neuen Thelonious Monk, aber da übertreibt er, glaube ich, ein bisschen. Für manche Sachen braucht es mehr als bloß eine schwarze Hautfarbe. Er lebt offenbar in Lissabon, kommt aber jedes Jahr für ein oder zwei Abende hierher. Er hat hier wohl auch eine Freundin.«

»Sie scheinen ihn nicht übermäßig zu mögen.«

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»Apollo? Doch, ich mag ihn … Er verstimmt bloß immer das Klavier.« Zum ersten Mal in dieser Nacht sah Leo, dass sie lächelte. »Aber nicht weitersagen, Inspektor.«

Caldas sah der kleinen Frau hinterher, als sie zwischen den Gästen des Lokals davonging. Dann drückte er seine Zigarette im Aschenbecher aus und ging zur Theke, wo Estévez auf ihn wartete.

»Du kommst ja gerade rechtzeitig.«

»Wir haben gesagt, nach dem Abendessen, und jetzt ist nach dem Abendessen, Inspektor. Außerdem kann ich kaum gehen, zu Hause musste ich mich erst einmal hinlegen und den Fuß hochlagern. Meine Zehen sind dick wie Chorizos, und das alles nur wegen diesem verfickten Killerfisch.«

»Petermännchen, meinst du.«

»Petermännchen, genau, ab das Schwänzchen, sag ich bloß. Das nächste Mal nehm ich die Knarre mit, wenn ich im Meer baden gehe.«

Brüsk

Nachdem sie aus dem Grial gekommen waren, brauchten sie reichlich eine halbe Stunde, um eine Strecke von vierhundert Metern zurückzulegen. Estévez nutzte jede Bank, die an der Straße stand, um sich hinzusetzen und über seinen schmerzenden Fuß zu jammern und zu fluchen.

Obwohl es ein Wochentag war, drängten sich die Leute in den Pubs der Calle Arenal. Während sie auf dem vollen Bürgersteig vorwärtszukommen versuchten, musste Caldas an die Frau denken, die in der Sendung angerufen und sich über den Lärm beklagt hatte, der sie nachts nicht schlafen ließ. Es wunderte ihn, dass sich nicht noch viel mehr Leute darüber beschwerten.

Kurz vor eins standen sie vor dem Idílico. Ein roter Samtvorhang versperrte den Durchgang.

»Guten Abend«, sagte Caldas.

Ein Türsteher in einem Muskelshirt zog den Vorhang ein Stück zur Seite.»Guten Abend.«

»Sind wir etwa so weit gelaufen, bloß um hier was zu trinken, Inspektor?«, sagte Estévez empört, als er feststellte, dass sein Leidensweg offenbar ein Ende gefunden hatte.

Caldas hatte unterwegs zweimal den Versuch unternommen, seinem Assistenten klarzumachen, dass sie die Schwulenbar ansteuerten, zu deren Stammgästen Reigosa gezählt hatte. Jedes Mal hatte Rafael ihn laut jammernd unterbrochen, um über den Schmerz vom Stich des giftigen Fisches in seinem Fuß zu klagen.

»Tja, was meinst du?«

»Was weiß ich.« Und leise fügte Estévez hinzu: »Ich sehe schon, ein klares Ja oder Nein ist einfach zu viel verlangt.«

»Nein«, giftete Caldas zurück, der das Gemecker satthatte.

Drinnen war es dunkel und die Musik viele Dezibel lauter als erträglich. Zwölf, vielleicht auch fünfzehn junge Männer bewegten sich auf der Tanzfläche, noch mal fünf standen an der Theke.

Estévez setzte sich in einen der Sessel am Rand der Tanzfläche. Er zog einen Tisch heran und legte den kranken Fuß darauf. Caldas ging zur Theke. Das T-Shirt des Kellners schien aus allen Nähten zu platzen.

»Was solls sein?«

»Was habt ihr für Wein?«

»Wein gibts in Kneipen, Schätzchen«, sagte der Kellner ein wenig geziert.

»Also dann ein Bier«, verbesserte sich der Inspektor.

Der Kellner sah zu Estévez und fragte:

»Und dein Langer da?«

»Auch eins.«

Als der Kellner mit den Getränken zurückkehrte, zog Caldas das Foto von Luis Reigosa aus der Jackentasche. Er legte es auf den Tresen und drehte es um, damit der andere es sich genau ansehen konnte.

»Kennst du den?«

»Hier kennt niemand niemanden, gute alte Hausregel«, gab der Kellner giftig zurück und machte keine Anstalten, das Bild auch nur anzusehen.

Caldas legte einen Fünfzigeuroschein auf das Foto.

»Das reicht gerade mal für ein Bier«, sagte der andere.

Als der Inspektor noch einen Fünfzigerschein auf den Tresen gleiten ließ, schien der Gedächtnisschwund des jungen Mannes auf einmal wie weggeblasen.

»Die beiden Biere gehen auf meine Rechnung«, sagte er und schob sich die hundert Euro in die Gesäßtasche seiner Jeans. »Den Typ auf dem Foto nennen sie hier Äuglein, er ist ein Freund von Orestes.«

»Von wem?«

Der Kellner zeigte nach oben. »Von Orestes«, sagte er noch einmal.

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Leo Caldas sah in die Richtung, in die der Finger des Kellners wies, zu einer Stelle über der Tanzfläche: Dort hing an vier dicken Drahtseilen eine Glaskabine von der Decke – der Platz für den Discjockey. Dieser war ein schmaler junger Mann, der an einem Mischpult herumfingerte. Sein kahl geschorener Schädel verschwand fast unter den riesenhaften Kopfhörern.

Caldas wünschte ihm, dass die Kopfhörer nicht so unbequem waren wie die beim Radio. Er hatte sich schon oft gefragt, ob die von Santiago Losada auch so schlecht saßen wie seine. Er hatte den Verdacht, sein Kollege habe es sich persönlich zur Aufgabe gemacht, ihm das steifste Paar zu besorgen, das er auftreiben konnte, nur um ihn zu demütigen.

Caldas nahm die Gläser und ging zurück zu Rafael Estévez. Der Assistent, dessen Bein immer noch auf dem Tisch lag, winkte ihn näher zu sich heran. »Die beiden Kerle, die hinter Ihnen an der Theke standen, küssen sich, Inspektor«, flüsterte er ihm ins Ohr.

»Hm«, gab Caldas zurück.

Estévez sah sich erneut um. »Ich hab nichts gegen die, Chef.« Ganz auf seinen schmerzenden Fuß konzentriert, schien er erst jetzt gemerkt zu haben, dass sie sich in einer Schwulenbar befanden. »Jeder kann ins Bett steigen, mit wem er mag.«

»Kümmere dich um dein Bier und pass bitte auch auf meins auf«, sagte Caldas und stand auf. »Ich komme gleich wieder.«

Der Inspektor lief quer durch die Bar auf eine kleine Leiter zu, die zu der Kabine hinaufführte, wo jener Orestes seiner Arbeit nachging. Caldas verspürte wenig Lust, die offensichtlich nicht besonders stabile Metallkonstruktion zu erklimmen, aber er sah keine andere Möglichkeit, den Discjockey auf sich aufmerksam zu machen. Oben angekommen, holte er das Foto von Reigosa hervor und klopfte an die Scheibe. Der infernalische Lärm, den die Lautsprecherboxen zu beiden Seiten der Kabine verbreiteten, zwang Caldas, immer stärker zu klopfen. Erst nachdem er eine Weile mit aller Kraft gegen die Kabinentür gehämmert hatte, bemerkte der junge Mann seine Anwesenheit und machte auf.

»Ich bin bei der Arbeit«, brüllte er ihn an.

»Bist du Orestes?«

Der DJ nickte, und Caldas hielt ihm das Foto entgegen.

»Nein«, lächelte Orestes und näherte sich dem Ohr des Inspektors. »Äuglein ist schon seit Tagen nicht mehr hier gewesen. Du musst dir jemand anders suchen.«

Caldas wollte keine Zeit verlieren. »Ich muss dich ein paar Sachen fragen. Ich bin von der Polizei.«

»Du bist was?« Der junge Mann runzelte misstrauisch die Stirn.

Caldas hielt ihm die Dienstplakette entgegen. »Inspektor Leo Caldas«, schrie er ihm ins Ohr.

»Der vom Radio?« Es war nicht zu glauben.

»Ja, der vom Radio. Kannst du das mal leiser stellen?«, bat er und zeigte auf einen der donnernden Lautsprecher.

»Das hier ist ein Pub, Inspektor Caldas, da wollen die Leute Musik hören.«

»Dann gehen wir eben woanders hin«, brüllte Leo.

»Ich arbeite gerade.«

Leo hielt ihm die fünf ausgestreckten Finger seiner rechten Hand entgegen.

»Ich brauch bloß fünf Minuten.«

Orestes nickte, und der Inspektor kletterte, den Blick von der Tiefe abgewendet, die wacklige Leiter hinunter.

Während er am Rand der Tanzfläche des Idílico auf den jungen Mann wartete, sah er sich nach seinem Assistenten um. Lächelnd stellte er fest, dass Estévez völlig ungeniert Schuh und Strumpf ausgezogen und den schmerzenden nackten Fuß anschließend wieder auf den Tisch gelegt hatte.

Als sich der Discjockey zu ihm gesellte, fragte Caldas, wo sie sich mit etwas mehr Ruhe unterhalten könnten. Orestes führte ihn ins Chaos des Getränkelagers, dessen Tür den Lärm einigermaßen zurückhielt.

»Was wollen Sie, Inspektor? Ich hab nur wenig Zeit, zwei Stücke, dann muss ich wieder rauf in die Kabine.«

Leo zündete sich eine Zigarette an, bot auch dem kahl geschorenen jungen Mann eine an und hielt ihm dann erneut das Foto hin.

»Das ist ein Musiker, er heißt Luis«, vermerkte Orestes.

»Ja, Luis Reigosa, ich weiß. Was weißt du noch über ihn?«

»So gut kenne ich ihn auch nicht, Inspektor. Er ist kein Stammkunde, und er bleibt auch nie besonders lange. Wir haben uns ein paarmal unterhalten, aber immer bloß kurz. Ich glaube, er steht nicht so auf das Ambiente hier.«

»Wann hast du ihn zuletzt gesehen?«

»Ehrlich gesagt, schon länger nicht mehr. Ich sag doch, er ist kein Stammkunde, Inspektor Caldas. Er bleibt immer nur, bis er jemanden aufgegabelt hat, dann verschwindet er. Sie wissen schon.«

»Nein, tu ich nicht.«

»Sobald er irgendwen aufgerissen hat, haut er ab. Er kommt nicht her, um sich hier die Zeit zu vertreiben.«

Angesichts des ohrenbetäubenden Lärms wunderte Caldas sich nicht, dass Reigosa sich stets nur so kurz wie möglich an diesem Ort aufgehalten hatte. Der Inspektor war nicht zum ersten Mal in einer Schwulenkneipe. Bei jedem seiner Besuche hatte er den Eindruck gehabt, einen Großteil der Anwesenden verbinde außer ihrer sexuellen Orientierung nichts miteinander.

»Hatte er einen festen Freund?«

»Äuglein? Nicht dass ich wüsste. Aber warum sagen Sie, ›hatte er‹?«

»Weil er tot ist«, sagte Caldas kühl.

»Was?« Orestes schien nicht verstanden zu haben.

»Äuglein, wie du ihn nennst, ist gestern an sein Bett gefesselt aufgefunden worden. Er war tot, er ist ermordet worden.« Caldas drückte sich absichtlich roh und unvermittelt aus.

Orestes war von der Nachricht sichtlich erschüttert. Leo merkte, dass seine Unterlippe zitterte. »Oh Gott! Sind Sie sicher?«

»Absolut. Deswegen bin ich hier. Wir nehmen an, einer seiner Liebhaber hat ihn umgebracht. Vielleicht kennst du einen von ihnen.«

Orestes fuhr sich mit beiden Händen über den kahlen Schädel, so als dächte er über eine Antwort nach.

»Ich frage dich, ob du irgendeinen Liebhaber von Reigosa kennst«, insistierte Caldas.

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Der junge Mann sah ihn mit glasigem Blick an. »Hier gibt es keine Liebhaber, Inspektor Caldas. Entweder einer hat einen festen Partner, oder er sucht sich jemanden für eine Nacht. Einer wie Luis Reigosa bekam alle ins Bett, egal wen. Da können Sie ja mal hochrechnen …« Orestes deutete auf die Tür, hinter der die Tanzfläche des Idílico lag. »Also, so aus dem Stand, keine Ahnung … Ich habe gesehen, dass er sich mit ziemlich vielen Leuten unterhalten hat, aber das waren, glaube ich, meistens bloß Bekannte. Ich muss mal drüber nachdenken. Können wir uns nicht später mal unterhalten? Ich muss jetzt wieder rauf in die Kabine.«

»Morgen?«

Orestes nickte ängstlich, und der Inspektor fragte: »Vor dem Mittagessen?«

»Ich komme hier um sieben Uhr morgens raus, Inspektor.«

»Wann geht es denn?« Caldas ließ nicht locker.

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»Keine Ahnung … Besser nachmittags. Um fünf?«

»Einverstanden. Hier?«

»Nein, nicht hier«, verbesserte Orestes ihn hastig. »Wissen Sie, wo das Hotel México ist?«

»Oberhalb vom Bahnhof?«

Der Discjockey nickte. »Im Erdgeschoss ist eine Cafeteria. Sagen wir, da um fünf? Tut mir leid, jetzt gehts einfach nicht, Inspektor«, sagte Orestes entschuldigend und wollte sich zur Tür umdrehen.

Caldas warf die Zigarette auf den Boden, trat sie aus und packte Orestes an den Schultern.

»Eins noch.« Der Inspektor hielt ihn fest, er wollte ihm ins Gesicht sehen, während er mit ihm sprach. »Kennst du einen Freund von Reigosa, der ganz weiße Haare hat?«

Orestes sagte nichts.

»Sehr weiß. Wirklich sehr, sehr weiß.«

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»Ganz weiß? Nein, keine Ahnung, wer das sein könnte.« Die Unterlippe zitterte immer noch. »Tut mir leid, Inspektor, das Stück ist gleich aus … Ich muss wieder rauf.«

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Er huschte hinaus und kletterte eilig die Leiter in die Kabine hinauf. Caldas hatte das Gefühl, der junge Mann halte etwas verborgen. Angelogen hatte er ihn wahrscheinlich nicht, das, was er sagte, klang ehrlich, trotzdem hatte er wohl nur einen Teil der Wahrheit preisgegeben. Die Nachricht vom Tod des Musikers hatte ihn sichtlich getroffen, wofür es nur zwei Gründe geben konnte: Entweder war Reigosa mehr als ein bloßer Bekannter von ihm gewesen, oder der Junge hatte einfach Angst. Vielleicht war es auch eine Mischung aus beidem. Er überlegte, ob es nicht ein Fehler gewesen war, dass sie sich erst für den nächsten Tag verabredet hatten. Im Laufe einer schlaflosen Nacht konnte einem zwar eine ganze Menge einfallen – aber man konnte die Gelegenheit auch nutzen, um sich aus dem Staub zu machen.

Caldas sah sich nach seinem Assistenten um. Im Hintergrund bemerkte er eine kleine Menschenansammlung, aus deren Mitte Rafael Estévez herausragte. In der einen Hand hielt er seine Dienstwaffe, in der anderen einen Schuh. Er brüllte wie von Sinnen. Die Gruppe war zu weit entfernt, die Musik zu laut und das Getümmel zu unübersichtlich. Caldas ging näher heran, um zu verstehen, was sein Assistent von sich gab.

»Wer näher rankommt als zwei Meter, den knalle ich ab!«

Die beiden Polizisten tauchten im Gedränge des nächtlichen Treibens auf der Calle Arenal unter.

»Hattest du nicht gesagt, du hast keine Probleme mit Schwulen?«

»Die können so schwul sein, wie sie wollen«, brummelte Rafael Estévez, während er sich, den Blick starr geradeaus, hinkend vorwärtsschleppte. »Aber haben Sie schon mal erlebt, dass einer kommt und Ihnen den Fuß abschleckt?«

»Hast du gesehen, was du aus seiner Nase gemacht hast, nur weil er dir was Gutes tun wollte?«, sagte Caldas vorwurfsvoll.

»Da kann er sich sein Koks das nächste Mal mit den Ohren reinziehen.«

Estévez ließ nicht das geringste bisschen Reue erkennen.

»Rafa, so geht es nicht weiter. Bist du wirklich nicht imstande, dich besser im Griff zu haben?«

»Wenn ich das nicht könnte, hätte ich dem Kerl zwei Kugeln verpasst.«

»Viel hat jedenfalls nicht gefehlt«, sagte Caldas, das malträtierte Gesicht des Mannes aus dem Idílico noch vor Augen.

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»Reizen Sie mich nicht, Chef, wenn ich den kranken Fuß da nicht hätte …« Estévez blieb mitten auf dem Gehweg stehen. »Können Sie mir verdammt noch mal endlich erklären, was wir in dem Loch zu suchen hatten? Es ging ja wohl nicht darum, dass mir irgendein Schwachkopf die Stelle massiert, wo mich der Scheißfisch gestochen hat.«

»Luis Reigosa war homosexuell«, sagte der Inspektor. »Er ging ab und zu in diese Bar.«

»Da! Hab ichs doch gesagt. Der war nicht bloß auf das Mundstück von seinem Saxofon scharf.«

»Genau. Und jetzt ab ins Bett, den Rest erzähle ich dir morgen.«

Leo Caldas traf gegen Viertel nach zwei zu Hause ein. Er warf sich aufs Bett, sah an die Decke und versuchte vergeblich, das Lämpchen auszuschalten, das seit dem Vortag im Inneren seines Kopfes blinkte, um ihn daran zu erinnern, dass er bei der Durchsuchung von Reigosas Wohnung etwas übersehen hatte.

Endlich ging das Licht von selbst aus, er war eingeschlafen. Er träumte von bleichen Händen und Klaviertasten.

Legende

»Möchten Sie eine Liste von allen, die Zugang zum Formaldehyd haben?«, fragte Ana Solla, die Leiterin der Abteilung für pathologische Anatomie des Hospital General.

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»Wenn das möglich wäre …«

»Hier geht es nicht um ein Betäubungsmittel, Inspektor. Der Gebrauch von Formaldehyd wird normalerweise nicht extra kontrolliert, besondere Sicherheitsvorschriften gibt es dafür nicht. Formaldehyd wird nicht einmal verschlossen aufbewahrt.«

»Ist es nicht hochgiftig?«, fragte Leo.

»Bewahren Sie Ihre Putzmittel zu Hause in einem verschlossenen Schrank auf, Inspektor? Das hier ist ein Krankenhaus, wir gehen davon aus, dass alle, die bei uns irgendwelche Substanzen anwenden, auch etwas von der Sache verstehen. Wenn man zuerst ein Formular ausfüllen müsste, nur um an so etwas wie Formol zu gelangen, würden wir den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, statt uns um die Patienten zu kümmern.«

»Das heißt, alle haben hier freien Zugriff auf das Formaldehyd, keiner braucht irgendwelche Angaben zu machen, wenn er sich davon nimmt.«

»Ja, wir fragen nicht danach.«

»Da dürften Sie die Einzigen sein, die das so halten«, brummte Rafael Estévez, der hinter dem Inspektor stand.

»Könnten Sie mir etwas über die Ärzte erzählen, die hier arbeiten?«, bat Leo Caldas, bemüht, eine Schwachstelle in der Verteidigung der Ärztin aufzuspüren.

»Erzählen?«

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Caldas wusste, dass es verboten ist, in einem Krankenhaus zu rauchen, trotzdem griff er instinktiv nach den Zigaretten in seiner Jackentasche. Alba hatte ihm schon oft Vorwürfe gemacht, wenn er sich eine Zigarette ansteckte, sobald er eine Unterhaltung begann – er wolle bloß seine Schüchternheit kaschieren, indem er sich hinter einem Rauchvorhang verschanze.

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»Ja, mich interessieren vor allem die Ärzte, aber auch die Pfleger … eigentlich alle, die sich mit Formaldehyd auskennen und Zugang dazu haben.«

»Was heißt, ›mit Formaldehyd auskennen‹?« Die Ärztin sah ihn missbilligend an. »Wissen Sie, was Formaldehyd ist?«

»So ungefähr«, sagte Caldas verlegen, ohne das Päckchen Zigaretten in der Tasche loszulassen.

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»Wenn Sie es wissen wollen: ein Konservierungsmittel, für dessen Anwendung keine besonderen medizinischen Kenntnisse erforderlich sind.« Zur Verdeutlichung ihrer Worte griff die Ärztin nach einem Glas, das neben ihr auf einem Tisch stand. »Man gießt es in ein Gefäß wie dieses hier – vorher verdünnen oder dergleichen braucht man es nicht, wir bekommen es fix und fertig aus dem Labor geliefert –, dann legt man die Gewebeprobe, die man konservieren möchte, hinein, und das wars. Die Probe bleibt so für alle Zeit unverändert erhalten. Was müssen Sie noch darüber wissen, um diesen Vorgang durchzuführen?«

Caldas sagte nichts. Die Art, wie die Ärztin mit ihm redete, war schwer zu ertragen. Als Kind hatte er unter einem Lehrer leiden müssen, der sich vor der Klasse über die Ahnungslosigkeit seiner Schüler lustig machte, statt ihnen zu erklären, was sie nicht wussten. Er zwang die Schüler, ihre falschen Antworten laut zu wiederholen, und lachte dazu mit seinen gelb­bleckenden Zähnen. Genau so kam ihm die Ärztin vor.

»Wissen Sie wirklich, wonach Sie suchen, Inspektor?«, fragte die Ärztin hartnäckig. »Ich habe nicht unbedingt den Eindruck.«

»Nein, ich weiß überhaupt nichts, ich habe bloß ein Verbrechen, bei dem Formol in siebenunddreißigprozentiger Verdünnung benutzt worden ist, genau in der Verdünnung, die Sie hier auch verwenden. Damit ist das Opfer vergiftet worden

»Eine Formaldehydvergiftung?«

»So ungefähr«, antwortete Caldas und hatte das Gefühl, die Ärztin werde ihn gleich mit lauter Stimme wiederholen lassen, was er gesagt hatte, genau wie sein Lehrer damals.

»Und was hat das mit mir zu tun?«

»Wir sind sicher, dass der Täter über gewisse Kenntnisse über die Wirkung von Formaldehyd verfügt, andernfalls hätte er den Mord wohl kaum ausgerechnet damit begangen.«

»Soll das heißen, ich stehe unter Verdacht, Inspektor Caldas?«

Leo schüttelte den Kopf. »Wir glauben, es handelt sich um einen Mann. Wir suchen Personen, die seinem Profil ent­sprechen.«

»Und deshalb soll ich Ihnen haarklein meine Mitarbeiter beschreiben, es könnte ja sein, dass einer von ihnen dem Profil Ihres Mörders entspricht.«

Caldas hätte am liebsten laut losgeschrien bei dieser besserwisserischen Häme, aber er riss sich zusammen. »Ganz genau, Doctora«, sagte er, bemüht, sich seinen Ärger nicht anmerken zu lassen. »Genau das hätten wir gerne.«

Die Ärztin dachte einen Augenblick lang nach. »Es geht Ihnen nur um die männlichen Mitarbeiter, richtig?«

»Für den Moment, ja«, bestätigte Caldas.

»In dieser Abteilung arbeitet bloß ein Arzt: Doktor Alonso.«

»Und die medizinischen Hilfskräfte?«

»Kein einziger davon ist ein Mann!« Die Ärztin lachte verächtlich. »Und Pfleger gibt es hier auch nicht, bloß Krankenschwestern, schließlich brauchen wir keine Patienten in der Gegend herumzufahren. Bei uns kommt es mehr auf Köpfchen an als auf Muskelkraft.«

Leo war nicht hergekommen, um sich billige Witzchen anzuhören, dafür hatte er die Kollegen beim Radio.

»Ist Doktor Alonso verheiratet?«

»Ich glaube, ja.«

»Hat er Kinder?«

»Das sind jetzt aber persönliche Dinge, die einzig und allein Doktor Alonso etwas angehen, Herr Inspektor.«

Caldas konnte sich nur mühsam die Antwort verkneifen, dass er in Wahrheit etwas noch viel Persönlicheres erfahren wolle, nämlich ob sie über die sexuellen Vorlieben ihres Kollegen Bescheid wusste.

»Ich würde gerne darauf verzichten, ihn persönlich zu vernehmen«, sagte er stattdessen. »Sie können sich bestimmt vor­stellen, dass es weder für Doktor Alonso noch für diese Abteilung, und genauso wenig für die Klinik, besonders angenehm wäre, mit einem Mordfall in Zusammenhang gebracht zu werden. Sie wissen gar nicht, wie aufdringlich die Presse in manchen Fällen sein kann.«

»Doktor Alonso hat drei oder vier Kinder«, erwiderte die Ärztin knapp. »Ganz genau weiß ich es nicht. Wenn Sie möchten, können wir seine Sekretärin fragen«, sagte sie und deutete auf das Telefon.

»Ich würde doch lieber persönlich mit ihm sprechen«, antwortete Caldas hierauf.

»Ich fürchte, das wird nicht möglich sein. Mein Kollege ist bei einem Kongress auf den Kanarischen Inseln.«

»Seit wann ist er verreist?«

»Spielt das eine Rolle?« Widerwillig durchsuchte die Ärztin mehrere Schubladen ihres Schreibtisches, bis sie das Programm gefunden hatte. »Der Kongress hat am 7. begonnen«, las sie vor und legte das Programm auf den Tisch. »Soweit ich mich erinnere, ist mein Kollege am Abend davor abgereist.«

Damit konnte Caldas Doktor Alonso von der Liste streichen. Zur Tatzeit hatte dieser sich mehrere Flugstunden entfernt befunden.

»Kommen Sie doch irgendwann nach dem nächsten Mittwoch oder Donnerstag wieder, Inspektor. Alonso ist dann bestimmt zurück.«

»Das wird nicht nötig sein.«

Leo Caldas und Rafael Estévez standen auf, um sich zu verabschieden.

»Nur eins noch«, sagte Caldas. »Arbeitet man auch in anderen Abteilungen mit Formaldehyd?«

Die Ärztin sah ihn wieder genau so an wie einst der Lehrer mit den gelben Zähnen. »Selbstverständlich, Inspektor. In der Chirurgie wird Formaldehyd benutzt. Bei vielen Eingriffen muss man Gewebeteile konservieren, zum Beispiel bei einer Biopsie, um Ihnen einen Fall zu nennen, den Sie verstehen. Aber ich habe Ihnen ja schon gesagt, es geht hier nicht um Zyankali. Jeder, der Formaldehyd benötigt, ob Arzt, Krankenschwester oder sonstiges Hilfspersonal, kann sich davon nehmen, so viel er braucht, er muss niemandem Rechenschaft ablegen.«

Am Morgen des 14. Mai war Herbstanfang. Eine trübe Nebelbank hatte sich während der Nacht über der Mündung der Ria breitgemacht und schien fest entschlossen, den ganzen Vormittag dort liegen zu bleiben wie eine überdimensionale Baskenmütze.

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Nach dem Besuch im Hospital General hatten die beiden Polizisten in der Poliklinik ihr Glück versucht – mit ähnlichem Erfolg. Auch dort hatte die diensthabende Ärztin ihnen keinen Namen von jemandem nennen können, der mit Formaldehyd zu tun hatte und gleichzeitig auf das Profil des Mörders von Luis Reigosa passte, das Caldas sich zurechtgelegt hatte. Und die Liste der männlichen Beschäftigten in den Operationssälen allein dieser beiden Krankenhäuser umfasste mehr als zweihundertfünfzig Personen.

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Um nicht unnötig Kräfte zu vergeuden, war Leo dafür, die Ermittlungen zunächst auf die Abteilungen für pathologische Anatomie zu konzentrieren, wo die wahren Spezialisten tätig waren – Guzmán Barrio hatte bei der Autopsie ja angedeutet, dass jemand ziemlich genau Bescheid wissen musste, um einem anderen Formaldehyd in die Geschlechtsteile zu in­ji­zieren.

Auf der Liste, die Isidro Freire ihnen bei Riofarma übergeben hatte, war jetzt nur noch die Fundación Zuriaga übrig, Leo Caldas erhoffte sich allerdings nicht allzu viel von einem Besuch dort. Wie er feststellen musste, herrschte, im Unterschied zu anderen Berufsgruppen, wo es gang und gäbe war, rufschädigende Gerüchte über die Konkurrenz zu verbreiten, im Gesundheitsbereich ein ausgeprägter Korpsgeist. Das lag sicherlich an der Flut von Verfahren wegen mangelnder ärztlicher Sorgfalt, die in der letzten Zeit eingeleitet worden waren; alle, die in medizinischen Berufen arbeiteten, sahen sich offenbar gezwungen, sich gegenseitig zu schützen. Caldas wunderte sich nicht darüber, bei der Polizei war es nicht viel anders.

Die Fundación Zuriaga lag auf der Anhöhe des Monte del Castro.

»Das ist der Berg da drüben, oder?«, fragte Estévez, der am Steuer saß.

Caldas nickte.

Monte del Castro heißt der Berg, von dessen Höhe Vigo bis ans Meer hinabsteigt. Auf der Spitze befinden sich eine Burg und ein Park mit Aussichtspunkt. Der Blick von dort über die Stadt und die Ria gehört zum Pflichtprogramm für alle Besucher. Die Touristenführer nutzen diese Gelegenheit und tischen ihren Zuhörern allerlei Legenden von Seeschlachten und versunkenen Schätzen auf. Den Namen hat der Berg von einer keltischen Festung, deren Überreste vor einigen Jahren von Archäologen freigelegt wurden. Die Gründer hatten sich einst die Tatsache zunutze gemacht, dass durch die Ansiedlung auf dieser von schroffen Felsklippen gesäumten Anhöhe keine zusätzlichen Schutzmauern errichtet werden mussten.

Was die Kelten nicht verstanden hätten, war, dass sich über die steilen Abhänge dieses Berges später eine ganze Stadt ausbreiten konnte. Zweitausend Jahre danach verstehen es deren Bewohner immer noch nicht.

Caldas ging durch die geräumige Eingangshalle aus Glas und poliertem Granit zur Empfangstheke. Die vor siebzig Jahren als kleine Entbindungsanstalt begründete Fundación Zuriaga hatte sich mit der Zeit zur wichtigsten Privatklinik der Stadt entwickelt. Immer noch erblickten dort die Kinder der besser gestellten Familien Vigos das Licht der Welt, doch seit der Umwandlung in eine Stiftung vor einigen Jahren war das Angebot erweitert worden. Caldas zählte nicht weniger als sechzehn medizinische Spezialabteilungen an der Informations­tafel am Eingang.

Die in alphabetischer Reihenfolge zweite dieser Abteilungen war die für pathologische Anatomie. Der Inspektor erkundigte sich nach dem Leiter.

»Die Leiterin, meinen Sie wohl«, verbesserte ihn die Frau am Empfang, nannte ihm den Namen und deutete zum Lift: »Dritter Stock.«

»Dritter Stock, dritte Frau«, dachte Caldas in der Hoffnung, diese werde ihn freundlicher empfangen als die Ärztin im Hospital General.

Die Frau hörte Caldas aufmerksam zu, bis er ausgeredet hatte. »In der Tat, wir arbeiten mit Formaldehyd. Das Depot ist gleich hier nebenan. Kommen Sie bitte mit.« Sie führte sie zu mehreren übereinandergestapelten Kisten im Nebenzimmer. Caldas konnte sich selbst davon überzeugen, dass auch hier keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden.

»Den Großteil hiervon verbrauchen wir in unserer Abteilung. Der Rest geht an die Chirurgie.«

»Verstehe, für Biopsien.« Caldas wollte sich weitere Unterweisungen ersparen. »Arbeiten in Ihrer Abteilung auch Männer? Ärzte oder Krankenpfleger?«

»Nein, bei uns in der pathologischen Anatomie sind wir drei Ärztinnen und drei Krankenschwestern.«

»Dachte ich mir«, sagte Caldas lakonisch und sah ein, dass er sich auch diesesmal mit einer Liste derjenigen, die Zugang zum Operationsaal hatten, würde begnügen müssen. Er hatte gehofft, einen Facharzt männlichen Geschlechts, wenn möglich homosexuell, zu finden. Stattdessen musste er nun mit einem ganzen Katalog von mehreren Hundert Personen operieren.

»Könnten Sie mir noch sagen, wo sich die Geschäftsleitung der Stiftung befindet?«, fragte er.

Inspektor Caldas und sein Assistent Estévez betraten die Büroräume im obersten Stockwerk. Durch das Fenster sah man nach Westen weit in die Ria, die immer noch von Nebel bedeckt war. Wäre der Nebel nicht gewesen, hätte man von hier aus die zwanzig Stockwerke der Torre Toralla sehen können, da war sich der Inspektor fast sicher.

Den Aufzügen gegenüber hing an der Wand aus poliertem Granit das riesige Porträt eines weißhaarigen alten Mannes mit großer Nase. Darunter eine Inschrift, ein Name und ein Datum: »Nur wer gesund ist, kann wirklich glücklich sein. Gonzalo Zuriaga, 1976.«

Sie fragten nach der Liste aller in der Chirurgie Beschäftigten, deren persönliche Daten eingeschlossen. Die junge Frau hinter der Bürotheke, an die sie sich gewandt hatten, überlegte. »Einen Moment, bitte«, sagte sie. »Da muss ich nach­fragen.«

Um ohne Zuhörer telefonieren zu können, begab sie sich in einen hinter ihr gelegenen Arbeitsraum. In den übrigen Büros arbeiteten etwa ein Dutzend Personen, aber hier, im Bereich der Geschäftsleitung, war sonst niemand zu sehen.

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Estévez fragte seinen Chef, wie sie mit den Listen weiter verfahren sollten. »Wie machen wirs, Inspektor, lassen wir all die Quacksalber einen nach dem anderen zu uns kommen, um uns ihr Untergestell anzugucken – vielleicht verliert der eine oder der andere ja Öl …?«

»Ich hatte eigentlich gedacht, ich sperre sie für ein paar Stun­den zusammen mit dir ein, und wer schließlich anfängt, dir die Füße zu massieren, den verhaften wir.«

»Im Ernst jetzt, Inspektor.«

»Hast du eine bessere Idee?«

Die junge Frau kam zurück. »Könnten Sie mir freundlicher­weise Ihren Dienstausweis zeigen?«, bat sie.

»Aber selbstverständlich, ich bin Inspektor Caldas.« Er hielt ihr seine Kennmarke entgegen.

»Inspektor Leo Caldas? Sind Sie Inspektor Leo Caldas, der vom Radio?«

»Ja, der vom Radio.« Es klang so, als täte es Caldas aufrichtig leid. »Und das ist mein Kollege Rafael Estévez.«

»Sie werden schon sehen, auf einmal geht alles wie von selbst«, flüsterte Estévez, während die Frau zum Telefon zurückkehrte, dessen Hörer sie auf dem Tisch abgelegt hatte, und ihrem Gesprächspartner am anderen Ende die In­forma­tionen weitergab.

»Na klar«, antwortete Caldas rasch.

Als die junge Frau wieder vor ihnen stand, wirkten ihre Gesichtszüge wesentlich entspannter. »Doktor Zuriaga hat mich gebeten, Ihnen alles zur Verfügung zu stellen, was Sie benötigen. Er sagt, er bedauert sehr, Sie nicht persönlich empfangen zu können, Inspektor Caldas, aber seit ein paar Tagen fühlt er sich nicht wohl, und deshalb ruht er sich zu Hause aus. Soweit ich verstanden habe, wollten Sie eine Liste der Personen, die in der chirurgischen Abteilung tätig sind, ist das richtig?«

Estévez lächelte, weil die junge Frau wie ausgewechselt schien, kaum dass sie erfahren hatte, um wen es sich bei seinem Chef handelte.

»Soll ich Ihnen die komplette Ärzteliste ausdrucken und die Chirurgen ankreuzen?«

»Das wäre ideal«, antwortete der Inspektor. »Wir benötigen aber auch die Daten der Pfleger und des übrigen Hilfspersonals, das Zugang zum Operationssaal hat.«

»Nur die Männer«, ergänzte Estévez.

Die Frau setzte sich an einen in der Nähe stehenden Computer. »Unsere Software unterscheidet nicht nach Geschlecht«, sagte sie zur Erklärung. »Am besten, wir drucken eine Liste mit allen in Frage kommenden Personen aus und markieren dann die Männer.«

Sie drückte auf eine Taste, und am anderen Ende des Raums setzte sich ein Nadeldrucker in Gang und zog geräuschvoll das erste Blatt ein.

»Einfach schön, so freundlich behandelt zu werden«, sagte Rafael Estévez und zwinkerte der jungen Frau zu. Als sie aufstand, um die Blätter aus dem Drucker zu holen, lächelte sie zurück.

Leo Caldas glaubte, seinen Assistenten nicht wieder­zu­er­kennen, so holdselig lächelnd und schmeichlerisch wie der sich auf einmal gab. Er hatte angenommen, ein natürlicher Hang zu rohem, unzivilisiertem Verhalten mache es die­sem unmöglich, den Pfad sanfter Liebesbekundungen ein­zu­schlagen.

»Rafa, hast du was mit der Kleinen vor?«, sagte er leise zu ihm.

Estévez näherte sich mit dem Mund dem Ohr seines Vorgesetzten. »Jetzt ist mir klar, wieso Sie so schnell Inspektor geworden sind«, flüsterte er. »Sie sind einfach superschlau.«

Caldas sagte nichts. Seine idiotische Frage hatte genau diese spöttische Antwort von Estévez verdient.

Die junge Frau nahm einen Leuchtstift von einem Tisch und kehrte mit der ausgedruckten Liste zur Theke zurück. »So, hier stehen sie alle drauf, vom Ersten bis zum Letzten, in alphabetischer Reihenfolge. Die da bin ich, sehen Sie?«, verkündete sie fröhlich und setzte den Stift an eine Stelle der Liste. »Aber ich fürchte, ich bin kein Mann.«

Neben einem kleinen, gelb leuchtenden Punkt lasen die beiden Polizisten den Namen der jungen Frau: Diana Alonso Zuriaga.

Der Nachname konnte kein Zufall sein.

»Sind Sie mit ihm verwandt?«, fragte der Inspektor und deutete auf das riesige Porträt an der Wand.

»Das war mein Großvater mütterlicherseits«, antwortete die Frau.

»Zum Glück hast du nicht seine Nase geerbt«, sagte Rafael Estévez witzelnd mit einem Seitenblick auf das Bild von Don Gonzalo Zuriaga.

»Viel hat nicht gefehlt«, gab Diana munter zurück. »Die Nase hat mein Onkel Dimas abbekommen.«

»Dimas Zuriaga?«, fragte Caldas, der den Namen schon oft gehört hatte.

»Ja«, sagte sie, »Doktor Zuriaga ist mein Onkel. Er hat die Nase und die Haare von meinem Großvater geerbt.«

Und die Klinik, dachte Caldas, der immer noch das Bild ansah. Die Haare des alten Gonzalo Zuriaga waren so weiß wie der Kittel, in dem er sich hatte porträtieren lassen. Zum ersten Mal während der letzten zwei Tage hatte der Inspektor das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

Estévez machte einen Scherz, den die junge Diana Zuriaga mit begeistertem Lachen kommentierte. Leo Caldas überlegte, wie lange es wohl her war, seit er zum letzten Mal eine Frau mit einer Äußerung spontan zum Lachen gebracht hatte.

»Wenn Sie möchten, unterstreiche ich die Namen von denen, die regelmäßig im Operationssaal zu tun haben«, bot Diana an und winkte mit dem Leuchtstift.

»Sehr gut«, sagte Caldas, der das letzte Blatt der Liste ergriffen hatte. »Lassen Sie mich bloß eine Sache nachsehen.«

Als er den Namen, den er suchte, entdeckt hatte, gab er der jungen Frau das Blatt zurück.

Sinn

Die Mittagssonne löste den Herbstnebel rasch auf; dafür drohte nun erneut ein heißer Sommertag. Die in einer langen Reihe über die noch dunstverhangene Ria ziehenden Lastkähne sahen aus wie eine Flotte von Geisterschiffen.

Inspektor Caldas saß tief versunken im Beifahrersitz und hielt die Augen geschlossen. Der durchdringende Ton seines Handy rief ihn in die Wirklichkeit zurück.

»Zwei Dinge: Sitzt dieses Monster von Assistent neben dir?« Kommissar Soto am anderen Ende der Leitung schien nicht besonders gut gelaunt.

»Ja«, antwortete Leo trocken.

»Weißt du, was er letzte Nacht gemacht hat?«

Caldas ließ es sich lieber vom Kommissar erzählen. »Gestern Nacht?«

»Leo, stell dich nicht dumm, du weißt, wovon ich rede«, herrschte der andere ihn an. »Ich habe keine Lust auf lange Vorträge.«

»Keine Ahnung, Kommissar.«

»Er war auf der Jagd.«

»Bitte?«, fragte Caldas, als hätte er nicht verstanden.

»Auf der Jagd«, sagte Soto noch einmal. »Dein Assistent war in einer Schwulenbar in der Calle Arenal, hat sich dort hingesetzt und alle möglichen verführerischen Posen eingenommen und dann dem Ersten, der ihm zu nahe kam, einen Fußtritt versetzt. Offenbar hat er so lange um sich getreten, bis er sich an einem Fuß verletzt hat, denn anschließend hat er den Schuh ausgezogen und mit dem Absatz auf die Nase des anderen eingedroschen. Die übrigen Gäste hat dieser durchgeknallte Spinner angeblich mit seiner Pistole bedroht, damit sie ihm nicht zu nahe kamen und er ungestört seine Arbeit beenden konnte.«

Wie immer, wenn es um Estévez ging, war ein Teil der Geschichte wahr und der andere erfunden, dachte Caldas.

»Zwei Anwälte von einer dieser Soligruppen sind gerade erst vor einer halben Stunde wieder abgezogen«, setzte Kommissar Soto seinen verärgerten Bericht fort. »Noch heute wollen sie uns wegen Körperverletzung im Amt anzeigen.«

»Ich verstehe kein Wort, Kommissar«, log Caldas. »Könnte es sich da nicht um eine Verwechslung handeln? Vielleicht war es ja jemand anders.«

»Wer auch immer«, kam es brüllend aus dem Hörer. »Estévez sprengt jeden Rahmen. Vierzehn Anzeigen in ein paar Monaten, findest du das normal?«

Caldas hielt es für klüger, zu schweigen und den Kommissar weiterschreien zu lassen.

»Ich jedenfalls nicht, Leo. Wir sind die Polizei. Wir müssen für Ordnung sorgen. Hast du schon mal gelesen, was auf deiner Kennmarke steht? Die Po-li-zei, die Guten, die, die die Verbrecher jagen. Dafür werden wir bezahlt, nicht, um über zwei Meter große aggressive Psychopathen in Uniform mit Handschellen und Dienstwaffe frei auf der Straße herumlaufen zu lassen. Hast du ihn nicht im Griff? Was ist da los, verdammt noch mal?«

Caldas ahnte, dass dies nicht der Moment war, um zuzugeben, dass er seinen Assistenten tatsächlich nicht unter Kontrolle hatte.

»Sind Sie wirklich sicher, Kommissar? Ich war gestern die ganze Nacht mit Rafael unterwegs und habe nichts davon mitbekommen, dass er irgendwen getreten hat. Moment, bitte, er sitzt gerade neben mir, mal sehen, was er selbst dazu zu sagen hat.« Er nahm das Handy vom Mund und wandte sich an seinen Assistenten. »Rafa, warst du gestern in einer Schwulenbar und hast jemanden verprügelt?«

Estévez sah ihn mit offenem Mund an, und Caldas musste auf die Fahrbahn zeigen, damit ihr Ausflug nicht im Straßengraben endete.

»Er sagt Nein, Kommissar. Ich glaube, diesmal liegt wirklich eine Verwechslung vor.«

»Ich hoffe für uns alle, dass du nichts mit der Sache zu tun hast, Leo.« Der Kommissar machte eine Pause, um sich zu beruhigen. »Weswegen ich außerdem noch anrufe: Reigosas Auto ist aufgetaucht.«

»Wo?«, fragte Caldas, der die Angewohnheit seines Vorgesetzten hasste, sich die guten Nachrichten bis zum Schluss aufzuheben.

»In einem Waldstück, auf der anderen Seite der Ria.«

»Haben Sie schon die Spurensicherung hingeschickt?«

»Ja, Ferro, obwohl sich die Mühe vielleicht gar nicht lohnt. Sie haben das Auto angezündet, es ist vollkommen ausgebrannt. Wenn ich mich nicht sehr täusche, kannst du diese Spur vergessen.«

»Noch eine weniger«, murmelte der Inspektor.

Das Gebäude war von einer hohen Steinmauer umgeben. Die dicht belaubten Äste einer hundertjährigen Eibe ragten dar­über hinweg. Estévez hielt vor dem Eingang. Caldas klingelte und stellte sich der Hausangestellten vor, die sich über die Sprechanlage meldete. Er musste mehrfach versichern, dass sie den Hausherrn nur wenige Minuten stören würden.

Ein elektronischer Mechanismus ließ das riesige Holztor zur Seite gleiten, und vor ihnen tat sich ein asphaltierter Fahrweg auf. Der Wagen fuhr zwischen Bäumen dahin, wie sie früher, bevor sich überall die Eukalyptusbäume breitmachten, an den felsigen Abhängen des Küstengebiets zu sehen gewesen waren: Eiben und Kiefern, dicke Steineichen, anmutige Birken, zwei gewaltige Kastanien mit krumm verwachsenen Stämmen, hier und da eine Trauerweide.

Der Weg beschrieb zuletzt die Form eines Schlüssels: Er führte in einem Halbkreis bis vor den Haupteingang des Gebäudes, ankommende Fahrzeuge gelangten so entgegen dem Uhrzeigersinn bis an den Fuß der herrschaftlichen Treppe, und bei der Abfahrt setzten sie den Weg in der gleichen Richtung fort und kehrten schließlich zum Ausgang des Grundstücks zurück. Kamelien- und Rhododendronsträucher sorgten dafür, dass die von dem Fahrweg umschlossene kreisförmige Fläche zu jeder Jahreszeit in üppiger Blütenpracht prangte. Caldas hatte schon einmal eine solche, allerdings größere Anlage gesehen, auf einer Reise zu den Loireschlössern zusammen mit Alba.

Am Eingang erwartete sie ein Hausmädchen mit Haube und Kittelschürze und bat sie, ihr um das Haus herum zu folgen. Sie gingen an offen stehenden Fenstern vorbei, die den Blick auf ein geräumiges Speisezimmer und eine holzgetäfelte Bibliothek freigaben, wo sich bis zur Decke die Bücher aneinanderdrängten. Zu sehen war auch eine imposante Steintreppe, die ins obere Stockwerk hinaufführte.

Das Hausmädchen geleitete sie zu einem Säulenvorbau an der Rückseite des Hauses. »Sie können hier warten«, sagte sie kurz angebunden und wies auf einige Korbstühle, die um einen rustikalen Tisch standen. Über dem mit alten Tonziegeln gedeckten Dach der Vorhalle wucherte eine prachtvoll purpurfarbene Bougainvillea.

Dichter Rasen breitete sich hier aus, eine grüne Halbinsel, die in die Ria vorstieß. Am Ufer überall Felsen, gegen die das Meer anbrandete. An einer steinernen Anlegestelle, die durch eine Aufschüttung geschützt war, lag ein Segelboot vertäut. Ein Weg führte wie eine lange Narbe durch das abschüssige Gelände, vorbei an einem ehemaligen Teich, den man in ein Schwimmbecken verwandelt hatte, und zwischen Azaleensträuchern hindurch bis ans Wasser. Nach Caldas’ Schätzung erstreckte das Grundstück sich über fast einen Kilometer entlang der Küste.

Ein alter Spruch aus Galicien besagte: »Kapelle, Zypresse und Taubenhaus machen den wahren Stammsitz aus.« Caldas wusste nicht, ob hier ein Taubenhaus und ein Gebäude für Einkehr und Gebet zu finden sein würden, doch auch so strahlte der Wohnsitz der Familie Zuriaga unübersehbar vornehmen Adel aus.

»Hübsches Häuschen, Chef!«, rief Estévez, als das Hausmädchen sie allein ließ. »Was ist denn das für ein Typ? Ein Maharadscha?«

»In gewisser Weise, ja«, murmelte der Inspektor.

Auch wenn er natürlich kein echter Maharadscha war, gehörte Doktor Zuriaga zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Stadt, und auch die Bedeutung der Stiftung, deren Vorsitz er innehatte, ging weit über die einer bloßen medizinischen Einrichtung hinaus.

In Fortführung einer Tradition, die der Vater, Don Gonzalo Zuriaga, begründet hatte, indem er einen Raum im Erdgeschoss der Entbindungsanstalt zur Präsentation seiner Sammlung galicischer Malerei bestimmte, hatte sich die Stiftung unter Dimas Zuriagas Federführung zunehmend der Kunstförderung verschrieben und war schließlich zum wichtigsten Akteur im kulturellen Leben der Stadt geworden. Die hochmoderne Kunsthalle, die im Stadtzentrum eröffnet worden war und die ständige Sammlung beherbergen sollte, brillierte mit den avanciertesten Vertretern der europäischen Gegenwartskunst. Die angesehensten Zeitungen berichteten über die dort präsentierten Ausstellungen, was zum guten Ruf der Stadt, der Fundación Zuriaga, aber auch der Klinik beitrug, deren explodierende Einkünfte wiederum die der Stiftung zur Verfügung stehenden Mittel um ein Vielfaches hatten anwachsen lassen.

Hoch über all diesen Aktivitäten thronte Doktor Dimas Zuriaga. Schon vor einiger Zeit hatte er seine Arbeit als Chi­rurg aufgegeben, um sich ganz der von ihm geleiteten Institution zu widmen.

Der Mann, der eine kleine Entbindungsanstalt in einen Motor der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Galiciens verwandelt hatte, gab niemals Interviews und zeigte sich auch sonst nur ungern in der Öffentlichkeit. Die Erfolge der Fundación Zuriaga seien der verantwortungsvollen Arbeit des gesamten Teams zu verdanken, sagte er, um seine Zurückgezogenheit zu rechtfertigen.

Der unverhältnismäßige Drang des Doktor Zuriaga, sich unsichtbar zu machen, hatte zunächst genau das Gegenteil bewirkt und Anlass zu vielfältigen Mutmaßungen und Spekulationen über seine Person gegeben. Im Lauf der Jahre hatten die Medien sich jedoch mit seiner unauffälligen Lebensführung abgefunden, und es kam nur noch gelegentlich zu Anspielungen auf sein diskretes Wesen.

»Chef, Sie haben mir noch nicht verraten, weswegen wir eigentlich hier sind«, sagte Rafael Estévez und sah seinen Vorgesetzten an.

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Schweigend verharrte Leo Caldas in seinem Stuhl unter dem Dach der Vorhalle. Er wusste nicht, was er seinem Assistenten sagen sollte, er war sich der Antwort selbst nicht ausreichend sicher. Er hätte anführen können, dass er beschlossen habe, Doktor Zuriaga seiner weißen Haare wegen aufzusuchen, oder aus dem seltsamen Gefühl heraus, das er vor dem Porträt des alten Gonzalo Zuriaga verspürt hatte. Und er hätte sagen können, dass der Doktor seit zwei Tagen nicht mehr in der Stiftung gewesen war – genau so viel Zeit war seit der Ermordung Luis Reigosas verstrichen. Und er hätte hinzufügen können, dass er seit Langem nicht mehr an Zufälle glaubte. Aber der Inspektor sagte nichts.

Er war sich der unsicheren Grundlage all dieser Argumente bewusst und hatte wenig Lust, sich das von Estévez in dessen gewohnter Offenheit bestätigen zu lassen. Genau besehen gab es keinerlei Grund dafür, einem weißhaarigen Mann nachzugehen. Aber ihm war auf dem Friedhof der Glanz der Sonne auf dessen Kopf auffällig erschienen, und die Musiker hatten anschließend auch nicht sagen können, zu wem dieser Kopf gehörte. Das war alles. Kein besonders gut begründetes Motiv.

Dabei hatte er das Gesicht des Mannes auf dem Friedhof gar nicht zu sehen bekommen, weswegen es höchst unwahrscheinlich, um nicht zu sagen ausgeschlossen war, dass er ihn wiedererkannt hätte, hätte er irgendwann vor ihm gestanden. Das Haar des Mannes vom Friedhof war zwar wirklich ungewöhnlich weiß gewesen, aber weißhaarige Männer gab es in der Stadt zu Hunderten, und auch in den Krankenhäusern, die sie aufgesucht hatten, gab es gewiss viele weiße Haarschöpfe.

Zudem ergab sich, falls er feststellte, dass Dimas Zuriaga tatsächlich der Mann vom Friedhof war, hieraus nicht mehr, als dass der berühmte Arzt den Verstorbenen gekannt hatte. Das traf jedoch auf viele Leute zu und machte ihn noch lange nicht verdächtig.

Der Inspektor war sich bewusst, dass er bei seiner Untersuchung noch ganz am Anfang stand, weswegen dieser Besuch eigentlich zu früh stattfand. Er hatte noch nicht mit der Mutter des Toten gesprochen oder im Konservatorium nachgefragt, wo Reigosa unterrichtet hatte. Der Weißhaarige konnte ein Verwandter sein, ein Bekannter aus Reigosas Kindheit oder ein Studienkollege. Oder sogar der Saxofonlehrer vom Konservatorium, dessen Stelle Reigosa vertretungsweise übernommen hatte.

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Er wusste, dass er von der Unterhaltung mit dem Arzt nicht allzu viel erwarten konnte und dass es nicht wiedergutzumachende Folgen haben konnte, sollte ihm bei der Begegnung mit einer so wichtigen Persönlichkeit ein Fehler unterlaufen. Besonders die sexuellen Implikationen des Falles konnten in den Kreisen des Doktors für einen Skandal sorgen, auf den sich die sensationslüsterne Presse stürzen würde. Trotzdem beschloss er, weiterzumachen und seinem ersten Impuls zu folgen – dabei hatte er sich nur selten getäuscht. Aber er nahm sich vor, mit größter Umsicht vorzugehen.

Noch war er nicht so weit, dass ihm ein Fehler unterlaufen durfte, jetzt noch nicht.

Entschuldigung

Leo Caldas und Rafael Estévez warteten und warteten. Estévez versicherte ächzend, als er an diesem Morgen aus dem Fenster gesehen habe, um zu überlegen, was er anziehen solle, sei alles in grauen Dunst gehüllt gewesen. Jetzt, zur Mittagszeit, brannte ihm die strahlend helle Sonne aufs Cordhemd und brachte seinen massigen Leib zum Schwitzen.

Der Inspektor betrachtete einmal mehr das Foto von Luis Reigosa, als eine elegant gekleidete Frau durch eine Schiebetür zu ihnen hinaustrat. »Guten Tag«, sagte sie zur Begrüßung.

Als wären sie plötzlich wieder Rekruten und müssten vor ihrem Oberst strammstehen, erhoben sich die beiden Polizisten wie ein Mann; das Foto ließ Caldas in seiner Jackentasche verschwinden.

»Guten Tag«, grüßten sie zurück.

»Bitte, bleiben Sie sitzen«, sagte die Frau und machte dazu eine leichte Handbewegung. »Man hat mir gesagt, Sie wollten meinen Mann sprechen. So wie ich ihn kenne, kann es eine Weile dauern, bis er hinunterkommt. Möchten Sie vielleicht so lange etwas trinken?«

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»Also …« Mit flehendem Blick sah Estévez zu seinem Vorgesetzten.

Vergeblich. »Danke, nicht nötig«, brachte Caldas gepresst hervor. Dass Dimas Zuriaga mit dieser Frau verheiratet sein sollte, verwirrte ihn.

»Ich bin Mercedes Zuriaga«, stellte die Frau sich jetzt vor und hielt ihnen die Hand hin.

Leo drückte kurz die langen Finger der Hausherrin. »Inspektor Caldas. Und das hier ist Polizeiwachtmeister Es­tévez.«

Estévez wischte sich verstohlen die schwitzende Hand am Hosenbein ab, bevor er sie der Frau entgegenstreckte.

Mercedes Zuriaga war groß und schlank. Sie trug ein beiges Kleid, das an der Taille von einem Gürtel gehalten wurde. Über dem Ausschnitt zeichneten sich die Knochen ab, die einen ungewöhnlich langen Hals stützten. Das dunkle, straff anliegende Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Der Inspektor schätzte sie auf eher fünfzig als vierzig, sie war jedoch immer noch sehr attraktiv. Womöglich attraktiver als in ihrer Jugend.

»Bitte, setzen Sie sich doch«, sagte sie, und die Polizisten gehorchten, obwohl sie selbst stehen blieb.

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»Sie haben gesagt, Sie sind Inspektor. Sind Sie von der Polizei?« Caldas setzte als Antwort eine unmissverständliche Miene auf. Er wusste, dass ein Hausbesuch der Polizei als ein Unheil verkündendes Zeichen angesehen wurde – ungefähr so, wie wenn sich auf hoher See ein Albatros an Bord eines Schiffes niederlässt.

»Ist etwas passiert?«, fragte Señora Zuriaga ein wenig beunruhigt.

»Keine Sorge«, sagte Caldas beschwichtigend. »Wir wollten Ihrem Mann bloß ein paar Fragen stellen. Da wir ihn in der Stiftung nicht angetroffen haben, haben wir uns erlaubt, hierherzukommen.«

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Die Frau beugte zustimmend den Schwanenhals, und der Inspektor sprach weiter: »Ihre Nichte hat uns bereits darüber informiert, dass Ihr Mann …«

»Meine Nichte?«, fragte Mercedes Zuriaga überrascht.

»Ist die Frau im Sekretariat der Stiftung denn nicht Ihre Nichte?«

»Ach so, Diana, natürlich.«

»Diana, genau«, bestätigte der Inspektor. »Wir waren heute Morgen dort. Sie hat uns mitgeteilt, dass sich Doktor Zuriaga nicht gut fühlt. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes, wir möchten nicht stören.«

»Keine Sorge, Inspektor. Mein Mann sagt schon seit ein paar Tagen, dass er sich krank fühlt, aber ich habe den Eindruck, es ist nicht so schlimm.« Sie lächelte Verständnis heischend. »Oft ist das nur eine Ausrede, um zu Hause bleiben zu können, wo ihn kein Anruf erreicht und keine Besucher stören.«

Caldas nahm die Anspielung sportlich. »Kein Wunder, dass er lieber hierbleibt, in einem so schönen Haus.«

»Ja, das stimmt«, sagte Mercedes Zuriaga und sah über den Garten hinweg zum Meer. »Schön ist es hier.«

Als Doktor Zuriaga endlich erschien, war Caldas ein wenig enttäuscht. Er hatte gehofft, in seinem Inneren werde sich eine Stimme vernehmen lassen, die bestätigte, dass er die Person sei, die ihm bei Reigosas Beerdigung aufgefallen war. Aber nichts dergleichen geschah. Obwohl ihm klar war, dass Doktor Zuriaga deswegen noch lange nicht als Verdächtiger ausschied, bedeutete es für jemanden wie ihn, der sich daran gewöhnt hatte, seinen Regungen zu vertrauen, einen gewissen Rückschritt.

Dimas Zuriaga trug ein weit geschnittenes weißes Hemd, das er nicht in den Bund seiner blauen Hose gesteckt hatte. An einer dunkelbraunen Schnur hing ihm ein schwarzes Brillengestell vor der Brust. Er hatte eine große Nase und weißes Haar. Sehr weiß.

Er betrat die Vorhalle, grüßte höflich und fragte mit tiefer Stimme: »Hat man Ihnen nichts zu trinken gebracht?«

»Ihre Frau hat es uns mehrfach angeboten, aber das ist nicht nötig.« Caldas sah sich nach Mercedes Zuriaga um, doch die war ebenso geräuschlos verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Die drei Männer waren jetzt allein.

»Wir werden Sie nicht lange aufhalten.«

Dimas Zuriaga setzte sich. Die Polizisten, die sich bei seinem Erscheinen erhoben hatten, taten es ihm nach.

»Von der Stiftung hat man mich angerufen und mir gesagt, dass Sie dort gewesen sind. Ich hoffe, man hat Sie gut behandelt«, sagte er, und Caldas nickte. »Ich hätte Sie gern persönlich empfangen, aber ich glaube, Sie wissen bereits, dass es mir in der letzten Zeit gesundheitlich nicht so gut geht. Ich hoffe, Sie werden das entschuldigen.«

»Aber selbstverständlich, Doktor. Man sagte uns, dass Sie schon seit mehreren Tagen das Haus nicht verlassen haben. Geht es Ihnen jetzt besser?«

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»Nun ja … ein wenig.« Da er nicht verstand, weshalb die beiden Polizisten extra zu ihm nach Hause gekommen waren, fragte er: »Soweit ich weiß, hat man Ihnen bei der Stiftung die gewünschten Informationen gegeben. Stimmt das, Inspektor Caldas?«

»In der Tat, Ihre Nichte war sehr zuvorkommend«, sagte der Inspektor knapp.

Dimas Zuriaga verharrte einen Moment in Erwartung weiterer Erklärungen des Polizisten, aber nichts geschah.

»Kann mir jemand sagen, weshalb Sie dann hierhergekommen sind?«, fragte er darauf mit seiner tiefen Stimme.

Estévez, der ebenso begierig war, die Antwort auf diese Frage zu erfahren wie der Hausherr, rutschte auf seinem Korbstuhl herum und entlockte diesem ein unbehagliches Knarzen. Leo Caldas beschloss, es auf direktem Weg zu versuchen, und zog das Foto von Luis Reigosa hervor. Wie ein Croupier, der die Jetons austeilt, schob er das Foto über den Tisch.

»Kennen Sie diesen Mann, Doktor?«

Der Korbstuhl unter Rafael Estévez ächzte erneut, als Dimas Zuriaga das Foto in die Hand nahm.

Der Arzt setzte sich die Brille, die bis dahin vor seiner Brust gehangen hatte, auf die breite Nase, kniff die Augen zusammen und schüttelte kurz darauf den Kopf. »Ich weiß nicht, wer das ist«, sagte er und gab dem Inspektor das Bild zurück.

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»Sind Sie sicher, Doktor? Vielleicht ist er Ihnen bei irgendeiner Veranstaltung der Stiftung über den Weg gelaufen …«, insistierte Caldas.

»Ganz sicher. Ich verkehre nur mit wenigen Leuten, Inspektor Caldas. Da vergesse ich so leicht kein Gesicht.«

Die Stimme, die sich beim Erscheinen Doktor Zuriagas nicht geregt hatte, meldete sich auf einmal in Leos Innerem und flüsterte ihm zu, dass Dimas Zuriaga nicht die Wahrheit sage. Ohne lange zu überlegen, entschloss sich der Inspektor, alles auf eine Karte zu setzen.

»Wie erklären Sie dann, dass wir über einen Zeugen verfügen, der bereit ist, auszusagen, Sie und dieser Mann hätten sich gekannt?«, log er.

»Das weiß ich nicht, sagen Sie es mir«, entgegnete der Arzt mit der heiseren Stimme von jemandem, der es nicht gewohnt ist, dass man ihm widerspricht.

Leo Caldas zögerte einen Moment, aber es gab kein Zurück mehr. Es würde schwierig sein, noch einmal die Gelegenheit zu bekommen, dem angesehenen Kunstförderer von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Wenn er jetzt einen Rückzieher machte, hatte er verloren, endgültig. Er ging zum Angriff über: »Waren Sie gestern nicht bei einer Beerdigung, Doktor Zuriaga?«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich gestern krank war, genau wie vorgestern und heute«, erwiderte der Arzt ungerührt. »Ich habe mich nicht vom Fleck gerührt, war die ganze Zeit zu Hause. Haben Sie verstanden, Inspektor Caldas, oder möchten Sie lieber, dass mein Anwalt es Ihnen noch einmal erklärt?«

Zwischen den hundertjährigen Bäumen strebte das Auto dem Ausgang des Anwesens der Familie Zuriaga entgegen.

»Verdammt noch mal, wie kommen Sie darauf, Doktor Zuriaga mit ins Spiel zu bringen? Hier geht es um einen Mord. Und was soll der Scheiß mit dem Zeugen, können Sie mir das vielleicht erklären? Sie wissen besser als ich, wie viel Macht der Kerl hat. Ein Griff zum Telefon, und wir sind erledigt. Hatten wir außerdem nicht gesagt, unser Mann ist schwul? Zuriaga hat eine wunderhübsche Frau, Inspektor, Sie haben sie selbst gesehen. Glauben Sie etwa, wer so ein Weibchen zu Hause hat, kann homo sein? Keine Ahnung, was Sie sich dabei gedacht haben, Chef, aber jetzt sind wir jedenfalls total im Arsch.«

Der Inspektor sagte kein Wort, er saß tief versunken im Beifahrersitz und hielt die Augen geschlossen. Er war seiner Eingebung gefolgt, hatte hoch gewettet und alles verloren.

Rafael Estévez kurbelte das Fenster hinunter.

»So eine Scheißhitze.«

Abwesenheit

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​Wie durch ein Wunder hatte er sich im letzten Moment an die Verabredung zum Essen erinnert. Er kam zu spät und ging eilig die Calle Arenal hinunter. Er stieß die Glastür auf und trat hastig ein. Sein Blick überflog die Tische. Als er den richtigen entdeckt hatte, ließ er sich daran nieder – gegenüber einem älteren Mann, der ihn lächelnd begrüßte: »Leo!«

»Entschuldige, dass ich zu spät komme, Papa.«

»Dass du zu spät bist, macht nichts«, sagte der Mann und fügte flüsternd hinzu: »Aber dass du ein Lokal ausgesucht hast, in dem es meinen Wein nicht gibt, das verzeihe ich dir nicht.«

»Was soll das heißen? Ich bestelle hier immer deinen Wein.«

»Sie haben ihn aber nicht«, versetzte Leos Vater.

Caldas hatte schon Probleme genug, da brauchte er nicht auch noch Ärger wegen des Weins. »Cristina, kommst du bitte mal?«, rief er.

Die Kellnerin kam an ihren Tisch. »Hallo, Leo, wie gehts?«

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»Geht so. Aber der Chef hier« – Caldas deutete auf seinen Erzeuger – »ist sauer, er behauptet, ihr habt seinen Wein nicht da. Ich habe ihm gesagt, dass ich hier im Puerto immer seinen Wein trinke, aber …«

»Bis vor ein paar Tagen hatten wir auch welchen, aber inzwischen sind die allerletzten Flaschen verkauft. Wir sollen bald neue geliefert bekommen.«

»Na, siehst du?«

Der Vater war trotzdem nicht zufrieden: »Heute gibt es jedenfalls keinen.«

»Ich kann Ihnen einen anderen bringen. So fein wie Ihre Weine sind unsere natürlich nicht, aber so schlecht auch wieder nicht. Möchten Sie eine Flasche oder lieber von unserem offenen Hauswein?«, fragte die Frau, die Leo geschickt aus der schwierigen Lage befreit hatte.

»Welcher ist besser?«, fragte der Vater des Inspektors.

»Der Hauswein ist ganz ohne chemische Zusatzstoffe«, fing Cristina an zu erklären.

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»Pah, was heißt hier ohne chemische Zusatzstoffe«, fiel ihr der Alte ins Wort. »Glaubst du, Wein fermentiert von selbst, einfach so? Überall ist Chemie drin, Mädchen, überall. Das Einzige, was eurem sogenannten Hauswein fehlt, ist eine vernünftige Überwachung der Gärung, ihr verzichtet auf Filter gegen die Bakterien und lasst den Wein nicht lange genug im Fass, dabei ist das alles mindestens so wichtig für einen guten Wein wie die Trauben. Keine Chemie, dass ich nicht lache …«

»Welchen möchten Sie dann?«

»Ach, was solls«, sagte der Vater theatralisch, »bring uns den Hauswein.«

»Und zum Essen?«

»Ich bin bloß für Weinfragen zuständig«, sagte der Vater und hielt abwehrend die ausgebreiteten Handflächen in die Höhe. »Für alles Übrige wenden Sie sich bitte an meinen Sohn.«

Leo Caldas bestellte als ersten Gang ein halbes Kilo Entenmuscheln, als zweiten Gang eine riesige Seezunge, die er an der Speisentheke auswählte. Um sie bei Tisch einfacher aufteilen zu können, bat er darum, sie gleich nach dem Braten zu entgräten.

Im Puerto gab es Tischdecken aus Papier, es war laut, und oft musste man sich den Tisch mit anderen Leuten teilen; aber die unvergleichlich frischen Fische und Meeresfrüchte stammten stets aus den ergiebigen Gewässern der Rias, niemals bekam man wie in anderen Restaurants einen dieser geschmacklosen Zuwanderer vorgesetzt, die in ärmlichen fernen Meeren gefangen und von Lastwagen mit Tiefkühlcontainern herangekarrt werden.

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Im Verlauf der nächsten Viertelstunde wechselten Vater und Sohn kaum mehr als ein paar einsilbige Worte – sie konzentrierten sich darauf, die Entenmuscheln mit bloßen Fingern von der Schale zu befreien und dann rasch zu verspeisen, bevor sie kalt wurden. Caldas senkte jedes Mal die Lider, wenn er sich eine Muschel in den Mund schob, so als könnte der köstliche Meeresgeschmack der schwarzen Krustentiere sich andernfalls durch die Augen wieder davonstehlen.

Als danach die Seezunge vor ihnen auf dem Tisch stand, begann der Vater auf seinem Lieblingsthema herumzureiten, nämlich, wie idiotisch es seiner Meinung nach sei, in der Stadt zu leben, und was für einen Niedergang es darstelle, dass die Leute heute nicht einmal mehr die Zeit fänden, im Schatten eines Baums ein Glas Wein zu trinken. Er fand, sein Sohn mache einen niedergeschlagenen Eindruck, was er der ständigen Hetze, dem allgegenwärtigen Lärm und den Autoabgasen zuschrieb.

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Der Inspektor wollte ihn nicht noch mehr beunruhigen, weshalb er darauf verzichtete, ihm zu sagen, dass, falls nicht noch ein Wunder geschah, es mit seiner grandiosen Polizeikarriere wohl vorbei war. Schweigend ließ er den Vater davon berichten, dass die Regenfälle der letzten Tage genau zur Blütezeit der Weinstöcke stattgefunden hätten – mit fatalen Folgen für die nächste Ernte, die deutlich geringer ausfallen werde als in den Vorjahren, wie er Leo jammernd wissen ließ.

»Da wird sich der liebe Gott etwas einfallen lassen müssen«, sagte er bedeutungsvoll. »Wo es keinen Wein gibt, gibt es auch nichts zu lachen.«

»Gestern war ich übrigens bei Riofarma und habe Ramón Ríos getroffen«, unterbrach ihn Leo, der sich plötzlich an den Besuch bei seinem früheren Klassenkameraden erinnert hatte. »Er hat gefragt, ob er wohl eine Kiste von deinem Wein bekommen könnte, bevor er alle ist. Letztes Jahr hat er das offenbar auch versucht, aber keinen einzigen Tropfen abgekriegt.«

»Hat Moncho etwa beschlossen, endlich einmal etwas für seinen Lebensunterhalt zu tun?«

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»Mehr oder weniger, du kennst ihn ja – bloß nicht hetzen. Was soll ich ihm wegen dem Wein sagen?«

»Sag mir, wohin ich die Kiste schicken soll, ich erledige das, sobald ich wieder zu Hause bin.«

Leo Caldas nickte und griff nach seinem Handy. »Wenn es dir nichts ausmacht, rufe ich ihn gleich an. Dann ist alles erledigt«, sagte Caldas und tippte bereits die Zahlen ein.

»Hallo, Moncho, ich bins, Leo. Störe ich gerade?«

»Keineswegs. Ich bin bloß mitten in der Arbeit«, scherzte Ramón Ríos.

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Der Inspektor war froh, jemanden zu finden, der gute Laune hatte – das Unwetter, das sich um ihn herum zusammengebraut hatte und ihn zu verschlingen drohte, war schlimm genug.

»Ich bin gerade zusammen mit meinem Vater. Er fragt, wohin er die Kiste Wein für dich schicken soll. In die Firma?«

»Um Himmels willen, bloß nicht! Zu mir nach Hause. Hier klauen sie einem noch das Kissen unterm Hintern weg. Und sag ihm, er soll zwei Kisten schicken.«

»Das wars eigentlich schon«, sagte der Inspektor zum Abschied, nachdem er sich auf der Rückseite einer Visitenkarte Ramóns Privatadresse notiert hatte. »Und vielen Dank für deine Unterstützung. Isidro Freire war sehr nett, er hat uns jede Menge Informationen zukommen lassen.«

»Heute Morgen wollte ich ihn fragen, wie ihm die Originalbesetzung der Hörfunkstreife gefallen hat, aber ich konnte ihn nirgends auftreiben. Offenbar ist er heute nicht ins Labor gekommen. Ihr habt ihm hoffentlich keinen Schreck eingejagt«, sagte Ramón vergnügt.

»Kann ich mir nicht vorstellen, Moncho. Vielleicht hat er sich ja an seinem Chef ein Beispiel genommen und ist gerade auf Segeltour mit einer kleinen Seelöwin.«

»Keine Ahnung, wo sich dieser Freire rumtreibt. Was mich betrifft, in zehn Minuten haue ich hier ab, und dann gibt es wieder Sextourismus auf hoher See.«

Leos Vater erinnerte sich gerne an den quirligen Jungen, der seinerzeit ständig mit seinem Sohn unterwegs gewesen war, obwohl sie eigentlich völlig verschiedenen Welten an­gehörten.

»Na, was sagt der alte Spinner?«, fragte er, als Caldas das Handy auf den Tisch legte.

»Lauter Schwachsinn, wie immer«, sagte Leo und gab seinem Vater die Visitenkarte mit Ramóns Adresse auf der Rückseite. »Heute ist zum Beispiel ein Typ, den ich gestern bei ihm in der Firma kennengelernt habe, nicht zur Arbeit erschienen, und jetzt soll ich schuld daran sein.«

»Er hat immer schon gerne Späßchen gemacht«, sagte der Vater lächelnd.

Leo sah auf die Uhr. Es war schon nach vier. »Du fährst heute noch zurück, oder? Nach dem Essen, meine ich.«

»Ja, ich habe heute Vormittag schon alles erledigt, was ich hier zu tun hatte. Ich bin am liebsten immer nur so kurz wie möglich in dieser Stadt, das weißt du ja.«

»Könntest du mich ein Stück oberhalb vom Bahnhof absetzen? Das ist ein kleiner Umweg für dich, aber dafür bleibt uns mehr Zeit, um in Ruhe zu Ende zu essen, und ich brauche nachher nicht mit vollem Magen den Berg hinaufzusteigen.«

»Natürlich«, sagte der Vater. »Ich habe sowieso nichts mehr vor. Wo musst du denn hin?«

»Ich bin um fünf in der Cafeteria vom Hotel México mit jemandem verabredet, hat mit der Arbeit zu tun«, sagte Caldas ausweichend.

Der Vater nickte nachdenklich. »Wohnt eigentlich Alba wieder bei dir?«

»Nein«, antwortete Leo und sah auf die Seezunge. »Alba kommt nicht mehr zurück.«

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Sie fuhren in einem zähen Stau den Calvario hinauf – der Kalvarienberg trug seinen Namen völlig zu Recht. Immer wieder verengte sich die Straße an einer der ewigen Baustellen, die aus dem Stadtbild gar nicht mehr wegzudenken waren. Der Vater des Inspektors sah fassungslos den in der stechenden Nachmittagssonne schwitzenden Fußgängern zu, die bei dem Versuch, vorwärtszukommen, ständig irgendwelchen Hindernissen ausweichen mussten.

»Irgendwann musst du mir mal erklären, was für ein Zaubermittel all die Leute einnehmen, um das Leben hier auszuhalten, Leo.«

Der Inspektor verzichtete darauf, ihn daran zu erinnern, dass er selbst mehrere Jahrzehnte in der Stadt gelebt hatte, über die er sich jetzt so abschätzig äußerte. Er zog es vor, zu schweigen, in der Hoffnung, sein Vater werde weder nach seiner Arbeit fragen noch auf das Thema Alba zurückkommen.

Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihm, dass er zu spät zu der Verabredung mit dem Discjockey aus dem Idílico kommen würde; es war bereits zwei Minuten nach fünf.

Der Vater setzte seine Predigt fort. »Hier bist du ständig von lauter scheußlichen Dingen umgeben, und die Zeit sieht dir dabei zu, wie du vergehst. Hast du darüber schon einmal nachgedacht, Leo? Auf den Gedanken bist du wohl noch nie gekommen, was?«

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»Also so gesehen …«, murmelte Caldas.

»Dann denk mal darüber nach.«

»Hier steige ich aus«, sagte der Inspektor, als sie an einer roten Ampel halten mussten. »Dann brauchst du nicht extra zu wenden und kannst dich schneller aus dem Staub machen.«

»Hier schon?«, fragte der Vater, erstaunt über den plötzlichen Abschied seines Sohns. »Wann besuchst du mich mal, Leo?«

Caldas verabschiedete sich für gewöhnlich mit einer Lüge von seinem Vater, er wusste selbst nicht, warum. Diesmal konnte es jedoch sein, dass stimmte, was er zu ihm sagte.

»Nächste Woche komme ich zu dir.«

»Ehrenwort, Leo?«, sagte der Vater, als spräche er wieder mit einem Kind.

»Ich fürchte, ja«, sagte Leo und öffnete die Tür. »Diesmal werde ich wirklich Zeit haben.«

»Leo!« Der Vater hielt ihn zurück. Als der Inspektor sich umdrehte, sagte sein Vater zu ihm: »Du kennst ja den Spruch, Leo: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.«

Caldas umarmte ihn und stieg aus.

Die Ampel sprang auf Grün, und sofort begannen die Fahrer mehrerer Autos weiter hinten in der Schlange zu hupen.

Leo Caldas sah zu, wie sein Vater zwischen den davonfahrenden Autos verschwand, und fragte sich, ob er nicht vielleicht recht habe.

Atem

Radio Vigo begrüßte seine Hörer mit der Erkennungsmelodie des Sportgesprächs, einer Diskussionssendung, die immer um diese Uhrzeit auf dem Programm stand.

Leo Caldas saß an einem der Fenster mit Blick auf den Bahnhof. Außer dem Kellner war er die einzige Person im Raum. Die Hotelgäste waren unterwegs, um die Stadt zu erkunden, oder hatten sich vor der plötzlichen Hitze auf ihre klimatisierten Zimmer geflüchtet.

Der Inspektor starrte auf die Gleise, die sich zwischen Betonklötzen im Stil eines sozialistischen Realismus dahinschlängelten, mit dem ein wohlmeinender Architekt einst seine Zeitgenossen hatte beglücken wollen. Zum Glück, dachte Caldas, hatte man seinerzeit davon abgesehen, auch noch ein »Kulturhaus« oder dergleichen danebenzustellen.

Immer wieder sah er auf die Uhr. Er brauchte irgendeine Hoffnung, an die er sich klammern konnte. Eine der wenigen Hoffnungen, die ihm geblieben waren, war das Gespräch mit dem kahl geschorenen Discjockey aus dem Idílico. Vielleicht würde es ihm dazu verhelfen, den Tod von Luis Reigosa rasch aufzuklären.

Er wartete bereits seit einer halben Stunde, als er durchs Fenster seinen Assistenten erblickte, der wie ein wütendes Rhinozeros angestampft kam. Als Rafael Estévez die Cafeteria betrat, war seinem glühenden Gesicht anzusehen, welche Mühe es ihm bereitet hatte, seinen massigen Körper unter den gegebenen Umständen bis hierherzubewegen. Estévez sah sich gehetzt um, und als er den Inspektor entdeckt hatte, ging er aufgeregt auf ihn zu.

»Muss das hier überall so steil raufgehen, verdammt noch mal!« Er atmete keuchend mit weit geöffnetem Mund. Der Schweiß lief in Strömen an ihm hinab. »Hatten Sie nicht gesagt, gleich oberhalb vom Bahnhof, Chef?«

Der Inspektor deutete auf die Gleise hinter der Glasscheibe.

»Ich weiß selbst, wo der Bahnhof ist, von da komme ich ja gerade. Aber Sie hätten mir sagen können, dass es danach dreihundert Treppenstufen hinaufgeht.« Erschöpft rang er nach Luft. »Ständig eine einzige Hetzerei, und immer bergauf, und dann auch noch diese Affenhitze, als ob das nicht so schon genug wäre.«

Estévez rüttelte am Kragen seines Cordhemds, in dem vergeblichen Versuch, sich Kühlung zu verschaffen. Dann sah er auf die Uhr an seinem linken Arm. Es war bereits Viertel vor sechs. »Scheiße, zu spät bin ich auch noch.«

»Nein, du kommst gerade richtig«, verbesserte ihn der Inspektor.

»Ist der DJ noch nicht da?«

»Was glaubst du?«, fragte Leo.

»Mann, jetzt hören Sie bloß mit der Geheimniskrämerei auf, Chef, der Sprint bis hier rauf hat mir schon gereicht. Ist der Typ aus der Disco gekommen oder nicht? Oder ist er etwa schon wieder weg?«

»Ich bin seit kurz nach fünf hier, und als ich ankam, war niemand da. Ich nehme an, er ist nicht gekommen.« Der Inspektor wies auf das leere Lokal. »Und ich nehme an, er kommt auch nicht mehr.«

»Da hätten Sie mir ruhig mal Bescheid geben können, Chef. Dann wäre ich mit dem Auto gekommen und hätte irgendwo in der Nähe geparkt.«

Estévez drehte sich zur Theke um und hob die Hand. »Kellner, eine Cola mit ganz viel Eis!«, brüllte er und wedelte mit der Speisekarte. »Und was machen wir jetzt, Inspektor?«

Caldas sah ihn fragend an, ohne ein Wort zu sagen.

»Sie und ich«, versetzte Rafael Estévez missmutig, »haben Sie sich schon überlegt, wie wir aus der Scheiße rauskommen? Denn der Kommissar wird wohl nicht lange brauchen, um herauszufinden, dass zwei Schwachköpfe von Polizisten ausgerechnet Doktor Zuriaga an den Sack gefasst haben«, sagte er und legte Daumen und Zeigefinger aneinander.

Caldas rührte sich nicht.

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»Dann wird es höchste Zeit, Chef. Die werden uns ordentlich auf den Hals rücken. Ich kenne das ja schon, aber wer weiß, wohin die Ärsche mich diesmal schicken … Ich ende noch als Wildhüter auf den Islas Chafarinas bei den Scheiß-mönchsrobben!«

Estévez fuhr sich mit der Hand über die Stirn, um sich den Schweiß abzuwischen. »Außerdem ärgert mich das wegen seiner Nichte Diana«, fügte er hinzu.

»Wessen Nichte?« Caldas tat, als wüsste er nicht, wovon die Rede war.

»Na, wessen Nichte wohl? Das wissen Sie ganz genau, Chef, die Nichte von Zuriaga.«

Estévez fächelte sich mit der Karte inzwischen auf der Höhe seines gewaltigen Bauches Luft zu. »Kommt diese Cola bald mal?«, jammerte er in Richtung Theke.

Leo Caldas lächelte.

»Was gibts da zu lachen?«, fragte Estévez, als er es bemerkte.

»Nichts«, antwortete Caldas, machte aber weiter ein amüsiertes Gesicht.

»Was heißt hier, ›nichts‹? Können Sie mir sagen, was daran so witzig sein soll, Inspektor?«

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»Nichts, Rafa.« Leo Caldas schüttelte den Kopf. »Für uns geht es um Kopf und Kragen, und du machst dir Sorgen wegen Diana. Wegen Diana Zuriaga, ausgerechnet … Als hättest du irgendetwas mit ihr zu tun.«

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Rafael Estévez knallte die Karte wütend auf den Tisch. »Erstens, Chef, muss ich Sie daran erinnern, dass Sie derjenige waren, der sich unbedingt um Kopf und Kragen bringen wollte, und deshalb stecken jetzt wir beide in diesem Schlamassel. Und dabei heißt es immer, ich wäre hier der Verrückte. Zweitens mache ich mir Sorgen, um wen ich will …« Caldas wollte ihn unterbrechen, aber sein Kollege, der nun auch noch mit dem dritten Finger auf ihn zeigte, ließ es nicht zu. »Und drittens, keine Ahnung, ob ich mit der Kleinen was zu tun habe oder nicht. Ich weiß selbst, dass ich viel älter bin als sie und ein paarmal so viel wiege, und ich könnte bei ihr wahrscheinlich nicht mal als Chauffeur anfangen …« Er musste Luft holen. »Aber ich hab so viel Recht wie jeder andere auch, zu träumen, von wem ich will, und keiner braucht zu glauben, er hat einen Freibrief, um sich über mich lustig zu machen, weder mein Vorgesetzter noch sonst wer, der meint, ganz oben zu stehen, ist das klar, Inspektor?«

»Ich habe mich nicht über dich lustig gemacht, Rafa, wirklich.« Nach dieser wütenden Tirade war das Lächeln aus Caldas Gesicht verschwunden.

»Doch, Inspektor. Sie haben sich sehr wohl über mich lustig gemacht«, erwiderte Estévez giftig. Er schwitzte noch heftiger. »Ich kenn doch dieses überlegene Lächeln.«

Caldas schwieg, und Estévez drehte sich nach dem Kellner um und rief: »Bringen Sie mir diese verdammte Cola heute noch, oder muss ich sie selbst holen?«

Wie aus der Pistole geschossen, kam der Kellner hinter der Theke hervor, in der einen Hand das Getränk, in der anderen ein Glas. Er stellte beides so nah wie möglich vor dem ungeduldigen Polizisten ab.

»Rafa, sei nicht so empfindlich. Ich wollte mich wirklich nicht über dich lustig machen«, sagte der Inspektor, als er das Gefühl hatte, der andere habe sich ein wenig beruhigt.

»Lassen wir das, Inspektor. Es ist zu heiß, um sich auf­zu­regen.«

Estévez griff gierig nach der Colaflasche, um den Inhalt in sein Glas zu schütten. Doch fast im gleichen Moment drehte er sich nach dem Kellner um. »Ich hab gesagt, mit Eis.«

»Ist sie nicht kalt?«, fragte der Kellner.

»Keine Ahnung.« Rafael Estévez hielt weitere Erklärungen für überflüssig. »Ich will Eis dazu.«

Das sah der Kellner anders. »Gerade hab ich sie aus dem Kühlschrank geholt. Hier.« Er nahm die Flasche und hielt sie dem Polizisten hin.

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Der stieß sie zurück und sah den Kellner hasserfüllt an. »Es interessiert mich einen Scheißdreck, ob die Cola kalt ist. Selbst wenn Sie ein Pinguin wären und das Zeug frisch vom Südpol geholt hätten – ich will Eis ins Glas!«, herrschte er ihn an. Fast wäre er aufgestanden und auf ihn losgegangen.

Der Kellner strich mit der geöffneten Handfläche über die Flasche, um zu beweisen, dass sie wirklich kalt war.

»Ich will Eis dazu!«, schrie Rafel Estévez, kurz vor dem Durchdrehen.

Der Inspektor wagte nicht, ihm zu sagen, er solle leiser sprechen. Der Kellner jedoch schien weiterhin fest überzeugt von der Wirksamkeit seiner Überredungskünste und hielt dem Polizisten erneut unerschrocken die Flasche entgegen. »Eis kann ich Ihnen bringen, aber sehen Sie selbst, wie schön kühl die ist.«

Jetzt stand Estévez auf, packte den Kellner am Kragen und schüttelte ihn. »Ich will Eis dazu, ganz viel Eis! Kapiert?«, brüllte er, völlig außer sich. »Dickschädel von Galicier, sturer Bock, Arschloch!«

Leo Caldas fiel seinem tobenden Assistenten in den Arm. »Hast du sie noch alle? Was ist denn mit dir los, zum Teufel? Und Sie«, befahl er dem Kellner, »holen jetzt endlich das verfluchte Eis. Sie sind ja noch durchgeknallter als der hier!«

Der Kellner erstarrte vor Schreck und nickte eingeschüchtert. Sobald Estévez ihn losließ, lief er zur Theke. Sekunden später stellte er einen bis zum Rand mit Eiswürfeln gefüllten Metallkübel auf den Tisch.

Einige Minuten saßen Leo Caldas und Rafael Estévez schweigend da. Der Inspektor rauchte zwei Zigaretten und sah zum Fenster hinaus, sein Assistent hielt den Kopf gesenkt, stützte die verschwitzte Stirn in die geöffneten Hände.

Als sie sich ein wenig beruhigt hatten, versuchte Caldas Ordnung in seine Gedanken zu bekommen. Er ging im Geiste noch einmal verschiedene Möglichkeiten durch, um Licht in die Sache zu bringen. Aber es führte zu nichts. Als er schließlich an das Mittagessen mit seinem Vater und das Telefonat mit Moncho Ríos zurückdachte, erinnerte er sich auch daran, was dieser in Bezug auf Isidro Freire geäußert hatte. Es konnte natürlich sein, dass Freire deshalb nicht zur Arbeit erschienen war, weil er krank geworden war, aber andere Gründe waren ebenso gut vorstellbar: Er hatte Angst, wie Moncho Ríos spaßeshalber gemeint hatte. Oder jemand hatte den feschen Vertreter aus dem Verkehr gezogen, damit er sich nicht verquatschte.

»Gehen Sie heute nicht hin?«, fragte Estévez plötzlich. Er hatte den Kopf gehoben und sah den Inspektor an.

»Ich? Wohin?«

»Zum Radio, Chef.« Sein Assistent deutete auf den Lautsprecher an der Decke. »Gerade haben sie Ihre Sendung angekündigt. In einer halben Stunde soll es losgehen.«

»Scheiße«, murmelte Caldas und sah auf seine Uhr. Das hatte er völlig vergessen. Einzig und allein mit seinen Überlegungen beschäftigt, hatte er das Radio die ganze Zeit bloß so wahrgenommen wie die Hintergrundmusik in einem Film.

»Gehts wieder, Rafa?«, fragte Caldas, immer noch beunruhigt über die heftige Reaktion seines Assistenten.

Estévez nickte.

»Ich gehe jetzt zum Radio. Bitte warte hier noch ein paar Minuten. Falls Orestes nicht auftaucht, musst du ihn suchen. Er darf uns nicht entwischen.«

»Und wo soll ich ihn suchen, Chef?«

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»Weiß nicht – im Idílico, falls dort auf ist, oder bei ihm zu Hause … Vielleicht haben sie auf dem Kommissariat etwas gehört, die kennen eine Menge Leute, die nachts unterwegs sind. Wenn du nicht selbst fahren willst, nimm ein Taxi. Die Rechnung geht an die Abteilung.«

Estévez legte die Stirn wieder in die Hände.

»Tut mir leid wegen vorhin, Rafa.« Im gleichen Moment bereute Caldas, dass er wieder darauf zu sprechen kam. »Aber wir müssen weitermachen. Das ist wahrscheinlich unsere letzte Chance, hier noch mal rauszukommen.«

Estévez hob den Kopf und griff nach der Cola, die unberührt auf dem Tisch stand.

»Bist du sicher, dass es geht?«, fragte der Inspektor noch einmal, als er aufstand.

Rafael nickte, und Caldas klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Als er durch die Tür ging, hörte er, dass der Kellner nach ihm rief. »Bleibt Ihr Freund alleine hier?«, fragte er be­kümmert.

Zuflucht

Caldas betrat das Gebäude an der Plaza de la Alameda, grüßte den Pförtner und stieg eilig die Treppe hinauf in den ersten Stock. Unter den Klängen der Erkennungsmelodie der Sendung hetzte er durch den langen Flur der Rundfunkanstalt zum Aufnahmestudio.

»Hallo, Inspektor«, begrüßte ihn der Tontechniker, der am Mischpult saß, als er ihn hereinkommen sah.

Leo Caldas trat unter die Stelle, wo die kühle Luft der Klimaanlage aus der Decke strömte, und stellte fest, dass es schon fünf nach sieben war. Das Thermometer zeigte an, dass es draußen zweiunddreißig Grad hatte. Er dachte an das verschwitzte Cordhemd von Rafael Estévez und wie sehr dieser es genossen hätte, in diesem Augenblick hier zu stehen. Hinter der Glaswand des Studios standen Rebeca und Santiago und diskutierten. Santiago, den Kopfhörer um den Hals, schien sich über die Äußerungen seiner Kollegin aufzuregen.

Caldas klopfte mit den Fingerknöcheln an die Scheibe, und beide Köpfe drehten sich ihm zu. Rebeca lächelte bei seinem Anblick, während Losada wütend auf die Digitaluhr zeigte und ihn hektisch hereinwinkte.

An der Schallschleuse kam ihm Rebeca entgegen. »Wo hast du denn gesteckt, Leo? Ich versuche seit über einer Stunde, dich auf dem Handy zu erreichen.«

»Hatte zu tun«, antwortete Caldas bloß.

»Hast du denn meine Nachrichten auf deiner Mailbox nicht abgehört, Leo? Du bist wirklich eine Katastrophe.«

»Die Batterien sind, glaube ich, alle«, log der Inspektor. Nach dem Gespräch mit Ramón Ríos vom Restaurant aus hatte er das Handy abgestellt.

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»Am besten, du gehst jetzt rein. Unser Meinungsführer hätte fast einen Herzinfarkt bekommen, weil du nicht aufgetaucht bist. Er darf sich so etwas rausnehmen, aber für die anderen gilt das natürlich nicht, du kennst das ja …«

Leo Caldas schlüpfte durch die Tür und setzte sich an den gewohnten Platz vor dem Mikrofon ganz in der Nähe des Fensters mit Blick auf den Park.

»Du kommst zu spät«, waren Losadas freundliche Begrüßungsworte.

»Tja.«

Rebeca meldete sich über die Sprechanlage. »Fangen wir gleich an, oder soll ich erst noch ein Musikstück laufen lassen?«

»Genug Musik jetzt. Los gehts mit den Anrufern«, drängte Losada.

»Übrigens, Leo«, sagte Rebeca, »der Kommissar scheint dich dringend sprechen zu wollen. Er hat heute Nachmittag mindestens zwanzig Mal angerufen und nach dir gefragt. Er konnte dich offenbar auch nicht auf dem Handy erreiche.«

Genau deshalb habe ich es ja abgestellt, sagte Leo zu sich. »Danke, Rebeca.«

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Der Inspektor wusste schon im Voraus Wort für Wort, wie das Gespräch mit Kommissar Soto verlaufen würde. Er hatte nicht das geringste Interesse daran, dessen Drohungen und Beschimpfungen über sich ergehen zu lassen, ohne einen Grund angeben zu können, weswegen er Doktor Zuriaga ins Visier genommen hatte. Das Schlimmste war jedoch, dass er keineswegs sicher war, diesen Grund rechtzeitig zur Hand zu haben. Zuriaga war mächtig und würde keine Zeit verlieren. Orestes, an den sich seine Hoffnung klammerte, hatte sich in Luft aufgelöst. Sie waren auf den Discjockey angewiesen, und obwohl Rafael Estévez alles tun würde, was in seiner Macht stand, um ihn aufzutreiben – sein Assistent zeichnete sich nicht gerade durch ein geschicktes Händchen aus; außerdem kannte er sich noch längst nicht überall in der Stadt aus. Ores­tes hätte Zeit genug, sich aus dem Staub zu machen, bevor Estévez ihm gefährlich nahe kommen konnte. Umso hilfloser stünden sie beide da, während der Doktor seinen Rachefeldzug gegen sie in Gang setzte.

Santiago Losada hob die Hand, und erneut durchfluteten die Klänge der Erkennungsmelodie das Studio. Draußen sah Caldas die Mütter, die sich wie jeden Tag im Schutz der Alleebäume zusammengefunden hatten und sich unterhielten. Trotz der Hitze jagten die Kinder wie jeden Tag hinter den Tauben her. Wie jeden Tag warteten die Tauben, bis die Kinder ganz nahe herangekommen waren, und flogen dann rasch auf.

Caldas musste an Alba denken. Sie war auch davonge­flogen, war geflohen, als er ganz nahe an sie herangekommen war.

Santiago senkte den Arm, und gleichzeitig wurde die Musik leiser, und das rote Lämpchen, das anzeigte, dass sie auf Sendung waren, leuchtete auf.

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»Liebe Hörerinnen und Hörer, hier ist sie wieder, diiie … Hörfunkstreife. Wir bringen Bürger und Verwaltung ins Gespräch, und wir wollen damit nur eins: Das Zusammenleben soll immer noch besser werden, hier, in unserem wunderschönen Vigo.« An dieser Stelle unterbrach Santiago die Einleitung und machte eine seiner gefürchteten dramatischen Pausen.

Leo Caldas drehte sich zum Tisch um und griff in Erwartung des ersten Anrufers nach den zweifellos auch diesmal drückenden Kopfhörern.

Santiago Losada machte mit seiner Einleitung weiter. Er stellte den Inspektor vor, was sich anhörte, als schilderte ein Sportreporter den Moment, in dem ein berühmter Boxer in den Ring steigt.

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»Heute zu Gast: der Schrecken aller Verbrecher, der unerbittliche Verteidiger aller anständigen Bürger, der gefürchtete Wächter über die Straßen unserer Stadt, der Mann von der Hörfunkstreife: Inspektor Leeeo Caldas! – Guten Abend, Inspektor.«

Nicht mehr lange, dachte Caldas. »Guten Abend.«

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»Liebe Hörerinnen und Hörer, auch heute Abend ist Inspektor Caldas wieder offen für Ihre Probleme, fragen Sie, was Sie fragen wollen, genau dafür haben wir von Radio Vigo sie uns ja ausgedacht, diiie Hörfunkstreife

Rebeca hielt ein Schild in die Höhe, und Losada stellte den Anrufer vor: »Die Erste, die heute Abend wissen möchte, wie sie zu ihrem Recht kommt, ist Inés. Guten Abend, Inés!«

Caldas streifte sich schicksalsergeben die Kopfhörer über den Kopf.

Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln schilderte die Frau den Grund für ihren Anruf, es hatte irgendetwas mit dem Straßenverkehr zu tun. Auf jeden Fall eine Angelegenheit für die Kollegen vom Ordnungsamt.

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Caldas machte den ersten Eintrag in sein Heft: »Polizei – Leo: eins zu null.«

Eine halbe Stunde später verzeichnete das schwarz eingebundene Heft einen deprimierenden Spielstand: sieben zu null.

Rebeca hielt erneut eine Tafel mit einem Namen darauf in die Höhe: »Carlos«.

»Ich rufe an, um unseren entschiedenen Protest gegen die am gestrigen 13. Mai verübte Attacke gegen ein Mitglied unserer Gemeinschaft auszudrücken, das gerade seinen Feierabend in einem Lokal dieser Stadt verbrachte.« Der Anrufer hatte alles in einem Atemzug gesagt. Offenkundig verlas er einen vorbereiteten Text.

»Soll Inspektor Caldas Ihnen dabei helfen, die Sache zur Anzeige zu bringen?«, fragte Losada.

»Nicht nötig.« Jetzt, wo Carlos nicht mehr ablas, ließ seine Stimme eine deutlich größere Betroffenheit erkennen. »Der Inspektor war auch in dem Lokal. Er hat ein Bier getrunken und alles mit eigenen Augen gesehen.«

Leo wandte das Gesicht vom Mikrofon ab und sah auf der Suche nach Eingebung hinaus in den von der Sonne beschienenen Park. »Scheiße, das hat gerade noch gefehlt!«, murmelte er.

»Genauer gesagt«, erzählte der Anrufer weiter, »ist Inspektor Caldas dem Opfer selbst zu Hilfe gekommen und hat den schwulenfeindlichen Mann überwältigt und aus dem Lokal geschafft.«

»Ach ja?«

Der leise Unterton in Losadas Stimme forderte den Anrufer unüberhörbar dazu auf, weiterzuerzählen. Dieser erging sich im Folgenden in einer ausführlichen Schilderung der Ereignisse des Vorabends, um anschließend harsche Kritik an den zuständigen Stellen zu äußern, welche brutale Schläger in den Reihen der öffentlichen Sicherheitsorgane duldeten. Zuletzt verlangte er, die Verantwortlichen müssten in angemessener Weise zur Rechenschaft gezogen werden. Carlos, der sich richtig in Rage geredet hatte, vergaß nicht, dem Inspektor ausdrücklich für den, in seinen Augen, »wahrhaft heldenhaften Einsatz zugunsten unserer Gemeinschaft« zu danken.

Die ganze Zeit über bewegte Leo Caldas immer wieder Zeige- und Mittelfinger scherenartig in der Luft, um Losada zu verstehen zu geben, er möge dem anderen das Wort abschneiden. Santiago jedoch zeigte sich überraschenderweise als lupenreiner Demokrat und ließ den aufgeregten Anrufer seinen Protest vorbringen, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen.

Die anschließende Werbepause nutzte der Inspektor, um sich nach dem Grund für so viel Toleranz zu erkundigen. »Wieso hast du den die ganze Zeit weiterreden lassen? Die Leute sollen durch die Sendung schließlich nicht Angst vor der Polizei bekommen, sondern genau das Gegenteil.«

»Die Redefreiheit geht vor!«, rechtfertigte sich Losada.

»Seit wann kennst du das Wort Freiheit?«

»Du bist bloß sauer, weil jetzt alle wissen, dass du in so einer Bar warst, Leo«, sagte Losada mit unüberhörbar spöttischem Unterton. »Macht doch nichts, die sexuelle Orientierung ist in unserer Gesellschaft schon lange keine Glaubensfrage mehr.«

»Halt bloß die Klappe, Santiago.« Caldas warf seinem Gegenüber einen verächtlichen Blick zu, steckte sich eine Zigarette in den Mund und näherte diese der Flamme seines Feuer­zeugs.

»Guten Abend, Nuria. Ganz richtig, Sie sind hier bei der Hörfunkstreife. Unser unbestechlicher Inspektor Caldas ist gleich für Sie da«, begrüßte Losada die nächste Anruferin und warf dem Inspektor einen provozierenden Blick zu.

Beim neunten Anruf dieses Nachmittags erfuhren sie von dem nächtlichen Schrecken, den eine Gruppe dreister Obdachloser der Frau jetzt schon seit zwei Wochen bereitete, indem sie sich einfach im Eingang ihres Hauses zum Schlafen legte.

Hausfriedensbruch fiel in seinen Zuständigkeitsbereich, weshalb der Inspektor zum Kugelschreiber griff und nach sieben Gegentreffern seinen ersten Punkt ins Heft eintragen konnte.

Trotz der Kopfhörer vernahm Caldas hinter der hohen Frauenstimme ein dumpfes Geräusch. Er sah auf und erblickte auf der anderen Seite der Glaswand Estévez, der an der dem Inspektor nächstgelegenen Stelle mit beiden Fäusten die Scheibe bearbeitete. Mit fassungslosem Schrecken ließen Rebeca und der Tontechniker ihn gewähren. Mit heftigen Armbewegungen gab Estévez ihm zu verstehen, er solle sofort zu ihm hi­naus­kommen.

Die Anruferin bat gerade darum, ihr zu sagen, wie sie sich in dem geschilderten Konflikt denn nun verhalten solle, doch Caldas war bereits, von Losada unbemerkt, unterwegs Richtung Studiotür.

»Tja, was meinen Sie, Inspektor?«, fragte der Sendeleiter mit einem dümmlichen Blick auf den leeren Platz zu seiner Rechten.

»Den haben sie kaltgemacht, Chef, von dem hören Sie kein Sterbenswörtchen mehr«, platzte Estévez, knallrot im Gesicht, los, als Caldas aus der Schallschleuse trat.

»Was?«

»Ich hab unseren Discjockey bei sich zu Hause aufgespürt. Er ist tot«, erklärte sein Assistent. »Ich versuche schon seit einer Stunde, Sie zu erreichen, Inspektor. Haben Sie das Handy ausgestellt?«

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»Ja. – Wer weiß alles davon?«, fragte Caldas.

»Sie und ich.«

»Los, gehen wir«, sagte Caldas, und sie verließen das Rundfunkgebäude.

Über den Flurlautsprecher konnten sie hören, wie Losada, am Rand des Nervenzusammenbruchs, so tat, als wäre plötzlich die Leitung unterbrochen, worauf ein völlig absurdes Musikstück erklang.

Eindruck

In funktionellen Gebäuden wie diesem Apartmenthochhaus an der Avenida de las Camelias mieteten internationale Unternehmen mit Ableger in Vigo üblicherweise Wohnungen für ihre dorthin abkommandierten Angestellten. Das kam aufs Jahr gesehen billiger, als lauter einzelne Hotelübernachtungen zu bezahlen.

Caldas und Estévez stiegen aus dem Taxi, betraten das Haus und fuhren mit dem Lift in den fünften Stock. Estévez führte den Inspektor zu einer Tür mit einem kleinen Metallschild, auf dem der Name »Orestes Rial« stand.

»Was ist denn hier passiert?«, fragte Caldas, als er gegen die Tür drückte und feststellte, dass das Schloss aufgebrochen war.

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»Ich hab geklingelt«, sagte Estévez entschuldigend, »aber niemand hat reagiert. Da hab ich ein bisschen mit dem Fuß nachgeholfen …«

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»Hm …«

Der Inspektor sah sich in der nahezu leeren Wohnung um. Es gab nur ein Zimmer, mit dunklem Holzboden und weiß gestrichenen Wänden. In dem Regal an der einen Zimmerwand standen rund ein Dutzend Bücher, zwei Fotoalben, eine Digitalkamera und mehrere Hundert CDs. Abgesehen von dem zerwühlten Bett ohne Kopfkissen war alles sauber und ordentlich.

»Wo ist Orestes?«

»Da drin.« Estévez deutete auf eine verschlossene Tür.

Caldas ging in das Badezimmer. Dort lag Orestes vor der Toilette auf dem Boden. Das aus dem kurz geschorenen Hinterkopf ausgetretene Blut hatte eine dunkle Pfütze gebildet, die sich auf beunruhigende Weise von dem weißen Marmor abhob.

Der Discjockey trug eine gestreifte Schlafanzughose, sein äußerst magerer Oberkörper war unbedeckt. In einer Ecke lag das Kopfkissen. Es hatte einen blutroten Fleck.

»Hast du irgendwas angerührt?«

»Natürlich nicht. Ich hab die Leiche entdeckt, gecheckt, ob noch wer hier drin ist, zigmal versucht, Sie anzurufen, und dann bin ich raus, hab die Tür bloß angelehnt und bin ab zum Radio.«

Leo Caldas untersuchte das Einschussloch im Nacken des jungen Mannes. Drum herum schwamm alles in Blut, unmöglich, festzustellen, welches Kaliber die Waffe hatte. Ebenso erfolglos blieb die Suche nach einer Patronenhülse. Als der Inspektor das Kissen an einer sauberen Stelle anfasste und leicht hochhob, sah er, dass es ein schwarz gerändertes Loch aufwies. Der Mörder hatte es beim Abdrücken als Schalldämpfer vor die Pistolenmündung gehalten. Caldas machte seinen Assistenten darauf aufmerksam.

»Habe ich schon bemerkt, Chef«, versicherte Estévez. »Ein wirksames Hausmittel.«

Caldas ließ das Kissen wieder auf den Boden fallen.

»Die haben ihn beim Pinkeln überrascht«, sagte Estévez.

Leo Caldas nickte. »Wahrscheinlich ist er vom Klingeln aufgewacht«, mutmaßte er. »Er ist aufgestanden, hat die Tür aufgemacht und ist dann schnell ins Bad gegangen, weil er dringend musste.«

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Sie beschlossen, erst einmal selbst auf Spurensuche zu ge­hen, bevor sie beim Kommissariat Bescheid gaben. Um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, umwickelte Caldas seine Hand mit einem Taschentuch, nahm die Digitalkamera aus dem Regal und überprüfte, ob sie irgendwelche Bilder ent­hielt. Der Speicher war leer. Dann vertiefte er sich in die beiden Fotoalben. Estévez streifte sich ein Paar Handschuhe über, die er unter der Spüle entdeckt hatte, und nahm sich den Rest vor. Er besah sich den Nachttisch, den Couchtisch, schob die Sofakissen zur Seite, untersuchte die Kochnische … Dann öffnete er den Kleiderschrank, durchwühlte sämtliche Schubladen und die Taschen der darin aufgehängten Hosen und Jacken.

Caldas blätterte sich währenddessen aufmerksam durch das erste Fotoalbum. Konzentriert wie ein Uhrmacher starrte er lange und gründlich auf jedes einzelne Bild, stieß aber nirgendwo auf ein bekanntes Gesicht. Er stellte das Album zurück ins Regal zu den CDs und schlug das andere Album auf.

Estévez trat zu ihm und besah sich die CDs. Es handelte sich fast ausschließlich um selbst gebrannte Aufnahmen. Die Namen der Musiker waren mit wasserfestem Filzstift auf der Hülle verzeichnet.

»Sehen Sie? Nur Idioten kaufen Musik heute noch im Laden. Wenn das so weitergeht, verdient ein Klempner bald mehr als jeder Rockstar«, verkündete Estévez.

»Recht hast du«, murmelte Caldas, immer noch mit dem zweiten Fotoalbum beschäftigt.

Estévez, der sich die CDs offenbar lange genug angesehen hatte, blickte sich suchend nach etwas um. »Womit hat der die denn angehört, verdammt noch mal?«, überlegte er laut.

»Wie?«, fragte Caldas, ohne die Augen von einem Foto abzuwenden, das im Idílico gemacht worden war.

»Nichts, schon gut.« Estévez zeigte wie selbstverständlich auf die Kochnische. »Ich hab mich nur gefragt, womit der die ganzen CDs angehört hat, aber klar: mit dem Computer da drüben.«

»Was hast du gesagt?«, fragte Caldas und sah auf.

»Dass er seine CDs bestimmt auf dem Küchenteil da abgespielt hat.«

Leo war der flache Gegenstand auf der Abstellfläche neben dem Herd schon aufgefallen, aber er hatte angenommen, dabei handle es sich um einen Toaster oder dergleichen. Auch beim Anblick des Apparates, der danebenstand, auf einem Stoß glänzendem Papier, hatte er sich bis dahin nichts weiter gedacht.

Jetzt ging er hin, klappte den eigenwilligen Laptop auf und schaltete ihn ein. Wie sich herausstellte, war das futuristisch gestylte Gerät daneben ein kleiner Laserdrucker, der mit dem Papier von dem Stapel darunter gefüttert wurde.

Bis der Laptop hochgefahren war, sah der Inspektor den Rest des zweiten Fotoalbums durch und stellte es anschließend ins Regal zurück, weil er nichts Interessantes darin hatte entdecken können.

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Er betätigte sich erneut an der Tastatur des Laptops, um herauszufinden, welche Programme zuletzt aufgerufen worden waren – der Web-Browser und eine Bilderdatenbank. Diese klickte er an und ging dort auf das Hauptmenü. Der Inspektor kannte sich nicht übermäßig gut mit Computern aus, aber festzustellen, dass Orestes Tausende Fotos auf seiner Festplatte gespeichert hatte, war nicht weiter schwierig.

Das Programm verfügte auch über eine Suchfunktion. Leo gab den Namen des Mannes ein, hinter dem sie her waren: »Luis Reigosa«.

Sofort erschienen rund ein Dutzend Icons, die diesen Namen enthielten. Er klickte den ersten davon an, und ein Foto nahm den kompletten Bildschirm ein.

»Da haben wirs«, sagte der Inspektor.

»Was denn, Chef?«

Ohne zu antworten, rief Leo Caldas auch die restlichen Bilder auf und betätigte jedes Mal die Druckertaste.

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»Die haben sich gekannt …«, stammelte Estévez und starrte auf das erste Foto, das der Drucker auswarf. »So ein Schwein!«

Spur

Das Holztor glitt zur Seite, und der Wagen fuhr zwischen den Bäumen hindurch bis an den Fuß der großen Treppe. Die Hausangestellte, die sie in der gleichen kämpferischen Haltung empfing wie am Mittag, führte die beiden Polizisten erneut ums Haus herum zu der Vorhalle.

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Dort hatte sich allerdings einiges geändert. Die Sonne stand nicht mehr hoch am Himmel, sondern sie näherte sich jetzt der golden glitzernden Meeresoberfläche, und es war auch nicht mehr so heiß wie am Mittag, wie Rafael Estévez erleichtert feststellte – er hatte aufgehört, zu schwitzen.

Auf dem Weg vom Landungssteg her näherte sich die schma­le Silhouette von Mercedes Zuriaga. Über dem beigen Kleid trug sie jetzt eine lange weiße Bluse. Als sie die beiden Polizeibeamten erkannte, kam sie zu ihnen.

»Guten Abend, die Herren. Schon wieder zu Besuch bei uns?«, fragte sie freundlich.

»Ja, wir müssen den Doktor noch etwas fragen«, log Caldas.

»Weiß Dimas, dass Sie auf ihn warten?«

Leo nickte.

»Ich wollte mir gerade Tee bringen lassen«, sagte Mercedes Zuriaga und zeigte auf die Schiebetür, die zum Wohnzimmer führte. »Möchten Sie auch eine Tasse?«

Sie lehnten ab.

Mercedes Zuriaga ging ins Wohnzimmer, erteilte ein paar knappe Befehle und kam dann wieder heraus und setzte sich zu ihnen auf die Terrasse. Bald darauf erschien das Hausmädchen mit der Haube und stellte links von der Hausherrin ein kleines Silbertablett auf dem Tisch ab.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, leiste ich Ihnen Gesellschaft, bis mein Mann kommt.«

»Aber bitte«, sagte der Inspektor. »Geht es Ihrem Mann inzwischen besser?«

»Sieht so aus. Kurz nachdem Sie heute Morgen weggegangen waren, hat er das Haus verlassen, um ein paar Erledigungen zu machen. Er wollte etwas kaufen. Wenn er wieder Lust hat, Geld auszugeben, ist das ein gutes Zeichen«, sagte sie scherzend.

»So ist es«, bestätigte Caldas.

»Sie möchten wirklich keinen Tee?«, fragte Mercedes Zuriaga und hob die Kanne in die Höhe.

Caldas und Estévez lehnten erneut dankend ab. So saßen die drei da, genossen die Aussicht und hörten zu, wie das Meer an die Felsen und der Teelöffel Mercedes Zuriagas an den Tassenrand schlug.

Als der Doktor aus dem Haus kam, spürte Caldas das leise Klopfen in der Brust, das er am Morgen vermisst hatte.

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Da die Sonne jetzt tief am Himmel stand, warf die Bougainvillea keinen Schatten mehr auf die Terrasse; dafür leuchtete das Haar von Dimas Zuriaga umso weißer – genau wie auf dem Friedhof.

»Ich dachte, wir hätten heute Morgen alles geklärt, Inspektor Caldas.« Die kehlige Stimme des Doktors konnte die Irritation nicht verbergen.

Leo wollte ihm den Grund für ihr erneutes Erscheinen lieber nicht in Anwesenheit seiner Ehefrau erklären.

»Rafa, könntest du bitte einen Moment Señora Zuriaga Gesellschaft leisten? Ich drehe kurz eine Runde mit dem Doktor«, sagte er zu seinem Assistenten.

Zuriaga und Caldas entfernten sich wortlos einige Schritte von den anderen. Der Inspektor wies auf einen Steintisch, der ihm weit genug von der Terrasse entfernt schien. Daneben befand sich das Schwimmbecken, das früher einmal ein Teich gewesen war. »Setzen wir uns dorthin, Doktor?«

Widerstrebend folgte Dimas Zuriaga der Aufforderung. Als sie saßen, fragte er barsch, was Caldas eigentlich wolle.

»Ich möchte eine ehrliche Antwort«, erwiderte Leo und legte das Foto von Luis Reigosa und seinem Saxofon auf den Tisch, dasselbe Foto, das er dem Doktor schon am Morgen gezeigt hatte.

Zuriaga sah nicht einmal hin. »Sie haben mir zugesagt, dass sich so etwas wie heute Mittag nicht wiederholt«, sagte er knapp. »Sie haben sich für Ihren Übergriff entschuldigt, so gut Sie konnten, Inspektor Caldas, und ich habe versprochen, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Aber das jetzt geht entschieden zu weit.«

»Kennen Sie den Mann?«, fragte Caldas ungerührt.

»Sie glauben wohl, Sie können mich einschüchtern wie einen kleinen Jungen mit Ihren Ganovenmethoden!«, rief Zuriaga und stand auf.

Leo bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Ich glaube gar nichts, aber glauben Sie mir, ich behandle Sie zuvorkommender, als Sie verdient haben, da bin ich mir ziemlich sicher. Zum letzten Mal, kennen Sie diesen Mann?«

»Nein, das habe ich Ihnen auch schon gesagt«, brüllte Zuriaga. »Und jetzt verlassen Sie bitte mein Haus.«

Leo Caldas zog ein anderes Foto aus seiner Jackentasche. Darauf sah man Dimas Zuriaga und Luis Reigosa fröhlich schwatzend vor zwei Bierkrügen sitzen. Der Inspektor legte das Bild auf den Tisch.

»Und was sagen Sie jetzt? Kennen Sie diesen Mann?«

Er holte noch ein Foto der beiden Männer hervor und warf es neben die anderen beiden.

»Wissen Sie jetzt, wen ich meine, oder möchten Sie sich die Antwort erst noch überlegen?«

Leo zog noch ein Blatt aus der Tasche. Das Bild war eindeutig, ließ keinerlei Zweifel an der Art der Beziehung zwischen dem Saxofonisten und dem Arzt.

»Sagen Sie immer noch nichts?«

Dimas Zuriaga sank bleich auf seinen Platz. Er nahm die Fotos einen Moment lang in die Hand und legte sie dann wieder auf den Tisch.

»Die anderen brauchen Sie mir nicht zu zeigen, Inspektor. Ich kenne die Fotos.« Von dem herausfordernd stolzen Mann von vor wenigen Sekunden war nichts mehr übrig.

»Kennen Sie den Mann, der zusammen mit Ihnen darauf zu sehen ist?«, fragte Caldas wieder.

»Natürlich kenne ich ihn, Inspektor«, sagte der andere schließlich. »Das ist Luis. Luis Reigosa.«

»Ich mag es nicht, wenn man mich anlügt, Doktor«, sagte Leo Caldas und sah den Arzt durchdringend an.

»Warum haben Sie nicht gleich gesagt, dass Sie Bescheid wissen, Inspektor?« Seine raue Stimme war nur noch ein heiseres Krächzen.

»Bescheid? Worüber?«, fragte Caldas zurück.

»Dass ich erpresst werde. Sind Sie nicht deshalb gekommen? Ich bekomme schon seit Längerem solche Fotos per E-Mail. Ich dachte, ich bin der Einzige, der davon weiß.«

Dass ein Tatverdächtiger sich als Opfer ausgeben wollte, war nichts Besonderes, Caldas kannte diese Versuche, einen Verfolger zu verwirren. Er beschloss, auf das Spiel des Doktors einzugehen und abzuwarten, was dabei herauskam. Dimas Zuriaga war eine viel zu einflussreiche Persönlichkeit, noch einen Ausrutscher konnte sich der Inspektor nicht erlauben, wenn er seine Karriere nicht endgültig ruinieren wollte.

»Haben Sie Anzeige deswegen erstattet?«

Dimas Zuriaga schüttelte den Kopf. Dabei leuchtete sein weißes Haar im Licht der untergehenden Sonne hell auf. »Man hat mir damit gedroht, die Bilder meiner Frau zukommen zu lassen, falls ich Kontakt mit der Polizei aufnehme.« Er sah verstohlen zur Terrasse hinüber, wo immer noch seine Frau und Rafael Estévez am Tisch saßen. »Sie weiß nichts davon«, sagte er dann.

»Sollen wir ein Stück weiter weg gehen, wo uns niemand sehen kann?«

Zuriaga nickte, und Caldas zeigte auf den Weg, der zur Anlegestelle führte.

»Nein, lieber in die andere Richtung, Inspektor. Das Meer gefällt mir nur von Weitem. Schon als Kind hatte ich Angst vor dem Wasser. Ich kann nicht einmal schwimmen.«

»Und das Boot?«, fragte Caldas.

»Das gehört Mercedes. Damit habe ich nichts zu tun.«

Dimas Zuriaga zeigte auf einen Weg, der zu dem Wäldchen führte, das die beiden Polizisten mit dem Auto durchquert hatten. »Hier entlang.«

Der Weg führte um den Teich und dann zu einer Gruppe uralter Kastanien. Caldas atmete schweigend den Duft der Kräuter ein, die unter den Bäumen wuchsen, und wartete darauf, dass der Doktor weiterredete.

»Die ersten Fotos kamen ungefähr vor einem Monat, an einem Montagmorgen«, sagte Zuriaga. »Sie verlangten dreitausend Euro, dafür würden sie die Fotos vernichten. Das Geld sollte ich an einer bestimmten Stelle am Monte del Castro hinterlegen, nicht weit von der Stiftung.«

»Und das haben Sie gemacht?«

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»Ja. Aber am nächsten Montag kam wieder eine E-Mail, und am Montag darauf noch eine … Ich habe insgesamt dreimal Umschläge mit Geld an der Stelle hinterlegt.«

»Sind Sie nie auf den Gedanken gekommen, die Polizei einzuschalten?«

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»Doch. Aber dann habe ich mir gedacht, besser oder wenigstens diskreter wäre es, einen Privatdetektiv zu beauftragen. Ich hatte verschiedene Möglichkeiten, aber Sie kennen das ja, Inspektor, je mehr Auswahlmöglichkeiten man hat, desto schwieriger wird es, sich für eine davon zu entscheiden. Außerdem haben sie nicht allzu viel Geld verlangt … ich meine, für meine Verhältnisse. Und in so einem Fall konnte ich mir einfach keinen Ausrutscher leisten. Darum habe ich erst einmal die Zähne zusammengebissen und bezahlt. Den Richtigen würde ich dann schon finden, habe ich mir gedacht. Sobald wieder eine E-Mail kommen würde, würde ich jemanden beauftragen. Aber letzten Montag kam dann kein Foto mehr.«

»Und da haben Sie beschlossen, niemandem von der Sache zu erzählen, weil sich das Ganze offenbar erledigt hatte.«

»Genau, Inspektor. Ich wollte auf keinen Fall unnötig Staub aufwirbeln. Ich versuche immer, möglichst wenig in der Öffentlichkeit zu erscheinen, aber ganz vermeiden lässt es sich natürlich nicht. Kaum jemand in dieser Stadt kennt mein Gesicht, aber mein Name ist bekannt, genau wie die Institution, die ich repräsentiere. Ich kann es einfach nicht zulassen, dass die Stiftung mit einem solchen Skandal in Verbindung gebracht wird.«

»Genauso wenig wie Ihre Familie.«

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»So ist es. Das hängt ja alles zusammen: Arbeit, Familie, Gesellschaft … Ein kleiner Skandal genügt, und alles, wofür ich jahrelang gekämpft habe, und vor mir mein Vater, fällt in sich zusammen.«

So einfach wollte Caldas dem Doktor diese Geschichte nicht abkaufen. »Haben Sie die E-Mails noch?«

»Nein. Ich habe sie ein paar Tage lang aufbewahrt, aber dann habe ich sie gelöscht.«

Pech für Sie, dachte Caldas und fragte weiter: »Was glauben Sie, wer hat die Fotos gemacht?«

»Ich weiß es nicht, Inspektor, keine Ahnung.«

»Und wer hat sie Ihnen zugemailt?«

»Das weiß ich auch nicht. Ich verstehe nicht viel von Computern, aber ich habe versucht, es herauszufinden. Die Mails wurden unter einem völlig absurden Namen verschickt, von irgendwelchen Internetcafés aus, da kommen jeden Tag Hunderte von Leuten vorbei.«

»Wissen Sie überhaupt, dass Luis Reigosa nicht mehr lebt?«

»Selbstverständlich. Ich war gestern auf seiner Beerdigung, genau wie Sie, Inspektor. Ich habe Ihnen schon heute Morgen gesagt, dass ich so schnell kein Gesicht vergesse.«

Der Weg, der zwischen Magnolien, Eiben und Kiefern dahinführte, gabelte sich. Zuriaga wies auf die rechte Seite.

»Sind Sie nie auf die Idee gekommen, dass Luis Reigosa hinter der Sache stecken könnte?«

»Sind Sie verrückt? Weshalb sollte Luis so etwas tun?«

»Finden Sie es nicht auch seltsam, dass Sie seit seinem Tod keine solchen Mails mehr bekommen haben?«

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»Nein.« Dimas Zuriaga antwortete, ohne zu zögern. »Wenn Luis etwas gebraucht hätte, hätte er mich bloß darum bitten müssen. Für solche kleinen Geldsummen hätte jemand wie Luis keinen Blödsinn gemacht. Sie haben die Fotos ja gesehen. Und Sie wissen über mich Bescheid … über uns.«

Caldas nickte.

»Wir waren mehr als bloße Freunde. Ich hätte ihm alles gegeben, er hätte mich um alles bitten können, ich hätte nicht einmal gefragt, wofür er es braucht. Er hätte solche Methoden nicht nötig gehabt.«

»Haben Sie das?«

»Ob ich was habe?«

»Ihm Geld gegeben.«

»Nein, um Himmels willen, natürlich nicht.« Der Doktor fuhr sich mit der Hand durch das weiße Haar. »Aber wenn er mich darum gebeten hätte, hätte ich es getan.«

»Lag Ihnen so viel an ihm?«

»Sie haben ja keine Ahnung, Inspektor.«

»Deshalb unterhalten wir uns doch. Sie sollen mir die Dinge erklären, die ich nicht verstehen kann. Also: Lag Ihnen so viel an ihm?«

»Natürlich, er hat mir mehr bedeutet, als er selbst sich hätte vorstellen können.«

»Aber Ihre Frau hätten Sie deshalb trotzdem nicht ver­lassen.«

»Inspektor, ich habe Ihnen schon erklärt, was ich repräsentiere. Für ein so großes Werk wie die Fundación Zuriaga muss man bestimmte Opfer bringen. Ich habe es auf mich genommen, dieses grauenvolle Doppelleben zu führen. Und ich habe Mercedes während der ganzen Zeit etwas vorgemacht.«

»Und, hat es sich gelohnt?«

»Ich glaube, ja, Inspektor. Das habe ich mir jedenfalls immer eingeredet. Manchmal war ich allerdings nahe daran, ihr gegenüber die Karten offen auf den Tisch zu legen.«

»Und warum haben Sie das nicht gemacht?«

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»Ihr alles erzählt? Aus verschiedenen Gründen. Vor allem, weil Luis es nicht wollte. Er hat immer gesagt, ich dürfe die große Aufgabe meines Lebens nicht im Stich lassen – die Stiftung und meine Frau.«

Von Weitem hätte man die beiden für Philosophen im Streitgespräch halten können, während sie so den jetzt von Buchsbaumhecken gesäumten Weg entlangwandelten. Der Inspektor folgte aufmerksam den Ausführungen von Dimas Zuriaga und hatte das Gefühl, sich an der Seite eines gestürzten Titanen zu befinden.

»Wie lange haben Sie Ihre wahren Neigungen verdrängt?«

»Eigentlich hatte ich immer schon so ein Gefühl, aber erst als ich Luis begegnet bin, habe ich den entscheidenden Schritt gewagt. Die einschlägigen Lokale haben mich nie angezogen. Und ich bin auch zu alt, um mich irgendwelchen kämpferischen Gruppierungen anzuschließen.«

Diesen Mann mit dem schneeweißen Haar verband in der Tat nicht allzu viel mit dem Anrufer, der sich wegen der Attacke von Estévez im Idílico bei der Hörfunkstreife beschwert hatte.

»Darf ich fragen, wie Sie Reigosa kennengelernt haben?«

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»Bei einem Jazzfestival, das von der Stiftung gesponsert wurde. Nach dem Konzert haben wir uns unterhalten, dann gab es ein Abendessen, und danach …«

»Wann war das?«

»Vor ungefähr drei Jahren.«

»Und Sie sind sicher, dass Ihre Frau nichts davon gemerkt hat? Drei Jahre sind eine lange Zeit.«

»Mercedes? Nein, das glaube ich nicht. Ich war nie ein besonders guter Ehemann, dafür bin ich viel zu beschäftigt.«

»Wissen Sie, dass Reigosa ermordet worden ist?«

»Seit er tot ist, bin ich völlig am Ende, ich habe mich von allem zurückgezogen. Nur einmal habe ich das Haus verlassen. Das war, als ich zum Friedhof gegangen bin«, sagte Zuriaga bedrückt.

Dazu, mit seinem Vorgesetzten in Verbindung zu treten und zu versuchen, sich ihn vom Leibe zu halten, hatte es allerdings gereicht, dachte der Inspektor.

»Kennen Sie sich mit Formaldehyd aus?«

»Inspektor, Sie sprechen mit jemandem, der Medizin studiert hat und ein Krankenhaus leitet. Glauben Sie etwa, ich weiß nicht, was Formaldehyd ist?«

»Reigosa ist mit Formaldehyd ermordet worden.«

»Hat man ihn damit betäubt?«

»So ähnlich.«

Mehr wollte er jetzt nicht davon erzählen. Auf dem Kommissariat wäre noch Zeit genug dafür. Im Moment versuchte er es lieber mit einem Angriff an einer anderen Stelle.

»Kehren wir um?«

Den Rückweg legten sie schweigend zurück. Die Strahlen der Abendsonne fielen schräg durch das Dickicht, und die Bäume zeichneten mit ihren Schatten seltsame Muster auf den Boden. Je tiefer die Sonne sank, desto intensiver dufteten die Pflanzen.

Als das Haus wieder vor ihnen auftauchte, beschloss der Inspektor, das Verhör zu einem vorläufigen Abschluss zu bringen. »Sagt Ihnen der Name Orestes Rial etwas?«

»Nein.«

»Denken Sie bitte nach, Doktor, Sie haben mich schon einmal angelogen.«

Dimas Zuriaga gefiel Caldas’ letzte Äußerung überhaupt nicht. »Ich kenne diesen Orestes nicht, Inspektor. Ich spreche ganz offen mit Ihnen, irgendwelche sarkastischen Bemerkungen können Sie sich sparen.«

»Waren Sie heute den ganzen Tag zu Hause?« Caldas versuchte es auf einem anderen Weg.

»Allerdings. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich mein Haus seit Tagen nicht verlassen habe. Worauf wollen Sie hi­naus, Inspektor? Was hat das mit mir zu tun?«

»Heute Mittag hatte ich Ihnen gesagt, dass ich jemanden habe, der bezeugen kann, dass Sie und Luis Reigosa sich kannten. Wissen Sie das noch?«

»Ja.«

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»Die Fotos, die ich Ihnen gezeigt habe, die, von denen Sie sagten, dass Sie Ihnen jemand zugemailt hat, waren auf der Festplatte von Orestes Rials Computer gespeichert. Wir waren heute Nachmittag mit ihm verabredet, aber er konnte nicht kommen – er ist ermordet worden. Er stand bei sich zu Hause vor der Toilettenschüssel und pinkelte, da hat ihm jemand ins Genick geschossen. Eigentlich wollten wir mit ihm noch mal über Luis Reigosa sprechen.«

»Über Luis?«

»Kennen Sie das Idílico, Doktor Zuriaga?«

»Ja, das ist eine Szenekneipe, aber ich habe Ihnen, glaube ich, schon gesagt, dass ich nicht in solche Lokale gehe.«

»Sie nicht, aber Ihr Freund Reigosa war offenbar ab und zu im Idílico. Der junge Mann, der ermordet worden ist, hat dort als Discjockey gearbeitet.«

Zuriaga hatte aufmerksam zugehört. »Was wollen Sie damit sagen, Inspektor?«

»Dass ich nicht an den Zufall glaube. Ich bitte Sie, mit aufs Kommissariat zu kommen. Wir wollen, dass Sie eine Aussage ablegen.«

»Heißt das, ich bin verhaftet?«, sagte Zuriaga mit brüchiger Stimme.

»Ich werde Ihnen jetzt keine Handschellen anlegen, falls Sie das befürchten. Aber es wäre nicht verkehrt, wenn Sie sich mit Ihrem Anwalt in Verbindung setzen würden. Selbst für jemanden wie Sie sind zwei Tote kein Kinderspiel.«

»Zwei Tote?« Zuriaga sah ihn verzweifelt an. »Nach allem, was ich Ihnen gesagt habe, können Sie doch nicht glauben, ich sei imstande gewesen, Luis oder diesen anderen jungen Mann zu töten!«

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»Ich glaube gar nichts, Doktor. Ich bin der Erste, der sich freut, wenn Sie beweisen können, dass Sie unschuldig sind. Ich mache bloß meine Arbeit. Ich kann jetzt natürlich auch ohne Sie fortgehen, aber so wie die Dinge liegen, wäre ich sehr schnell wieder hier – mit einem richterlichen Haftbefehl.«

Der Arzt überlegte eine Weile, ohne etwas zu sagen.

»Lassen Sie mich bitte ein Jackett holen«, murmelte er schließlich niedergeschlagen.

Caldas sah hinter Dimas Zuriaga her, der mit schweren Schritten auf seine fürstliche Residenz zuging.

»Doktor!«, rief er plötzlich.

Zuriaga blieb stehen und drehte sich um.

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»Falls Sie mit Ihrer Frau sprechen möchten … Es ist natürlich möglich, dass die ganze Angelegenheit im Sande verläuft, trotzdem kann es sein, dass alles Übrige mit herauskommt. Ich nehme an, ihr ist es lieber, die Geschichte von Ihnen zu erfahren.«

»Ich weiß nicht, ob Sie mir glaubt«, erwiderte der Arzt, »aber es wäre wirklich eine große Erleichterung für mich, zuerst mit Mercedes zu sprechen.«

Beziehung

Im Kommissariat angekommen, führten sie Dimas Zuriaga ins Besprechungszimmer. Sie boten ihm an, sich auf ein Sofa zu setzen, und fragten, ob er einen Kaffee trinken wolle. Der Doktor wurde zwar eines Verbrechens verdächtigt, seine he­rausgehobene Stellung machte es jedoch unumgänglich, ihm eine besonders zuvorkommende Behandlung zuzugestehen.

Anschließend wurden Caldas und Estévez ins Büro von Kommissar Soto gerufen.

Soto empfing sie freundlich und sanft wie immer. »Könnt ihr mir sagen, was zum Teufel Doktor Zuriaga hier verloren hat?«

Estévez seufzte nervös, und Caldas ergriff das Wort. »Es geht um den Mord an Luis Reigosa, diesen Musiker, dessen Leiche in der Torre Toralla aufgefunden wurde.«

»Wer Reigosa ist, weiß ich selbst«, fiel ihm der Kommissar ins Wort. »Ich will wissen, was Doktor Zuriaga auf meinem Kommissariat zu suchen hat, verdammt noch mal. Ist dir klar, dass ich ausdrücklich angewiesen worden bin, den Doktor in Ruhe zu lassen? Heißt das bei dir ›in Ruhe lassen‹?«

Estévez senkte den Kopf, Caldas dagegen ließ sich nicht beeindrucken. »Falls es Sie interessiert, wir haben den Doktor nicht gezwungen, mitzukommen, Kommissar. Es war sein eigener Entschluss.«

»Na klar doch. Und er hat dich auch gebeten, ihn in eine möglichst dunkle Zelle zu stecken«, giftete der Kommissar sichtlich nervös zurück.

»Wollen Sie, dass ich Ihnen erkläre, wieso der Doktor hier ist, Kommissar?« Caldas wartete vergeblich auf eine Antwort. »Vielleicht legen Sie sich ja auch lieber selbst eine Story zurecht, für den Fall, dass gleich irgendein hohes Tier hier anruft und eine Erklärung verlangt.«

Der Kommissar setzte sich und wies auf die beiden Stühle auf der anderen Seite des Schreibtischs. »Also los«, befahl er. »Aber sieh zu, dass es schnell geht.«

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Die beiden Polizisten setzten sich. Caldas legte einen verschlossenen Umschlag auf den Tisch und begann seine Erklärung. »Um es kurz zu machen, Zuriaga und Luis Reigosa hatten seit mehreren Jahren ein Verhältnis …«

»Ein Verhältnis?« Soto unterbrach ihn. »Was soll denn der Scheiß?«

»Ein Verhältnis, Kommissar, eine Beziehung. Eine Liebesgeschichte, wenn Ihnen das lieber ist.«

»Verarsch mich nicht, Leo«, rief der Kommissar und stand auf und machte eine wütende Armbewegung. »Darf ich dich daran erinnern, dass wir es hier mit Don Dimas Zuriaga zu tun haben?«

»Soll ich die Sache jetzt erklären oder nicht?«, sagte Caldas streng.

Der Kommissar begriff, dass der Inspektor es ernst meinte, und setzte sich wieder hin. Caldas fing noch einmal von vorne an.

»Zuriaga und Reigosa hatten seit drei Jahren ein Verhältnis. Streng geheim natürlich, keiner durfte etwas mitbekommen, weder Zuriagas Familie noch sonst wer. Nicht einmal die engsten Vertrauten des Doktors wussten von der Existenz Luis Reigosas. Vor ungefähr einem Monat bekam er auf einmal anonyme E-Mails. Im Anhang befanden sich kompromittierende Fotos, auf denen er mit dem Saxofonisten zu sehen war. Die Botschaft lautete, dass die Fotos nur gegen die Bezahlung einer beträchtlichen Geldsumme nicht veröffentlicht werden würden. Zuriaga ging auf die Erpressung ein, schließlich ist für ihn nichts so wichtig wie absolute Diskretion, sein Geheimnis durfte um keinen Preis bekannt werden.«

Caldas, der während der ganzen Zeit den Umschlag auf dem Tisch hin und her geschoben hatte, machte eine Pause.

»Bis jetzt habe ich nur wiedergegeben, was Dimas Zuriaga selbst erzählt hat«, sagte er dann. »Er kann es Ihnen in jedem Punkt bestätigen.«

»Worauf willst du hinaus, Leo?«, fragte Soto. »Du glaubst doch nicht, du kannst mir weismachen, du hast ihn mitgebracht, damit er Anzeige wegen Erpressung erstattet.«

»Keineswegs, Kommissar. Dimas Zuriaga ist hier, weil er unserer Ansicht nach mit dem Tod des Musikers zumindest etwas zu tun hat.«

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»Hast du nicht gerade gesagt, dass er sein Liebhaber war?« Der Kommissar wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, es mit jemandem vom Kaliber des Präsidenten der Fun­dación Zuriaga zu tun zu bekommen. »Bitte, Leo, sei so nett und …«

»Ich wollte es Ihnen gerade erklären«, erwiderte Caldas. »Wenn Sie einverstanden sind, stelle ich Ihnen jetzt meine Hypothese dar.«

»Soll das heißen, du hast Doktor Zuriaga wegen irgendwelcher Hypothesen aufs Kommissariat gebracht?«

Rafael Estévez rutschte auf seinem Stuhl herum.

»Mehr kann ich im Moment nicht bieten, in der Tat«, bestätigte Caldas.

»Scheiße, Leo, du ruinierst mich, du ruinierst uns alleKommissar Soto versteckte das Gesicht für eine Weile hinter seinen Händen. Dann rieb er sich heftig die Augen und sah den Inspektor an. »Weiter«, befahl er trocken.

Leo setzte seinen Bericht fort.

»Nachdem er sich vom ersten Schrecken erholt hatte, hat Zuriaga versucht herauszufinden, von wem die E-Mails stammten. Das ging nicht so schnell. Deshalb hat er mehrere Wochen lang jedes Mal die Summen bezahlt, die von ihm gefordert wurden. Jemand mit so viel Macht wie er und mit genug Geld, um jeden verschlossenen Mund aufzubekommen, schafft es aber irgendwann, herauszukriegen, wer hinter der Erpressung steckt, ohne dass andere etwas davon merken. Das hat eine Weile gedauert, doch zuletzt gelangte Dimas Zuriaga an sein Ziel.«

Estévez und Soto hörten dem Inspektor aufmerksam zu.

»Zu erfahren, wer hinter der Sache steckte, war viel schlimmer für Zuriaga als die bloße Tatsache, erpresst zu werden«, fuhr Leo fort. »Denn die Urheber der Botschaften waren der Discjockey einer hiesigen Schwulenkneipe, der sich auch als Hobbyfotograf betätigte, und Luis Reigosa, Zuriagas Lieb­haber.«

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Kommissar Soto breitete die Arme aus – Caldas’ Ausführungen schienen ihm offensichtlich nicht ausreichend.

»Das intimste Geheimnis des Doktors war ausgerechnet von dem Menschen verraten worden, dem er am meisten vertraute.« Caldas ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Zuerst empfand er nichts als tiefen Schmerz, aber seine Verwirrung und Niedergeschlagenheit wandelten sich schon bald in Hass und den Wunsch nach Rache. Luis Reigosa hatte mit den aufrichtigen Gefühlen von Dimas Zuriaga ein böses Spiel getrieben, er hatte ihn ausgenutzt. Dafür wollte der Doktor Wiedergutmachung, den Schmerz, der ihn so unerwartet getroffen hatte, sollte der andere auch verspüren.«

»Kannst du diesen Quatsch irgendwie beweisen?«, fragte Soto.

Der Inspektor öffnete den Umschlag und holte die Fotos heraus, die er sich in der Wohnung von Orestes Rial ausgedruckt hatte.

»Als wir heute Morgen bei Zuriaga waren, hat er behauptet, er kenne den Saxofonisten nicht«, setzte Caldas seine Ausführungen fort, während er die belastenden Bilder von Dimas Zuriaga und Luis Reigosa auf dem Tisch ausbreitete. »Und jetzt sagt er, er habe uns angelogen, weil er nicht wollte, dass das mit der Erpressung herauskommt, und natürlich auch, um die Fotos geheim zu halten.«

Caldas ließ dem verblüfften Kommissar genug Zeit, um sich die Bilder gründlich anzusehen, bevor er weitersprach.

»Dann wartete Zuriaga nur noch auf die passende Gelegenheit, um seine Rache zu vollenden. Natürlich durfte er keinerlei Spuren hinterlassen, die ihn in Verbindung zu dem Verbrechen bringen konnten. Er musste unbemerkt auf eine Insel gelangen und auch wieder von dort verschwinden, deren einzige Zufahrt rund um die Uhr bewacht wird. Zuriaga war mehrfach auf Toralla gewesen und wusste, dass die Wachleute bei Regen ihnen bekannte Autos einfach durchfahren lassen, ohne aus ihrem schützenden Häuschen zu kommen. Mit der nächsten Regennacht sah er seine Gelegenheit gekommen. Er verabredete sich irgendwo mit Reigosa, und dann fuhren sie zusammen im Auto des Saxofonisten über die Brücke auf die Insel. Wie erwartet, kam der Wärter nicht aus seinem Häuschen. Er öffnete den Schlagbaum und ließ sie durchfahren. Dass der Doktor auf dem Beifahrersitz saß, davon bekam er nichts mit. Aufgrund der Dunkelheit, des Regens und der Jahreszeit war es so gut wie ausgeschlossen, dass irgendjemand auf die Idee käme, dass er an diesem Abend auf der Insel gewesen sein könnte.«

Caldas unterbrach die Darlegung seiner Theorie, um den Kommissar zu fragen, ob er ihm folgen könne. Doch Soto ließ bloß die Hand in der Luft kreisen, um ihm zu verstehen zu geben, er solle weitersprechen.

»In Reigosas Apartment angekommen, tranken sie erst einmal etwas, so wie immer. Das Benehmen von Zuriaga, der in zahllosen Geschäftsbesprechungen gelernt hat, seinen Jagd­ins­tinkt zu kaschieren, rief in keinem Moment das Misstrauen von Luis Reigosa hervor. Anschließend tat Zuriaga so, als wäre er an diesem Abend besonders leidenschaftlich, und fesselte Reigosas Hände an das Kopfende des Betts. Damit war der Saxofonist ihm ausgeliefert. Er merkte zu spät, was der andere in Wirklichkeit vorhatte. Zuriaga hatte eiskalt die schmerzhafteste Form von Rache vorbereitet, die man sich vorstellen kann. Als Chirurg wusste er, was für eine verheerende Wirkung Formaldehyd hat, wenn man es direkt ins Gewebe spritzt. Nachdem Reigosa voller Entsetzen die Erpressung gestanden hatte, knebelte der Doktor ihn, damit niemand seine Schreie hören konnte. Dann injizierte er das Formaldehyd in den Penis des wehrlosen Musikers und rächte sich damit auf brutalstmögliche Weise. Was dabei herauskam, haben Sie selbst im Autopsiesaal sehen können.«

Der Kommissar nickte.

»Erinnere mich bloß nicht daran!«, stöhnte Rafael Estévez.

Der Kommissar nahm eins der Fotos in die Hand. »Damit kannst du beweisen, dass Zuriaga Reigosa gekannt hat, Leo. Mit etwas Glück könnten wir auch die Erpressung belegen. Aber trotzdem bewegen wir uns auf sehr dünnem Eis. Um ihm die Beteiligung an einem Verbrechen nachzuweisen, brauchen wir mehr als bloße Vermutungen. Wir brauchen Tatsachen.«

»Die beschaffe ich Ihnen«, erwiderte Caldas und setzte seine Schilderung der Vorfälle auf der Insel Toralla fort. »Während sein Liebhaber im Bett verreckte, machte sich Zuriaga daran, die Wohnung gründlich zu reinigen. Jede noch so kleine Spur seiner Anwesenheit an diesem oder einem der vorausgegangenen Abende hätte genügt, um eine Verbindung zwischen ihm und dem Verbrechen herzustellen, natürlich mit katastrophalen Folgen für ihn. Die Gläser auf dem Wohnzimmertisch sparte er sich für zuletzt auf. Aber irgendetwas muss seine bis dahin bewiesene Kaltblütigkeit beendet haben, sodass er sich vorzeitig aus dem Staub machte, vielleicht ein plötzliches Geräusch, ein unerwartet aufscheinendes Licht, was weiß ich, jedenfalls verließ er die Wohnung, ohne die Fingerabdrücke auf den Gläsern entfernt zu haben. Obwohl die Putzfrau den Großteil davon ruiniert hat, haben wir einen kleinen Rest retten können. Den werden wir mit seinen Fingerabdrücken abgleichen. Wenn sich eine Übereinstimmung findet, haben wir zumindest den Nachweis, dass Dimas Zuriaga sich am Tatort aufgehalten hat.«

»Ich sehe immer noch nicht, wie das ausreichen soll, um gegen jemanden wie Zuriaga Anklage wegen Mordes zu erheben«, sagte der Kommissar. »Falls der Fingerabdruck wirklich von ihm stammt, beweist das bloß, dass er in der Wohnung des Musikers gewesen ist. Was sein widersprüchliches Verhalten angeht, das lässt sich ohne Weiteres mit seiner Furcht erklären, die Fotos könnten in der Öffentlichkeit bekannt werden. Warten wir lieber den endgültigen Bericht der Spurensicherung ab!«

»Da ist aber auch noch der Discjockey«, sagte Caldas, der nicht einsehen wollte, weshalb er auf halbem Wege kehrtmachen sollte.

»Wer?«, fragte der Kommissar.

»Ich habe Ihnen doch erzählt, dass Dimas Zuriaga herausgefunden hat, dass zwei Leute hinter der Erpressung steckten. Der eine war sein Liebhaber Luis Reigosa. Und dessen Komplize war dafür zuständig, die Aufnahmen zu machen und sie samt Drohbrief per E-Mail zu schicken.«

»Und, habt ihr ihn gefunden?«, fragte Soto neugierig.

Caldas nickte. »Ja, letzte Nacht. Er arbeitete als Discjockey in einer Bar in der Calle Arenal, im Idílico, einem Homo­treff.«

»Aha«, sagte Kommissar Soto mit einem missbilligenden Seitenblick auf Estévez. Ihm war die Anzeige wieder eingefallen, die der Vertreter der Schwulengruppe angekündigt hatte.

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Space before Hyphen There is a space character before this hyphen.'fragte – was e' 'haben –, wol' This should probably be a non-breaking space, otherwise there might be a linebreak rendered before.

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»Der Typ hat behauptet, er kenne Reigosa«, sagte Caldas. »Er sei zwar kein Stammkunde gewesen, aber ab und zu habe er sich im Idílico blicken lassen. Als ich ihn nach einem Mann mit ungewöhnlich weißem Haar fragte – was einem an Zuriaga ja als Erstes auffällt, wie Sie wahrscheinlich selbst festgestellt haben –, wollte er sich jedoch plötzlich auf nichts mehr einlassen. Erst dann habe ich ihm gesagt, dass Luis Reigosa ermordet worden ist. Da schien der junge Mann auf einmal richtig Angst zu bekommen. Er wirkte sehr verunsichert und wollte dort auch nicht mehr weitersprechen. Deshalb verabredeten wir uns für heute um fünf Uhr, an einem Ort, der möglichst weit weg von seiner Wohnung, dem Kommissariat und der Bar sein sollte.«

»Und, was ist dabei herausgekommen?«, fragte Soto.

»Nichts, Kommissar. Der Discjockey konnte nicht kommen«, antwortete Caldas. »Er hieß Orestes Rial. Das ist der junge Mann, den sie heute mit einem Genickschuss in seiner Wohnung in der Avenida de las Camelias aufgefunden haben. Ich bin mir sicher, dass Zuriaga ihn umgebracht hat.«

Der Kommissar, der schon vor mehreren Stunden von diesem neuerlichen Verbrechen in der Stadt erfahren hatte, fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. »Ist das auch wieder so eine Theorie von dir, Leo?«

»Bis jetzt, ja, Kommissar. Allerdings waren die Fotos da vor Ihnen auf dem Computer des Ermordeten gespeichert«, sagte Caldas und zeigte auf die Bilder. »Ich würde wetten, dass der Mord an Orestes um kurz nach eins passiert ist. Ungefähr um eins sind wir bei Zuriaga aufgebrochen. Er muss gleich danach zur Wohnung des jungen Mannes gefahren sein. Der hat um die Uhrzeit bestimmt noch geschlafen, schließlich arbeitete er immer bis sieben Uhr morgens. Orestes muss einen Riesenschreck bekommen haben, als er die Tür aufgemacht hat und den Doktor vor sich sah. Der hat wahrscheinlich damit gedroht, alles der Polizei zu erzählen. Irgendwie muss der Doktor es geschafft haben, ihn zu beruhigen. Und dann hat er ihn von hinten erschossen. Zuriaga behauptet übrigens, um diese Uhrzeit zu Hause gewesen zu sein. Angeblich ist er schon seit Tagen nicht mehr weggegangen, weil er so deprimiert war wegen Reigosas Tod. Seine Frau hat aber ganz unbekümmert erzählt, dass ihr Mann das Haus verlassen hat, um etwas zu erledigen, wie er gesagt haben soll. Unsere Besuche scheinen seine Heilung ziemlich beschleunigt zu haben.«

Der Kommissar hob die Hand, und Caldas machte eine Pause.

»Das passt doch alles nicht richtig zusammen, Leo. Woher soll Zuriaga gewusst haben, dass ihr am Abend davor bei Ores­tes Rial wart?«

»Das wusste er auch nicht. Aber ich habe bei unserem ersten Besuch damit gedroht, ich hätte einen Zeugen, der bestätigen könne, dass Zuriaga und Reigosa sich kannten. Eigentlich wollte ich ihn bloß nervös machen, das war nur ein Trick, ich wollte ihn dazu bringen, von sich aus einen Fehler zu begehen«, sagte Caldas. »Zuriaga muss seine eigenen Schlüsse daraus gezogen haben. Und dann hat er beschlossen, den zweiten Erpresser ebenfalls zur Strecke zu bringen, bevor der etwas ausplaudern konnte. Anschließend hat er alles getan, um jede Verbindung zwischen den beiden zu verwischen.«

»Und dabei ist ihm dann offenbar etwas durcheinandergeraten«, fügte Soto leise hinzu.

Estévez lächelte erleichtert, die Theorie seines Vorgesetzten war offenbar doch mehr als ein bloßes Hirngespinst.

»Vor ein paar Minuten wurde ich darüber benachrichtigt, dass man einen Handschuh gefunden hat. Ich nehme an, Ihnen hat man das auch mitgeteilt, Kommissar«, sagte Caldas.

»Ja, ein Latexhandschuh. Er befand sich in einem Müll­eimer ganz in der Nähe des Wohnhauses von diesem Orestes. Offenbar sind auch Schmauchspuren daran.«

»Wenn meine Theorie stimmt, Kommissar, müssten wir an der Innenseite des Handschuhs DNS-Spuren von Zuriaga finden.«

»In diesem Fall sieht es wirklich ziemlich schlecht für ihn aus.« Der Kommissar wirkte auf einmal verunsichert.

»Das letzte noch fehlende Detail sollte uns Isidro Freire liefern können.«

»Wer?« Diesen Namen kannte der Kommissar nicht.

»Ein Typ mit einem kleinen schwarzen Hund«, mischte Estévez sich ein und wurde sogleich von Caldas mit einem bösen Blick abgestraft.

»Isidro Freire arbeitet bei Riofarma. Er hat die Firmenvertretung für ganz Vigo«, erklärte Caldas. »Er beliefert unter anderem die Fundación Zuriaga mit Formaldehyd. Wenn Sie es wissen wollen: Ich fürchte, auch Freire taucht nicht mehr lebendig auf.«

»Leo, also bitte!«, rief der Kommissar entsetzt.

Caldas sprach unbekümmert weiter: »Isidro Freire ist das Verbindungsglied zwischen Zuriaga und dem Formaldehyd, zwischen dem Täter und der Tatwaffe. Ich habe mir eine Liste von allen Telefongesprächen Freires besorgt, in den letzten Tagen hat er mehrfach bei Zuriaga zu Hause angerufen. Heute ist Freire nicht in der Firma erschienen, und ans Telefon geht er auch nicht. Was soll ich sagen, Kommissar? Falls Zuriaga tatsächlich Luis Reigosa und Orestes Rial hat von der Bildfläche verschwinden lassen, wieso sollte er da ausgerechnet Isidro Freire verschonen, der ihm mindestens so gefährlich werden könnte?«

Kommissar Soto sagte kein Wort mehr, Caldas’ Überlegungen waren kaum zu widerlegen. Der Inspektor stand auf.

»Verstehen Sie jetzt, weshalb Zuriaga sich auf dem Kommissariat befindet, Kommissar?«

Regen

Am 20. Mai regnete es. Der Winter war mal wieder an der Reihe.

Um halb zwei lehnte der Inspektor an der Theke und wartete auf den Wein, der seinerseits als Aperitif für die Tintenfische dienen sollte, die Carlos an diesem Morgen auf dem Markt entdeckt hatte. Carlos hatte ihn und eine Reihe von Stammkunden angerufen, um von der ungewöhnlichen Qualität seines Fundes zu berichten. Er werde die Tintenfische gleich heute Mittag auf traditionelle Weise zubereiten, hatte er verkündet, also in einer leichten Soße aus Wein, Zwiebeln, Lorbeer und Stampfkartoffeln. Verlockt von der Vorstellung der kleinen Kopffüßer war Caldas viel zu früh in der Taverne erschienen. Auch die vier Professoren von der Universität waren lange vor der verabredeten Zeit eingetroffen und saßen nun vor ihren Weinschalen. Dieses Quartett kam genau wie Caldas normalerweise erst am Abend ins Eligio, heute jedoch waren sie allesamt der magischen Anziehungskraft dieses maritimen Leckerbissens erlegen und dafür von ihrem gewohnten Rhythmus abgewichen.

Wie schon die ganze Woche über hatte die Lokalzeitung auch heute fast die komplette Titelseite für den »Fall Zuriaga« freigeräumt. Volkes Stimme war mit Feuereifer dabei, den berühmten Kunstförderer zu lynchen, nachdem die Presse, obwohl das Urteil noch keineswegs gefällt war, den Angeklagten längst schuldig gesprochen hatte: ein perverser Homosexueller und brutaler Massenmörder.

Auch wenn immer mehr Indizien zusammenkamen, die gegen ihn sprachen, beteuerte der Doktor weiterhin seine Unschuld. Sein Anwaltsteam klammerte sich an die Tatsache, dass die in Luis Reigosas Wohnung gefundenen Fingerabdrücke nicht mit denen des Doktors übereinstimmten; darüber hinaus gebe es nichts, womit sich die Anwesenheit ihres Mandanten zur Tatzeit in dem Apartment auf der Insel Toralla belegen lasse.

Kaum zu widerlegen waren freilich die Ergebnisse der Untersuchung des Latexhandschuhs. Einerseits stammten die Schmauchspuren an der Außenseite von einer Waffe des Typs, mit dem Orestes ermordet worden war, andererseits stimmte das im Inneren des Handschuhs gefundene DNS-Material mit dem des Doktors überein.

Das große Titelfoto der Zeitung zeigte einen erschöpften Dimas Zuriaga, umgeben von seinen Anwälten und seiner Nichte Diana. Der Doktor wirkte völlig resigniert, er stand offenbar kurz davor, das Handtuch zu werfen. Seine Nichte jedoch kämpfte trotz aller Schwierigkeiten unermüdlich dafür, seine Unschuld zu beweisen. Diana Alonso Zuriaga war inzwischen zum öffentlichen Sprecher ihres Onkels geworden. Sie nutzte jede Gelegenheit, um die Presse darauf hinzuweisen, wie sehr er sich zeitlebens um andere verdient gemacht habe; zugleich wies sie entschieden die ungerechte Behandlung zurück, die dem Vorsitzenden der Fundación Zuriaga ihrer Meinung nach widerfahre.

Nichts zu hören oder zu sehen war dagegen von seiner Gattin. Seit der Verhaftung ihres Ehemannes habe Mercedes Zuriaga aufgrund einer schweren Depression das Anwesen der Familie nicht verlassen, hieß es in der Zeitung.

»Als ob es nichts Wichtigeres auf der Welt gäbe«, sagte Carlos und deutete auf die Zeitung. Dann stellte er eine Schale Wein vor Caldas auf den Tresen.

»Das kann man wohl sagen.«

Einer der Professoren vom Nebentisch blätterte in seiner Ausgabe der gleichen Zeitung und fragte Caldas, ob er mit dem Fall zu tun gehabt habe.

»Am Rande«, sagte der Inspektor ausweichend.

»Aus deinen Geschichten sollte jemand mal einen Roman machen, Leo«, sagte ein anderer Professor.

»Klar«, erwiderte der Inspektor mit einem leichten Grinsen.

»Im Erns, insistierte der Professor, »Krimis gehen sehr gut.«

»Na, dann weißt du ja, was du zu tun hast«, sagte Caldas und griff nach der Weinschale.

Während er der angenehmen Säure nachschmeckte, die der Wein in seinem Mund hinterließ, dachte der Inspektor über die Worte des Professors nach.

Plötzlich, so als wäre in seinem Inneren eine Seifenblase geplatzt, erlosch das Lämpchen, das die ganzen Tage über in seinem Kopf geflimmert hatte. Schlagartig stellte sich an seiner Stelle eine Erinnerung ein, und Caldas sah auf einmal klar und deutlich vor sich, was während der Durchsuchung von Reigosas Wohnung so hartnäckig seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, um sich anschließend ebenso hartnäckig allen Versuchen, es ins Gedächtnis zurückzurufen, zu widersetzen.

Jetzt sah er wieder die Regale des Toten vor sich, in denen sich lauter Kriminalromane aneinanderreihten. Eins der beiden Bücher auf dem Nachttisch war ebenfalls ein Krimi gewesen. Das zweite Buch dagegen, das mit dem eingelegten Lesezeichen, hatte nichts mit Spannungsliteratur zu tun: Es handelte sich um einen dicken Band Hegel.

Auch wenn es für die Auflösung des Falles wohl kaum von Bedeutung war, spürte der Inspektor erleichtert, dass durch diese Entdeckung tatsächlich das enervierende Blinken in seinem Inneren aufgehört hatte.

»Findet ihr es normal, dass jemand, der sonst bloß Krimis liest, auf einmal zu Hegels Vorlesungen über die Ästhetik greift?«, fragte er, an die Professoren am Nebentisch gewandt, als ihm der Buchtitel wieder einfiel. Diese richteten ihrerseits auffordernde Blicke auf den Ältesten unter ihnen.

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»Tja, also …«, setzte dieser an. Offensichtlich war jetzt seine Meinung gefragt. »Auch wenn Hegel reichlich Metaphern auffährt, um seine Theorien zu verdeutlichen, leicht verdaulich werden sie deshalb noch lange nicht, erst recht nicht, wenn man müde im Bett liegt.«

Seine drei gebildeten Genossen nickten zustimmend.

»Stammt nicht von Hegel eines der wichtigsten Argumente, um die Methoden der Inquisition zu rechtfertigen?«, fragte Carlos von der anderen Seite der Theke aus und belegte damit einmal mehr das Ausmaß an Bildung, das er sich im Lauf seiner langjährigen Tätigkeit als Geschäftsführer einer aufgeklärten Speisegaststätte angeeignet hatte.

»Das könnte man so sagen, Carlos, aber vielleicht doch nicht ganz. Hegel neigt dazu, alles zu rechtfertigen, was den Menschen der Erlösung näherbringt, dem Seelenheil, meine ich. Und an der Stelle kann sich natürlich jeder einklinken, der sich berufen fühlt, den Torquemada vom Dienst zu geben«, erläuterte der alte Gelehrte. »Denn Hegel sieht tatsächlich etwas Positives in einer Verklärung, die aus dem Schmerz kommt, in einer Seligkeit, die aus der Buße gewonnen wird.«

Diese Formulierung kam Leo Caldas seltsam bekannt vor. Ganz ähnlich hatte sich letzte Woche einer der Anrufer in seiner Sendung ausgedrückt. Er zückte das Handy, wählte die Nummer vom Radio und ließ sich mit der Produktionsleitung verbinden.

»Entschuldige die Störung, Rebeca.«

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»Na so etwas, du am Telefon, Leo – ist irgendwas passiert?«

»Nein, ich wollte bloß wissen, ob man die Anrufe unserer Zuhörer zurückverfolgen kann. Eigentlich nur aus Neugier.«

»Wenn es noch nicht allzu lange her ist, ist das kein Problem. Die Aufzeichnungen der Sendungen werden eine Zeit lang aufbewahrt. Wann war denn die Sendung, die dich interessiert?«

»Letzte Woche, das genaue Datum weiß ich nicht mehr«, sagte Caldas. »Aber da wirst du ja besser Bescheid wissen. Es geht um den Anruf von so einem komischen Typen, Losada wusste damals gar nicht, was er dazu sagen sollte. Der hat kurz ein paar Sätze vorgetragen, es klang fast wie auswendig gelernt oder vorgelesen, auf jeden Fall hatte es irgendwie was Apokalyptisches, und dann hat er einfach aufgelegt.«

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»Ja, ich weiß, was du meinst. Der Chef war hinterher ganz schön sauer«, antwortete Rebeca. »Das habe ich gleich. Anrufe von Spinnern oder Leuten, die bloß einen blöden Witz oder eine Beleidigung loswerden wollen, speichern wir extra. Dann sind wir beim nächsten Mal vorgewarnt und stellen sie gar nicht erst durch. Das funktioniert zwar nicht hundertprozentig, aber es ist besser als nichts«, erklärte sie. »Mal sehen … Ah ja, hier. Der Anrufer hieß Ángel, obwohl ich nicht glaube, dass das sein richtiger Name war. Und er hat gesagt: ›Denn dies ist die positive Seite der Versöhnung, die Verklärung aus dem Schmerz, die aus der Buße gewonnene Seligkeit, ein Gegen­stand, der freilich leicht zu Abwegen verleitet.‹ Er hat ganz langsam und deutlich gesprochen. Ich habe es mir damals zur Sicherheit anschließend auch noch aufgeschrieben. So wissen wir das nächste Mal sofort, mit wem wir es zu tun haben.«

»Danke, Rebeca, du bist wirklich die Perfektion in Person«, sagte Caldas, erstaunt darüber, dass sie das Zitat so schnell hatte finden können. Und dass es von demselben Autor stammte wie das Buch auf Reigosas Nachttisch, war wirklich sehr seltsam.

»Soll ich dir die Nummer geben, Leo?«

Das war mehr, als der Inspektor zu hoffen gewagt hatte.

»Ja, gerne, leg los«, sagte er, ließ sich von Carlos den Kugelschreiber geben, der aus dessen Hemdtasche hervorsah, und notierte sich die Nummer, die Rebeca diktierte.

»Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«, fragte Rebeca anschließend beflissen.

»Ja. Kannst du herausfinden, an welchem Tag der Anruf war?«

»Kein Problem, Leo. Am 12. Mai.«

Caldas suchte in dem Zeitungsbericht über den »Fall Zuriaga« nach dem Todesdatum Luis Reigosas. Da stand es: Der Musiker war in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai ermordet worden.

Er verabschiedete sich von Rebeca und staunte wieder einmal, was für merkwürdige Zufälle es doch gab. Fast hätte er einfach die Nummer gewählt, die Rebeca ihm gerade gegeben hatte, aber dann überlegte er es sich anders und rief im Kommissariat an, um sich zunächst die Adresse des Inhabers zu verschaffen.

»Hallo, ich bins, Caldas. Kannst du mir sagen, wer der Inhaber dieser Telefonnummer ist?«, fragte er und gab dem Beamten am anderen Ende der Leitung die Nummer durch.

Während er die Antwort abwartete, sah er zu den Universitätsprofessoren hinüber. Mit den Weinschalen in den Händen diskutierten sie immer noch darüber, wie man Hegel am besten gerecht werden könne. Auf demokratischem Wege waren sie, allerdings bloß mit einfacher Mehrheit, übereingekommen, dass die auffälligste Eigenschaft des deutschen Philosophen darin bestand, dass er nahezu unlesbare Ziegelsteine produziert habe.

»Inspektor?« Am anderen Ende der Leitung erklang wieder die Stimme des Kollegen vom Kommissariat. »Das ist keine Privatnummer. Die Nummer gehört zu einer öffentlichen Telefonzelle in einem Krankenhaus.«

»In welchem?«, fragte Caldas und hatte das beunruhigende Gefühl, die Antwort bereits zu kennen.

»In der Fundación Zuriaga, Inspektor«, bestätigte der Kollege seine düstere Vorahnung.

»Vielen Dank«, murmelte Caldas.

Er ließ sich auf eine Bank neben einem der Fenster mit grün gestrichenen Rahmen fallen und starrte gedankenverloren auf die Regentropfen, die an der Scheibe hinabliefen. Und er erwachte nicht einmal aus seinem Brüten, als Carlos die dampfende Schüssel vor ihm auf den Tisch stellte und ihm ein aromatischer Duft in die Nase stieg.

Die Gelehrten dagegen verabschiedeten die Philosophie mit lautem Jubel.

»Gott schütze den Tintenfisch!«

Der Inspektor stand auf und ging hinaus.

Niemand beachtete ihn.

Wende

Inspektor Caldas ging zwischen den Tischreihen im Kommissariat hindurch. Als er bei Estévez vorbeikam, forderte er ihn mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen. Er öffnete die Glastür seines Büros, zog die Jacke aus und hängte sie auf, ließ sich in seinen schwarzen Lederstuhl fallen und griff nach dem Hörer des Telefons.

»Was ist denn los, Chef?«, fragte Estévez, als er hinter ihm im Büro erschien.

»Du musst mir einen Gefallen tun«, sagte Caldas und leg­te eine Hand auf den Hörer. »Ruf bei Riofarma an und frag Ramón Ríos, ob sie nun wissen, wo Isidro Freire steckt.«

Rafael Estévez öffnete die Glastür wieder und entfernte sich zwischen den Tischreihen.

»Bin ich da bei der Spurensicherung? Kann ich bitte Clara Barcia sprechen?«, sagte der Inspektor, als sich am anderen Ende der Leitung eine Stimme meldete.

Seit er aus dem Eligio gekommen war, drängte es Caldas, noch einmal mit der Polizistin zu sprechen, die die Spurensuche in Luis Reigosas Wohnung geleitet hatte. Er wusste, wie gewissenhaft Clara arbeitete, und hoffte, sie werde ihm helfen können.

»Hallo, ich bins, Leo«, sagte er, als er Claras Stimme hörte. »Ich wollte dich etwas fragen, es hat mit der Wohnung von diesem Reigosa zu tun, in der Torre Toralla. Erinnerst du dich an das Buch, das auf dem Nachttisch lag?«

»Das von Hegel oder das andere?«

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»Das von Hegel«, antwortete der Inspektor. »Ist dir irgendetwas daran aufgefallen? Eine Markierung, eine Widmung, vielleicht ein Aufkleber, was auch immer …«

»Außer dem unterstrichenen Satz eigentlich nichts, Inspektor.«

»Was für ein unterstrichener Satz?«

»Ein Satz war mit Bleistift unterstrichen, Inspektor«, erklärte Clara. »Auf der Seite, wo das Lesezeichen steckte.«

»Weißt du noch, wie der Satz lautete?«

»Nicht genau. Aber es war irgendwas Makabres, von wegen Schmerz und Buße haben auch ihre guten Seiten oder so«, antwortete Clara.

»Bist du sicher?«, fiel Caldas ihr aufgeregt ins Wort.

»Eigentlich schon, Inspektor«, sagte die Beamtin zögernd.

»Und wieso hat mir keiner was davon gesagt?«

»Das steht alles in dem Bericht, Inspektor«, verteidigte sich Clara, deren Stimme immer leiser wurde.

»In dem Bericht?«

Leo Caldas hatte Clara Barcias Abschlussbericht nicht gelesen. Nach der Verhaftung von Dimas Zuriaga hatte er den Fall als abgeschlossen betrachtet und sich nicht weiter für die Details interessiert. Für ihn endete die Arbeit mit der Festnahme der Verdächtigen und der Weitergabe des Beweismaterials. Von da an war die Staatsanwaltschaft am Zug.

»Ich habe handschriftlich hinzugefügt, dass dieser Satz Ihre Vermutung bestätigt, dass es sich um ein Verbrechen aus Eifersucht handeln müsse«, sagte Clara, spürbar irritiert durch den Tonfall, in dem Caldas mit ihr sprach. »Haben Sie das nicht gelesen?«

Der Inspektor antwortete nicht. Er wühlte stattdessen in einem Papierstoß vor ihm auf dem Tisch.

»Da Zuriaga inzwischen verhaftet worden war«, setzte Clara ihre Verteidigungsrede fort, »hielt ich es nicht für nötig, Sie nochmals auf dieses Thema anzusprechen.«

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Caldas zog ein aus mehreren aneinandergehefteten Blättern bestehendes Dossier aus dem Stapel – Clara Barcias Abschlussbericht.

»Scheiße«, fluchte Caldas leise. »Entschuldige, Clara, wir reden später noch mal darüber.«

Er legte auf und blätterte sich auf der Suche nach dem Zitat aus dem Buch hastig durch den Bericht. Er war sicher, dass die Stelle nicht zufällig unterstrichen worden war. Endlich stieß er darauf: »Drittens kann nun auch die positive Seite der Versöhnung, die Verklärung aus dem Schmerz, die aus der Buße gewonnene Seligkeit für sich zum Inhalt gemacht werden, ein Gegenstand, der freilich leicht zu Abwegen ver­leitet.«

»Scheiße, Scheiße«, fluchte er und las die Passage noch meh­rere Male durch.

»Sie erlauben, Chef?« Rafael Estévez stand wieder in der Tür.

»Und, hast du was über Isidro Freire herausgefunden?«, fragte Caldas, ohne von dem Dossier aufzusehen.

Der Assistent schüttelte den Kopf. »Seit wir da waren, ist er nicht mehr in der Firma aufgetaucht.«

Der Inspektor schob das Dossier zur Seite, legte die Hände aneinander und führte sie an den Mund. »Natürlich nicht«, murmelte er. »Wie konnte ich nur so blind sein.«

Er stand auf, nahm die Jacke vom Haken und verließ, gefolgt von seinem Assistenten, mit hastigen Schritten das Büro.

Das Auto der beiden Polizisten fuhr an der Küste entlang. Es regnete heftig, die Sicht durch die Windschutzscheibe war schlecht. Obwohl erst früher Nachmittag war, war der Himmel dunkel wie das Meer zu ihrer Seite.

»Was heißt, er war es nicht?«, fragte Estévez verwirrt. »Sie haben es doch selbst herausgefunden und alle nötigen Beweise zusammengetragen, und deshalb wird der Doktor jetzt auch verurteilt.«

»Ich sage, kann sein, dass er es nicht war, nicht auszuschließen, mehr sage ich nicht«, entgegnete Caldas, der wie immer auf dem Beifahrersitz saß.

Estévez leuchtete der plötzliche Meinungswechsel seines Vorgesetzten nicht ein. »Können Sie mir vielleicht mal erklären, wieso Sie ihn plötzlich für unschuldig halten?«

»Kein Rauch ohne Feuer«, lautete Caldas’ geheimnisvolle Antwort.

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»Tut mir leid, Inspektor, aber ich habe noch nie so getan, als würde ich den Stein der Weisen besitzen – könnten Sie sich vielleicht ein bisschen deutlicher ausdrücken, oder haben Sie plötzlich eine Leidenschaft für Ratespielchen entwickelt?«

Caldas wusste selbst nicht genau, worauf er hinauswollte, er hatte sich schon einmal getäuscht, das sollte ihm kein zweites Mal passieren. Er wusste bloß, dass es mit den Gedanken nicht anders ist als mit gutem Wein: Sie müssen sich setzen. Trotzdem beschloss er, Estévez an den Überlegungen, die durch seinen Kopf wirbelten, teilhaben zu lassen.

»An dem Tag, als Reigosa tot aufgefunden wurde, rief ein komischer Typ bei mir in der Sendung an. Er faselte davon, dass auch Schmerz und Buße ihre guten Seiten haben, oder so ähnlich. Genau genommen zitierte er aus einem Buch von Hegel. Jedes Mal gibt es den einen oder anderen Spinner unter den Anrufern«, sagte er zur Erklärung, »eigentlich war das also nichts Besonderes. Aber auf dem Nachttisch von Reigosa lag ein dickes Buch von genau diesem deutschen Philosophen. Und das passte überhaupt nicht zu den anderen Büchern, die Reigosa in seiner Wohnung hatte, der Rest war lauter Unterhaltungskram. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Reigosa sich abends nach einem Konzert zur Entspannung mit einem Philosophen aus dem 19. Jahrhundert beschäftigt haben soll.«

»Wieso nicht?«, unterbrach ihn Estévez. »Gegen Männergesellschaft in seinem Bett hatte er doch nichts einzuwenden, warum dann nicht auch dieser Hegel?«

Caldas war zu aufgewühlt, um auf den Witz einzugehen. Dafür erzählte er Estévez, obwohl er eigentlich beschlossen hatte, bis zum Ende der Fahrt den Mund nicht mehr aufzumachen, von seinen jüngsten Entdeckungen. Er hatte festgestellt, dass es ihm dabei half, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden, wenn er laut nachdachte.

»Das Buch war an einer Stelle markiert. Und auf der markierten Seite war ein Satz dünn mit Bleistift unterstrichen. Und das war fast wörtlich der Satz, den auch der Anrufer in der Sendung von sich gegeben hat!«

Caldas machte eine Pause und suchte nach einer Zigarette.

»Alle Anrufe beim Radio werden aufgezeichnet und eine Zeit lang gespeichert«, sagte er, als die Zigarette brannte. »Und dieser Anruf kam aus einer Telefonzelle im Eingangsbereich der Fundación Zuriaga.«

»Und was soll daran so besonders sein?«, unterbrach ihn Estévez. »Das macht doch alles nur noch klarer. Der Satz von diesem Hegel beweist, was wir sowieso schon gewusst haben: dass der Doktor sich superbrutal an dem Saxofonisten gerächt hat.«

»Da bin ich anderer Meinung, Rafa. Wer einen Mord plant, würde niemals so kindisch Spuren auslegen. Das ist alles viel zu simpel und durchschaubar«, sagte der Inspektor und kurbelte das Fenster einen Spaltbreit hinunter, damit der Rauch abziehen konnte. »Ganz so einfach geht es aber nicht.«

»Sie immer mit Ihren Ahnungen, Chef. Da, wo ich herkomme, sagt man: ›Was aussieht wie ’ne Ente und quakt und watschelt wie ’ne Ente, ist auch eine.‹

»Hier geht es aber um keine Ahnungen, Rafa. Merkst du das nicht?«

Eine Weile war nur der Regen zu hören, der auf das Dach des Autos trommelte, und dazu das Geräusch der Scheiben­wischer.

»Was soll ich merken?«, fragte Estévez schließlich.

»Innerhalb von zwei Tagen sind wir vom Formaldehyd bis zu Dimas Zuriaga gelangt«, erklärte der Inspektor. »Das ist alles viel zu schnell gegangen, da blieb keine Zeit, um in Ruhe über die Indizien nachzudenken.«

»Und was soll daran schlecht sein, Chef? Im Gegenteil, Sie können stolz darauf sein, dass wir den Mörder so schnell gefasst haben. Außerdem gab es zwei Tote, vergessen Sie das nicht. Vielleicht auch drei, falls Freire irgendwann auftaucht.«

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»Unter normalen Umständen wären wir bei unseren Ermitt­lungen erst dann weitergekommen, wenn Clara diese unterstrichene Stelle in dem Buch entdeckt hätte.« Die Theorie nahm in Caldas’ Hirn immer deutlicher Gestalt an. »Daraufhin wären mir die Sätze aus der Sendung wieder eingefallen … Verstehst du, worauf ich hinauswill?«, fragte der Inspektor und sah seinen Assistenten durchdringend an.

Estévez nickte kaum merklich, aber mehr, um ihm einen Gefallen zu tun, und Caldas setzte seine Ausführungen fort.

»Der Anruf kam von einem Telefon in der Fundación Zuriaga. Deshalb hätten wir die Ermittlungen natürlich auch auf das Umfeld dieser Klinik konzentriert. Und dabei wären wir irgendwann auf die Beziehung zwischen Zuriaga und Reigosa gestoßen, schließlich wissen wir alle, dass sich bestimmte Dinge nicht für immer und ewig geheim halten lassen. Früher oder später wären wir unweigerlich beim Doktor aufgekreuzt.«

»Das spricht aber doch erst recht gegen und nicht für ihn«, erwiderte Estévez.

»Du begreifst überhaupt nichts, Rafa. Wenn er den Mord begangen hätte, wie du behauptest, wie erklärst du dir dann den Anruf beim Radio? Und wie ist dann zu verstehen, dass in Reigosas Wohnung ein Buch lag, in dem genau diese Stelle unterstrichen ist? Da hätte er auch gleich seine Visitenkarte hinterlegen können.«

Für Caldas stand inzwischen fest, dass der Band Hegel nicht Luis Reigosa gehört hatte. Im Gegenteil, der Mörder hatte das Buch im Schlafzimmer ausgelegt, um den Verdacht auf einen Dritten zu lenken.

»Könnte aber auch sein, dass der Doktor mit Ihnen spielen wollte, Inspektor. Schließlich kennt man Sie in dieser Stadt, genau wie ihn, auch wenn Sie das nicht zugeben wollen. Vielleicht wollte er testen, wie gut Sie sind beim Spurensuchen. Wäre nicht das erste Mal, dass so was vorkommt.«

»Hast du die letzten Fotos von Zuriaga in der Zeitung gesehen?«, fragte Caldas. »Er ist nur noch ein Häufchen Elend. Sieht so etwa ein Verbrecher aus, der sich mit der Justiz anlegen will?«

Rafael Estévez sagte nichts, er hatte den erbärmlichen Anblick des berühmten Kunstförderers noch vor Augen.

»Zuriaga hat sich aufgegeben, der ist fertig«, sagte Caldas. »So benimmt sich niemand, der meint, er muss den schlauen Max markieren.«

»Das stimmt allerdings«, räumte Estévez ein.

»Was also noch mal das Buch und den Anruf angeht, ein Mörder sorgt normalerweise dafür, seine Spuren zu verwischen, statt welche zu hinterlassen. Wer auch immer sich das alles ausgedacht hat, sein Ziel war es, dass alles in eine einzige Richtung weisen würde, auf Zuriaga.« Caldas versuchte sich selbst zu überzeugen. »Ich habe das Gefühl, irgendwer wollte mir eine Falle stellen. Ich bin zwar nicht sofort darauf eingegangen, aber aus welchem Grund auch immer bin ich zuletzt genau dort angekommen, wo der Mörder mich hinhaben wollte: Ich habe den Doktor attackiert und ihn zum Schuldigen erklärt.«

Estévez war immer noch nicht überzeugt. »Sind Sie sicher, dass wir jetzt auf dem richtigen Weg sind?«

Caldas war mittlerweile zur Einsicht gelangt, es gehe weniger darum, wann man welchen Weg einschlage, als darum, am Ende ans Ziel zu gelangen, zur Wahrheit. Noch wenige Stunden zuvor war er sich ganz sicher gewesen, dass Zuriaga der Schuldige sei. Jetzt dagegen konnte er sich auf einmal vorstellen, dass der Doktor nichts mit dem eigentlichen Verbrechen zu tun hatte. Irgendwann hatte er im Verlauf der Ermittlungen die falsche Abzweigung genommen. Er war bereit, bis zu dieser Stelle zurückzukehren und sein Glück auf einem anderen Weg zu versuchen.

»Ich weiß nicht, ob das wirklich der richtige Weg ist«, sagte er zu Estévez. »Ich hoffe, wir finden Isidro Freire, damit er uns weiterhilft.«

Rafael Estévez wandte das Gesicht seinem Vorgesetzten zu. »Glauben Sie, dass Freire noch lebt?«, fragte er. Er erinnerte sich daran, dass sein Chef erst vor Kurzem den Besitzer des kleinen schwarzen Hündchens, das Estévez bei Riofarma die Schuhe zerbissen hatte, für tot erklärt hatte.

»Orestes ist in aller Eile umgebracht worden, da war keine Zeit für eine gründliche Vorbereitung. Isidro Freire dagegen ist jetzt schon seit acht Tagen verschwunden, so lange bleibt keine Leiche verborgen, wenn der Mörder improvisieren musste. Ich habe eher den Eindruck, Freire denkt gar nicht daran, wieder aufzutauchen«, behauptete der Inspektor, während er auf die Landstraße starrte, die sich hinter der vom Regen beschlagenen Scheibe nur erahnen ließ. »Und dann sind da auch diese ganzen Anrufe bei Zuriaga in den Tagen vor dem Mord an Reigosa. Was hatte Freire wohl mit dem Doktor zu bereden? Zuriaga brauchte Freire jedenfalls nicht, um an Formaldehyd zu kommen, davon hatte er mehr als genug in seinem eigenen Krankenhaus. Was auch immer Freire von ihm wollte, es ging bestimmt nicht um ein paar Liter Form­aldehyd.«

»Haben Sie mit Zuriaga über Freire gesprochen?«

»Zuriaga sagt immer das Gleiche: Von den Verbrechen weiß er nichts, Freire kennt er nicht, er wusste nicht, wer dieser Orestes war, und Luis Reigosa war die Liebe seines Lebens«, erwiderte Caldas. »Seit Tagen weicht er um kein Haar von dieser Aussage ab.«

»Und wie erklären Sie das mit dem Latexhandschuh?«, fragte Estévez, der noch immer nicht restlos überzeugt war, sosehr ihn die Gedankengänge seines Chefs mit Bewunderung erfüllten. »Den Discjockey hat Zuriaga Ihrer Meinung nach ebenfalls nicht umgebracht?«

Caldas zuckte wortlos die Schultern. Das DNS-Material im Fall von Orestes Rial war eindeutig, kein Richter hätte Zuriaga hier freigesprochen. Trotzdem fand der Inspektor nicht, dass der Handschuh etwas zur Aufklärung von Luis Reigosas Tod oder Isidro Freires Verschwinden beitrug.

Die einzige Hoffnung für den verhafteten Kunstförderer lag womöglich in irgendeiner Kleinigkeit verborgen, die bis jetzt übersehen worden war. Die kompliziertesten Fälle wurden fast immer durch scheinbar nebensächliche Details aufgeklärt.

Dimas Zuriaga selbst war jedoch viel zu verstört, um noch einmal ganz in Ruhe über das Vorgefallene nachzudenken. Aber Caldas hoffte, jemandem aus der näheren Umgebung des Doktors könne etwas aufgefallen sein, und sei es noch so unbedeutend, was dazu beitragen könne, die Unschuld Zuriagas zu beweisen.

Estévez hielt vor dem riesigen Holztor. Leo Caldas schlug den Jackenkragen hoch, stieg aus und ging, mehreren Pfützen ausweichend, zu dem in die Mauer eingelassenen Klingelknopf.

Der Inspektor stand im strömenden Regen und wartete, dass ihnen jemand aufmachte.

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Der abgedunkelte Raum war erfüllt von dem Geruch der Holz­vertäfelung.

»Strengen Sie sich an, Señora!« Caldas versuchte sie dazu zu bekommen, die letzte Zeit noch einmal ganz genau Revue passieren zu lassen.

»Erst ruinieren Sie mein Leben, und dann kommen Sie hierher und reden davon, ich soll mich anstrengen. Für wen halten Sie sich eigentlich?«, stammelte Mercedes Zuriaga. »Haben Sie keine Seele im Leib? Sie sind schuld daran, dass mein Mann im Gefängnis ist, man wirft ihm Verbrechen vor, die ich mir nicht einmal vorstellen kann, und Sie meinen, Sie können einfach hier erscheinen und mir die Geschichte immer wieder unter die Nase reiben.«

»Ihr Mann ist möglicherweise unschuldig, Señora.«

»Natürlich ist er unschuldig, Inspektor!«, rief Mercedes Zuriaga verzweifelt und sank schluchzend auf das Sofa.

Die Polizisten blieben respektvoll schweigend neben ihr stehen und warteten, bis sie sich ausgeweint hatte. Zu erleben, wie sich Señora Zuriaga in eine völlig andere Frau verwandelte, war keine angenehme Erfahrung. Nichts war mehr übrig von der eleganten Dame, die sie einige Tage zuvor so freundlich empfangen hatte. So als wollte das herrschaftliche Haus die Verwandlung mitvollziehen, war an die Stelle der betriebsamen Stimmung düstere Stille getreten, und die sonst so hellen Räume lagen in einem tristen Halbdunkel.

»Doña Mercedes«, jetzt war Rafael Estévez an der Reihe, zu sprechen, »versuchen Sie sich daran zu erinnern, ob Isidro Freire bei Ihrem Mann gewesen ist. Wir sind überzeugt, dass die beiden in den letzten Tagen zumindest miteinander telefoniert haben. Für Ihren Mann könnte das sehr wichtig sein.«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, ich kenne niemanden, der Isidro Freire heißt«, erwiderte die Frau, während sie sich mit dem Handrücken die Tränen von den geschwollenen Lidern streifte. »Ich habe Dimas’ Anrufe nie kontrolliert. Ich bin nicht seine Sekretärin, ich bin seine Ehefrau«, fügte sie in einem Aufbäumen ihres Stolzes hinzu.

Estévez nickte. Zuriagas Frau in diesem Zustand zu erleben, war für den Polizisten nur schwer zu ertragen. Auch Caldas war sich bewusst, was für eine Qual es für sie bedeutete, die schrecklichen Tage immer wieder neu in der Erinnerung heraufzubeschwören, aber sein Gewissen sagte ihm, dass er jeden Zweifel ausräumen müsse.

»Irgendetwas müssen Sie doch mitbekommen haben. Freire ist Vertreter eines chemischen Labors, er hat Ihren Mann in den Tagen, bevor wir bei Ihnen waren, mehrfach angerufen.« Für Caldas hatte sich die Frage der Telefonate von Freire noch längst nicht erledigt. »Sie müssen sich über irgendwelche medizinischen Produkte unterhalten haben, wahrscheinlich über Formaldehyd. Haben Sie nicht etwas in der Art gehört?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

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»Vielleicht hat er sich unter anderem Namen vorgestellt?« Caldas versuchte mit allen Mitteln, die Erinnerungen der Frau in Gang zu setzen – durch sein überstürztes Handeln hatte er Dimas Zuriaga in den tiefsten Abgrund der Hölle befördert; jetzt wollte er dessen Haus nicht verlassen, ohne wenigstens eine winzige Hoffnung für ihn im Gepäck zu haben. »Irgendwer muss in den letzten Wochen hier gewesen sein.«

Mercedes Zuriaga brach erneut in lautes Schluchzen aus.

»Ja, Sie beide. Sie sind bei uns eingedrungen und haben unser Leben zerstört, das Leben meines Mannes und mein Leben.« Sie musste Luft holen, bevor sie weitersprechen konnte. »Sie haben eine Familie zerstört. Wissen Sie, was das heißt? Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was das ist, eine Familie?« Sie stöhnte laut auf und bedeckte das Gesicht mit den langen schmalen Händen. »Sie Schweine.«

Rafael Estévez hielt ihr sein Taschentuch hin, während er den Inspektor mit flehendem Blick beschwor, die Frau endlich in Ruhe zu lassen. Leo Caldas gab sich geschlagen und legte seine Visitenkarte auf eins der kleinen Beistelltischchen in dem riesigen Wohnzimmer.

»Gut, Doña Mercedes. Wir fahren jetzt wieder aufs Kommissariat. Ich lasse Ihnen meine Telefonnummer da. Rufen Sie mich bitte an, falls Ihnen doch noch etwas einfällt.«

»Ich bringe Sie zur Tür«, sagte Mercedes Zuriaga und wischte sich mit Estévez’ Taschentuch die Tränen ab.

»Lassen Sie, das ist nicht nötig, Doña Mercedes, ich bitte Sie«, sagte Estévez.

Die Frau ignorierte seine Worte, stand auf und führte sie durch den Flur bis zu der eindrucksvollen Haustür.

Ohne Caldas die Hand zu geben, murmelte sie: »Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder.«

Mercedes Zuriaga öffnete die Tür, und herein schlüpfte ein tropfnasser kleiner Hund mit schwarz gekräuseltem Fell. Er lief ein Stück den Flur entlang, drehte sich dann um und stürzte sich auf die Füße von Rafael Estévez.

»Pipo, Pipo! Raus mit dir, aber sofort!«, schrie die Frau von Doktor Zuriaga das Tier an.

Estévez fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er sah, wie sich der kleine Hund Isidro Freires über seine Schuhbänder hermachte. Leo Caldas drehte sich zu der Frau um. »Wo ist Isidro Freire, Señora?«

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»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, erwiderte Mercedes Zuriaga, die immer noch die Tür für sie aufhielt. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden …«

»Wo?« Caldas rührte sich nicht vom Fleck.

»Haben Sie wirklich gar keinen Respekt?«, fuhr sie ihn an und brach erneut in Tränen aus. »Ich habe Ihnen schon gesagt, ich kenne diesen Mann nicht, Inspektor.«

»Sie wissen ganz genau, wen ich meine: Isidro Freire ist Vertreter von Riofarma, und ihm gehört dieser Hund.« Caldas zeigte auf den kleinen Pipo.

»Unmöglich«, stammelte Mercedes Zuriaga, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen.

»Hören Sie endlich auf mit dem Theater«, sagte Caldas knapp. »Ihr Mann ist vielleicht kein mustergültiger Ehemann, aber ein Mörder ist er trotzdem nicht.« Er trat auf sie zu. »Kommen Sie jetzt bitte mit, auf dem Kommissariat werden Sie einiges zu erklären haben.«

Mercedes Zuriaga hörte auf zu schluchzen, und Leo Caldas sah, dass sie ihn mit eisigem Blick anstarrte.

Als er sie auf dem Weg zum Auto erneut fragte, wo Isidro Freire stecke, deutete sie zum Meer. »Unten, im Boot, halb tot vor Angst.«

Der Inspektor schickte Estévez los, um ihn zu holen, und Mercedes Zuriaga fügte voller Verachtung hinzu: »Noch so ein Schwächling, genau wie Dimas. Lauter Schwächlinge, einer wie der andere.«

Motiv

Während des Verhörs schilderte Mercedes Zuriaga, wie sie nach einer kurzen Verlobungszeit ihre Arbeit als Krankenschwester aufgegeben hatte und Zuriagas Frau geworden war. Von da an lebte sie in einem Luxus, wie sie ihn sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können.

Doch nach einer ersten Zeit voller Leidenschaft ließ die Begeisterung ihres Mannes im gleichen Maß nach, wie sich seine Arbeitstage in der Stiftung immer mehr in die Länge zogen, bis von ihrer Ehe zuletzt kaum mehr als ein freundschaftliches Zusammenleben übrig war. Mercedes nahm es hin, dass Dimas so oft nicht zu Hause war und seine Zärtlichkeiten immer seltener wurden, denn der großen Bewunderung für ihren Mann konnte auch die Tatsache nichts anhaben, dass ihr nicht mehr seine ganze Liebe zu gehören schien.

Zwanzig Jahre lang hatte sie respektiert, wie sie erzählte, dass er offensichtlich intellektuelle Freuden den körperlichen vorzog. Misstrauisch wurde sie erst vor drei Jahren, als sie merkte, dass er auf einmal viel größeren Wert auf sein Äußeres legte und anfing, ihr Gründe für sein spätes Nachhausekommen zu präsentieren, etwas, worum sie ihn nie gebeten hatte. Mercedes vermutete, er treffe sich womöglich mit einer anderen Frau, und beschloss, ihrem Verdacht nachzugehen. Zu ihrer Überraschung fand sie heraus, dass der Grund für die Ausreden ein Mann war: Luis Reigosa, ein Saxofonist, der auf der Isla Toralla wohnte.

Mehrere Monate wartete sie ab, bis sie feststellte, dass Dimas offenbar nicht vorhatte, sie zu verlassen. Daraufhin beschloss sie, einfach so weiterzuleben wie bisher, in gewisser Hinsicht hatte sie ihren Mann ja schon vor Langem verloren. Sie versprach sich jedoch, nicht zuzulassen, dass irgend­jemand sie nach so vielen Jahren des Verzichts von Dimas’ Seite verdrängte.

Nachdem sie ihre anfängliche Verunsicherung überwunden hatte, unternahm sie immer häufiger Segeltouren mit ihrem Boot. Dabei lernte sie Isidro Freire kennen, einen gut aussehenden jungen Mann und begeisterten Segler, den sie, als Ausgleich für die eheliche Enttäuschung, zu ihrem Liebhaber machte. Durch ihre Beziehungen verschaffte sie ihm eine Anstellung bei Riofarma, einem nahe gelegenen Labor, das auch das Krankenhaus ihres Mannes belieferte.

So verging die Zeit, doch vor ein paar Wochen entdeckte sie zufällig im Laptop ihres Mannes eine erpresserische E-Mail, die im Anhang mehrere verfängliche Fotos enthielt. Ihr wurde klar, dass ihr Mann sich möglicherweise gezwungen sehen würde, sich zwischen ihr und Reigosa zu entscheiden.

Seit sie von der Beziehung ihres Mannes zu dem Musiker wusste, hatte sie immer wieder darüber nachgedacht, wie sie diese, sollte es irgendwann notwendig werden, beenden könnte. Sie war zu dem Ergebnis gelangt, dass es in diesem Fall zu ihrem eigenen Schutz am besten wäre, Reigosa verschwinden zu lassen und die Tat Dimas in die Schuhe zu schieben. Dafür musste alles nach einem Verbrechen aus Leidenschaft aussehen, das zugleich nur von einem Arzt begangen worden sein konnte. Als sie eines Nachmittags mit ihrem Geliebten an Deck ihres Segelboots lag und im Katalog von Riofarma blätterte, war sie bei der Lektüre der Gebrauchsanweisung für eines der Produkte auf die Idee gekommen.

Mit kalter Stimme erklärte sie, dass sie zunächst ihrem Mann heimlich gefolgt sei, als dieser das geforderte Geld hinterlegte; sie sei entschlossen gewesen, um jeden Preis zu verhindern, dass die Dinge durch die Erpressung vorzeitig ins Rollen kämen. Sie beobachtete, wie Dimas die Tüte mit dem Geld im Gebüsch deponierte. Als ein junger Mann erschien, Orestes Rial, der das Geld an sich nehmen wollte, tauchte sie aus ihrem Versteck auf und drohte dem Mann damit, ihn anzuzeigen. Rial sei furchtbar erschrocken und habe versprochen, keine weiteren Drohbriefe zu schicken; im Gegenzug garantierte Mercedes ihm, nichts zu verraten, während er versichern musste, sofort Bescheid zu geben, falls jemand sich bei ihm nach dem Doktor oder dessen Liebhaber erkundigen sollte.

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Mercedes kehrte nach Hause zurück und überredete Freire dazu, den Saxofonisten zu verführen; dafür stellte sie ihm einen Anteil an dem riesigen Vermögen des Doktors in Aussicht. Sie hatten vor, ihre Tat in einer der nächsten Regennächte ins Werk zu setzen, und es klappte gleich beim ersten Anlauf. Mercedes wusste, dass Reigosa des Öfteren loszog, um sich jemanden für eine Nacht zu suchen – mit seinen wasserblauen Augen hatte er keinerlei Schwierigkeiten, fündig zu werden. So auch am betreffenden Abend: Der Musiker ging auf Partnersuche, und Freire erwartete ihn schon im Idílico, ließ sich bereitwillig verführen und in das Apartment auf der Isla Toralla mitnehmen.

Im Schlafzimmer dann spielte Freire den leidenschaftlich Entbrannten und fesselte den Musiker ans Kopfende des Bettes, knebelte ihn und fuhr anschließend mit dem Lift nach unten, um Mercedes die Tür zu öffnen. Zuriagas Frau war mit dem Boot zur Insel gekommen.

Sie ging ins Schlafzimmer und spritzte das Formaldehyd in den Penis des Musikers. Selbstverständlich hatte sie Handschuhe angezogen. Freire musste ihr assistieren und Reigosas Beine festhalten, was ihm im Angesicht der schrecklichen Szene nicht gerade leichtfiel. Anschließend legte Mercedes Zuriaga, den Anweisungen ihres genau ausgetüftelten Planes folgend, den Band Hegel mit dem unterstrichenen Satz über die heilsame Wirkung von Schmerz und Buße neben das Bett des sterbenden Reigosa, der sich unter unsäglichen Qualen wand, während sich das Formaldehyd in seinem Körper ausbreitete.

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Isidro Freire, der sich beinahe übergeben hätte, unterzog das Schlafzimmer einer gründlichen Reinigung. Seine Komplizin übernahm die Aufgabe, im oberen Stock des zweigeschossigen Apartments alle Spuren verschwinden zu lassen. Die Gläser, aus denen Reigosa und Freire Gin getrunken hatten, rührte sie jedoch absichtlich nicht an – sie glaubte, damit etwas gegen ihren Liebhaber in der Hand zu haben, sollte der zu einem späteren Zeitpunkt versuchen, sie hereinzulegen, oder auch für den Fall, dass sie selbst irgendwann beschließen sollte, ihn durch jemand anders zu ersetzen.

Im Schutz der Dunkelheit verließ Mercedes Zuriaga die Insel auf ihrem Boot. Freire dagegen nahm Reigosas Wagen, den er anschließend in einem einsamen Waldstück in Brand setzte.

Am nächsten Tag rief Isidro Freire, als er wie jeden Tag aus beruflichen Gründen bei der Fundación Zuriaga vorbeisah, von einer Telefonkabine im Eingangsbereich der Stiftung aus beim Radio an und ließ sich zur Hörfunkstreife durchstellen. Sobald er an die Reihe kam, trug er die Sätze von Hegel vor und legte auf.

Mercedes Zuriaga brauchte bloß noch darauf zu warten, dass der berühmte Leo Caldas, der Mann von der Hörfunkstreife, sich nach der Untersuchung des Buches aus Reigosas Wohnung an den seltsamen Anruf während seiner letzten Sendung erinnerte, zwei und zwei zusammenzählte und den Mord mit der Fundación Zuriaga beziehungsweise ihren Mann mit dem toten Saxofonisten in Verbindung brachte. Saß jener dann erst hinter Gittern und hatte jegliches Ansehen in der Öffentlichkeit verloren, konnte sie in aller Ruhe daran gehen, das immense Vermögen der Familie Zuriaga zu genießen.

Doch dann kam der Nachmittag, an dem Isidro Freire gleich mehrfach erschrocken bei ihr zu Hause anrief: Zwei Polizisten waren bei Riofarma aufgetaucht und hatten ihn in Sachen Formaldehyd ausgefragt. Und am darauffolgenden Morgen meldete sich Orestes Rial, wie vereinbart, mit der Warnung, es seien zwei Polizeibeamte erschienen, die wissen wollten, ob er den Doktor und Reigosa kenne. Es sei ihm gelungen, sich die beiden vorläufig vom Hals zu schaffen, sie hätten verabredet, sich am nächsten Tag weiter zu unterhalten.

Die Spürhunde waren nicht auf den ausgelegten Köder gestoßen; dafür verfolgten sie jetzt eine Spur, die allzu gefährlich werden konnte.

Nachdem dieselben Polizisten dann auch noch bei ihr zu Hause erschienen waren, kam Mercedes Zuriaga zu der Überzeugung, Orestes Rial müsse endgültig zum Schweigen gebracht werden. Sie konnte nicht zulassen, dass der Discjockey sie in Gefahr brachte, weshalb sie ihn mit der Ausrede in seiner Wohnung aufsuchte, ihm für seine Zuverlässigkeit eine Extrabelohnung zukommen lassen zu wollen.

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Der junge Mann, der um diese Uhrzeit für gewöhnlich noch schlief, verschwand, gleich nachdem er ihr die Tür aufgemacht hatte, in Richtung Badezimmer, er müsse dringend pinkeln, wie er sagte. Mercedes Zuriaga nahm sich ein Kissen, das ihr als Schalldämpfer dienen sollte, und folgte Orestes, der verschlafen auf die Toilette zutrat. Die Hand, mit der sie die Pistole hielt, steckte in einem Latexhandschuh, über den sie einen zweiten Handschuh gestreift hatte. Diesen hatte sie – er war schon gebraucht – aus dem Papierkorb im Arbeitszimmer ihres Mannes gefischt. Gleich nach dem Verlassen des Hauses, in dem Orestes wohnte, deponierte sie den Handschuh mit den DNS-Spuren ihres Mannes an einer der Stellen, wo die Polizei nach ihrer Einschätzung zuerst nachsehen würde.

Die Saat war ausgebracht. Nun brauchte es bloß noch zu regnen, damit der Baum heranwuchs, dessen Früchte sie für alle Zeit genießen wollte.

»Schade um den Hund«, sagte Caldas, der sich eingestehen musste, dass ohne das Auftauchen des kleinen Pipo die Wahrheit niemals herausgekommen wäre.

»Nein, Inspektor Caldas«, verbesserte ihn Mercedes Zuriaga, »schade um die Männer.«

Hell

Caldas ging im unerbittlich niederströmenden Regen dahin. Erst nach elf Uhr abends waren sie mit den Vernehmungen von Señora Zuriaga und Isidro Freire fertig geworden.

Der Inspektor beschloss, zum dritten Mal die Bar in der Altstadt aufzusuchen. Er hatte keine Lust, sich der Einsamkeit seiner Wohnung auszusetzen. Und er verspürte das Bedürfnis, den Anblick des verstörten Dimas Zuriaga zu verdrängen, der sich mit düsterem Gesicht seine Entschuldigung angehört hatte.

Leo Caldas stieß die Tür des Grial auf, steuerte Hilfe suchend die Theke an und sah von dort zur Bühne, wo die Musiker gerade zu spielen anfangen wollten.

Die kleine hellhäutige Frau begrüßte ihn, indem sie den Kopf hob, legte dann die bleichen Hände auf die Tasten, näherte den Mund dem Mikrofon und sang flüsternd:

Someday he’ll come along

The man I love

And he’ll be big and strong

The man I love.

Domingo Villar

Domingo Villar, 1970 im galicischen Vigo geboren, lebt heute als Schriftsteller und Dreh­buchautor für Film und Fernsehen in Madrid. Daneben ist er bei einem internationalen Radiosender als Gastronomiekritiker tätig und schreibt regelmäßig für verschiedene Zeitschriften. Sein 2006 auf Spanisch veröffentlichtes Erstlingswerk wurde von Kritik und Leserschaft gleichermaßen begeistert aufgenommen und erzielte in seiner galicischen Heimat Rekordverkaufszahlen. Eine Verfilmung ist in Vorbereitung. Derzeit schreibt Villar, der sich selbst in der Tradition von Manuel Vázquez Montalbán, Andrea Camilleri und Antonio Muñoz Molina verortet, bereits an einer Fortsetzung.

Mit Leo Caldas hat Villar die Literatur um einen eigenwilligen Kommissar bereichert, humorvoll, genießerisch, aber teilweise ebenso rau und widerspenstig wie die galicische Landschaft, in der seine Geschichten spielen. Und gerade weil Wasserblaue Augen so eng mit Galicien verbunden ist, kann Villar auch in seinen Romanen Missstände der Küstenregion, die ihm so sehr am Herzen liegt, aufzeigen. »Einen Kriminalroman zu schreiben, schafft gleichzeitig die Möglichkeit, Kritik zu äußern, über gewisse Dinge zu sprechen, zum Beispiel über die negativen Auswüchse des Städtebaus oder die Einsamkeit alternder Menschen.«

Bibliografie

Ojos de agua (2006; dt. Wasserblaue Augen, 2009)

Der Übersetzer

Peter Kultzen, geboren 1962 in Hamburg, studierte Romanistik und Germanistik in München, Salamanca, Madrid und Berlin. Er lebt mit seiner Familie als freier Lektor und Übersetzer spanisch- und portugiesischsprachiger Literatur in Berlin.

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Laurent QuintreauUnd morgen bin ich dran. Das Meeting

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Raúl Argemí

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​Chamäleon Cacho

Bernardo Atxaga

Ein Mann allein

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Garry Disher

Drachenmann; Hinter den Inseln; Flug­rausch; Schnappschuss; Beweiskette

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Jef Geeraerts

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Friedrich Glauser

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metro­Spannungsliteratur
im Unionsverlag

»Die metro-Bände gehören auf jeden Fall zum Besten, was derzeit an sogenannter Spannungs­literatur zu haben ist.« Michaela Grom, Südwestrundfunk

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❧❧❧ 6 – ENTFERNT: IMPRESSUM

First Paragraph:
'metro'
Last Paragraph:
'ISBN 978-3-293-00399-6'

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❧❧❧ 4 – ENTFERNT: TITELEI

First Paragraph:
'Domingo Villar'
Last Paragraph:
'Unionsverlag'

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❧❧❧ 6 – ENTFERNT: IMPRESSUM

First Paragraph:
'metro'
Last Paragraph:
'ISBN 978-3-293-00399-6'

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❧❧❧ 3 – ENTFERNT: ABSCHNITT MIT ZUSATZINHALTEN anhand von Inhalten der Überschriften

First Paragraph:
'Domingo Villar'
Last Paragraph:
'Peter Kultzen, geboren 1962 in Hamburg, studierte Romanistik und Germanistik in München, Salamanca, Madrid und Berlin. Er lebt mit seiner Familie als freier Lektor und Übersetzer spanisch- und portugiesischsprachiger Literatur in Berlin.'

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❧❧❧ 2 – ENTFERNT: ABSCHNITT MIT ZUSATZINHALTEN anhand von Absatzformaten

First Paragraph:
'Weiter lesen mit dem Unionsverlag …'
Last Paragraph:
'metro­–Spannungsliteratur im Unionsverlag'

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